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Mit scharfem Verstand und spitzer Feder
Archäologie

Mit scharfem Verstand und spitzer Feder

Ein Brief Liselottes vom 16. März 1702 an ihre Halbschwester Amalie Elisabeth: „Hertzliebe amellisse, ewere schreiben konnen mir / Nie unangenehm sein, undt je mehr ich von euch / allen höre je lieber es mir ist, habt also gar / woll gethan ewer erst gedancken nicht / zu folgen undt mir eweren brieff zu / entziehen. Ich wolts gern daß Ihr undt / Louise noch eine zeit langg nach der / Königin in preusen abzug bei ma / tante bleiben möget, damitt iz nicht / gleich so gar allein sein mögen den / daß gibt gar trawrige gedancken / wen man daß allein sein nicht gewohnt / ist, die gutte fraw von harling S[elig] hatt / ihre stelle zu ihrer zeit gar woll vertretten …“ UB Heidelberg (Heid. Hs. 3924)

Liselotte von der Pfalz verfasste in ihrem Leben wohl rund 60 000 Briefe. In dieser für ihre Zeit so wichtigen Form der Kommunikation entwickelte sie durch scharfe Beobachtung, Ehrlichkeit und Humor einen ganz eigenen Stil.
Autor
Redaktion
17. April 2026
Lesezeit
8 Minuten
Rubrik
Archäologie
Liselotte von der Pfalz verfasste in ihrem Leben wohl rund 60 000 Briefe. In dieser für ihre Zeit so wichtigen Form der Kommunikation entwickelte sie durch scharfe Beobachtung, Ehrlichkeit und Humor einen ganz eigenen Stil.

Briefe stellten in der Frühen Neuzeit nicht nur die wichtigste Kommunikationsform dar, sondern waren auch zentraler Bestandteil der galanten Kultur, also des gesellschaftlichen Umgangs an den europäischen Höfen des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts, der auf Adel und gebildete Kreise ausstrahlte. Seit dem 16. Jahrhundert wurden in Italien und Frankreich Briefsammlungen ausgewählter Autorinnen und Autoren publiziert und in den mondänen Zirkeln gelesen. Auch unveröffentlichte Briefe las man in den Salons häufig gemeinsam und diskutierte darüber.

Die stilistischen und rhetorischen Anforderungen an einen gelungenen Brief sowie die Wahl angemessener Sujets unterlagen dabei einer strengen Etikette. Zahlreiche Handbücher, sogenannte manuels épistolaires, führten daher, aufbauend auf antiken und zeitgenössischen Modellen, in die Kunst des Briefeschreibens ein. Das Erlernen dieser Kommunikationsregeln stellte eine der wichtigsten Säulen der Sozialisierung eines jungen Menschen dar und fungierte als Schlüssel zur höfischen Welt.

Welchen Stellenwert Briefe für das gesellschaftliche Funktionieren hatten, zeigte sich nicht zuletzt anhand ihrer zentralen Rolle innerhalb der Literatur – sei es in Form handlungsbestimmender Objekte, wie das Versenden von Liebesbriefen in den Komödien Molières, oder als strukturgebendes Element wie in Choderlos de Laclos’ ausschließlich aus Briefen bestehendem Romanklassiker „Les Liaisons dangereuses“ („Gefährliche Liebschaften“) von 1782.

Die Pfälzerin kommt mit ihrem eigenwilligen Stil gut an

Für das Verständnis der französischen Briefkultur ist es entscheidend, das ständige, äußerst subtile Oszillieren zwischen stilistischem Regelkorsett und innerem Gefühlsausdruck zu verstehen. Von diesen Spielarten der galanten Konversation, für die insbesondere Madame de Sévigné bekannt ist, grenzte sich die in ihrer Erziehung nicht an die Etikette der französischen Hofgesellschaft herangeführte Liselotte zeitlebens bewusst ab. Dennoch, oder vielleicht zum Teil gerade deswegen wurde ihr Stil von vielen ihrer Zeitgenossen geschätzt.

Elisabeth Charlotte – so unterzeichnete sie ihre Briefe – selbst verfasste in ihrem Leben bis zu 60 000 Briefe, von denen rund 6000 erhalten sind. Das Korpus reicht von kurzen Billets über offizielle Schreiben an unterschiedliche europäische Adelige in ihrer Rolle als Madame bis zu ihrer ausufernden privaten Korrespondenz, insbesondere mit ihrer Tante Sophie von Hannover, die sich häufig über viele Seiten erstreckt. Dieser intensive, teils fast tägliche Kontakt kompensierte über Jahrzehnte hinweg die Schwierigkeit eines persönlichen Wiedersehens, derer sich die beiden Frauen nur allzu bewusst waren.

In ihren Briefen entpuppt sich Liselotte als große Leserin und Theaterliebhaberin. Ihre Kommentare geben Einblick in das kulturelle Geschehen und den Erfolg bestimmter Werke und Autoren, die heute kaum noch gelesen werden. Sie stellen somit ein wichtiges Werkzeug für die Reevaluierung des literarischen Kanons dar.

Darüber hinaus gab sie regelmäßig ihre eigene Einschätzung zu literarischen Werken und scheute dabei auch nicht vor polemischen Themen zurück. Nachdem 1699 der von Fénelon (1651–1715) verfasste und an den jungen Dauphin gerichtete Erziehungsroman „Les Aventures de Télémaque“ („Die Erlebnisse des Telemach“) ohne dessen Zustimmung veröffentlicht und kurz darauf aufgrund möglicher satirischer Lesarten in Hinblick auf den Sonnenkönig verboten wurde, brachte Liselotte in einem Brief vom 14. Juni 1699 an ihre Tante explizit ihr Bedauern gegenüber dieser Entscheidung zum Ausdruck: „Es ist mir recht leyd, daß [Fénelon] den roman von Telemaque nicht will drucken lassen, denn es ist ein recht artig und schön buch, ich habe es in manuscript gelesen; man meint, daß es in Holland wird gedruckt werden. Man hat es hier drucken und schon einen tome ausgeben, aber sobald dieser Erzbischof [gemeint ist der Erzbischof von Paris, der die Zensur ausübte] es erfahren, hat er alle exemplare gekauft und den druck verbieten lassen. Gott gebe, daß die instructionen, so in diesem Buch sein, dem duc de Bourgogne impression geben mögen, denn wenn er sie folgt, wird er mit der Zeit ein großer König werden.“

Trotz aller Maßnahmen der Zensur wurde der Roman schnell zum Vorreiter einer Welle von aufklärerischen Erziehungsratgebern. Liselottes wohlwollende Einschätzung des Texts, der in erster Linie der politisch-moralischen Erziehung des Thronfolgers galt, zeugt von ihrer eigenen progressiven Weltsicht. Die Tatsache, dass sie zu diesem vermeintlich regierungskritischen Werk, das bereits in Umlauf geraten war und unter europäischen Gelehrten weitergereicht wurde, als Kennerin der ersten Stunde Stellung bezog, zeugt von ihrem klaren politischen Bekenntnis zum erziehungspolitischen Diskurs.

Auch in kulturpolitischer Hinsicht erweisen sich die von Madame getätigten Aussagen als gewichtig. Nach der Schließung der Comédie-Italienne durch Ludwig XIV. im Jahr 1697 kritisierte sie diese Entscheidung wiederholt und machte die von ihr verhasste Madame de Maintenon für die kulturpolitische Wende verantwortlich. Gleichzeitig schrieb sie sich das Comeback von Michel Baron (1653–1729) zu, der im Umfeld dieser Ereignisse seine Karriere als Dramaturg und Schauspieler vorzeitig beendet hatte: 1720 – ein Jahr nach Maintenons Tod – kehrte er in der Hauptrolle von Corneilles „Cinna“ und unter der schützenden Hand des Regenten, Liselottes Sohn, auf die Pariser Bühnen zurück.

Das Klischee der prüden Feindin der Theaterkultur prägte bis weit ins 20. Jahrhundert die Wahrnehmung von Madame de Maintenon. Erst in den letzten Jahren wurde in verschiedenen Studien aufgezeigt, dass die historischen Belege hierfür dünn sind. Der gesellschaftspolitische, nachhaltige Einfluss von Liselottes Briefen, die als eine Hauptursache für dieses auch wissenschaftlich etablierte Bild angesehen werden, erweist sich vor diesem Hintergrund als umso größer.

Der Humor von Cervantes blitzt in den Briefen durch

Ihre Briefe sowie das Inventar ihrer privaten Bibliothek geben Auskünfte über die Lesevorlieben der deutschen Prinzessin. Bemerkenswert in Hinblick auf ihren eigenen Schreibstil ist die Lektüre bestimmter Klassiker des komischen Romans, darunter Miguel de Cervantes’ „Don Quijote“ (1605) und der in Frankreich lange von der Zensur verbotenen „Histoire comique des États et Empires de la Lune“ (1657) von Cyrano de Bergerac.

Die zahlreichen sehr derben Passagen legen auch den Einfluss der deutschen Tradition der Grobian-Geschichten nahe. So berichtet die Herzogin ihrer Tante im April 1681 von einem Studenten eines Jesuitenkollegs, der sich vor einer anstehenden Prügelstrafe die Konterfeis zweier Heiliger aufs Gesäß malen ließ. Als die Lehrer dieses vermeintliche „Wunder“ erblickten, glaubten sie ihren Augen nicht. Die geradezu modelltypisch aufgebaute Anekdote mündet in einer doppelt provokativen Pointe: „… damit fallen [die Lehrer] auf die knie und küssen den hintern, rufen alle schüler zusammen und lassen sie in ceremonie kommen, umb den heyligen hintern zu küssen; welches sie alle getan. Ich habe in meinem sinn gedacht, daß es wohl andere auch ohne miracle geküßt hetten, insonderheit wenn sie dem hintern die blonde tours, die mouchen und das rot an tun und die cornetten [Haube], umb es wie ein gesicht zu machen.“

Zur blasphemischen Dimension der Geschichte kommt Elisabeth Charlottes Kommentar über die vermeintliche erotische Freizügigkeit ihrer Zeitgenossen. Mit derlei Anekdoten schrieb sich die Herzogin bewusst in die teils derbe – aber auch hochgradig subversive – literarische Strömung der littérature comique ein, die den französischen Modernes zugeordnet wird.

Darüber hinaus ist vor allem der hohe Grad an Intimität in Elisabeth Charlottes Briefen aus literaturgeschichtlicher Perspektive bemerkenswert. Mit ergreifender Ehrlichkeit und psychologischem Scharfsinn skizziert sie Porträts ihres Innenlebens, die man bei Madame de Sévigné oder Sophie von Hannover vergeblich sucht: „Mir kommt die trauerigkeit noch schwerer an als ein anders, denn mein herzlieb ma tante weiß wohl, dass ich es nicht von natur bin, allein wenn einen das unglück so auf allen seiten überheuft, kann man doch nicht lassen, solches zu entpfinden“ (Brief vom 20. März 1689).

Liselottes Fähigkeit, sich einen virtuellen Raum der Selbstwirksamkeit zu erschreiben, ist weit mehr als ein Beweis ihrer „teutschen“ Aufrichtigkeit, sondern ihre Briefe können im Gegenteil als Vorreiter der in der Romantik aufkommenden Gattung der Selbstzeugnisse gesehen werden.

Die meisten ihrer Briefe waren an Freunde und Verwandte in Deutschland gerichtet und sind deshalb in ihrem Heimatdialekt verfasst. Französisch nutzte die Herzogin hauptsächlich für ihre offizielle Korrespondenz. Für die Linguistik halten die Briefe der Herzogin einen unvergleichbaren Forschungsschatz bereit, der neue Erkenntnisse hinsichtlich der sprachgeschichtlichen Entwicklung des Deutschen, Prozessen der Zweisprachigkeit der Schreiberin und des Französischen als Modesprache innerhalb der deutschen Oberschicht in Aussicht stellt.

Deutsch als Schriftsprache ist eher unkonventionell

Außergewöhnlich ist dabei die Tatsache, dass Elisabeth Charlotte diese Phänomene selbst regelmäßig kommentierte und so Einblick in zeitgenössische Vorstellungen von Sprachentwicklung gibt. Aus ideengeschichtlicher Perspektive ist der Vorzug des Deutschen insofern von Interesse, als das Französische als lingua franca unhinterfragt etabliert war: Sophie von Hannover etwa verfasste ihre Memoiren gänzlich auf Französisch. Die Wahl des Deutschen als Kommunikationssprache verdeutlicht so noch einmal mehr, dass Elisabeth Charlotte das Schreiben zu einem Ausdrucksraum der eigenen Intimität machte.

Ein Vergleich mit den Briefen Madame de Sévignés drängt sich aufgrund der zeitlichen wie sozialen und räumlichen Überschneidungen geradezu auf. Dabei erweisen sich jedoch vor allem die Unterschiede als interessant. Die früh verwitwete Marquise de Sévigné (1626–1696) verkehrte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts regelmäßig am Hof und berichtete in ihren Briefen über die neuesten Entwicklungen innerhalb der französischen Noblesse.

Aufgrund ihrer unterhaltsamen Schilderungen kursierten ausgewählte Briefe schon bald in den Pariser Salons. Ihr Stil kann als Paradebeispiel der Konversationskultur der französischen Mondänität des 17. Jahrhunderts herangezogen werden: Ihre Kommentare des höfischen Lebens und der gesellschaftlichen Ereignisse bedienen alle Register von der Ironie bis zum Spott, ohne jemals die Regeln der bienséances (des Anstands) zu verletzen. Dabei gilt es, die engen, jedoch oft ambivalenten Grenzen des politisch und gesellschaftlich Sagbaren zu erkennen und zu respektieren – oder stilistisch geschickt zu umfahren.

Die wichtigste Regel der bienséances besteht darin, selbst in den persönlichsten Bekenntnissen eine gewisse kritische Distanz zu seiner eigenen Innenwelt zu wahren und im gewählten Ausdruck seiner Gefühle die Kontrolle über diese zu demonstrieren. So könnte man sagen, dass Madame de Sévigné und Elisabeth Charlotte zwei deutlich voneinander abgrenzbare Strömungen der Briefgattung verkörpern.

Entscheidendster Unterschied zwischen den beiden Frauen ist heutzutage womöglich die Zugänglichkeit ihres Werks: Erschien die Korrespondenz Sévignés bereits 1972 in einer kritischen Gesamtausgabe der prestigereichen Buchreihe „Bibliothèque de la Pléiade“, existiert von den Briefen Elisabeth Charlottes bis heute keine vollständige Ausgabe.

Seit 1788 wurden verschiedene deutsche Sammlungen veröffentlicht, die vor dem Hintergrund erstarkender nationaler Diskurse eine eindeutig ideologisch orientierte Auswahl trafen und nicht davor zurückschreckten, einzelne Briefe zu modifizieren oder zu kürzen.

Im akademischen Kontext erschienen in den letzten Jahrzehnten außerdem mehrere Editionen, die die gesammelte Korrespondenz mit einem bestimmten Adressaten, beispielsweise mit dem Ehepaar von Harling, enthalten. In Frankreich erschien 1989 eine vollständige Ausgabe aller ursprünglich auf Französisch verfassten Briefe. Der größte Teil jedoch, insbesondere die Korrespondenz mit Sophie von Hannover, bleibt jenseits aufwendiger Archivrecherchen der Öffentlichkeit unzugänglich.

Autorin: Dr. Sophia Mehrbrey

ist Akademische Mitarbeiterin am Romanischen Seminar der Universität Heidelberg.

Literatur

Sophia Mehrbrey, Zwischen Winterkönig und Sonnenkönig. Transkulturelle Konfliktlinien im Zeichen der Frühaufklärung am Beispiel Liselottes von der Pfalz (1652–1722). In: Johannes Birgfeld/Stephanie Catani/Anne Conrad (Hrsg.), Aufklärungen. Strategien und Kontroversen vom 17. bis 21. Jahrhundert. Heidelberg 2022. S. 43–58.

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