Mehr als 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Ozeanen bedeckt. Sie spielen eine zentrale Rolle für das globale Klimasystem und bieten zudem einen Lebensraum für zahlreiche Organismen, von winzigen Einzellern bis hin zu riesigen Walen. „Trotz ihrer großen Bedeutung – auch für uns Menschen – sind Meere nach wie vor nur sehr lückenhaft erforscht. Schätzungen zufolge gibt es über 2,2 Millionen marine Arten, von denen aber etwa 90 Prozent noch nicht wissenschaftlich beschrieben sind“, erklärt Hanieh Saeedi vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Unser Wissen über die weltweite Artenvielfalt der Meere ist trotz jahrzehntelanger Forschung und umfangreicher Datensammlungen noch immer verzerrt und unvollständig. Wo liegen Hotspots mariner Artenvielfalt? Wo bestehen Wissenslücken? Und was sind Treiber für die Artenvielfalt?“
Unerforschte Tiefen
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, hat Saeedi rund 48 Millionen öffentlich verfügbare Datensätze mit Informationen zu 184.141 marinen Arten ausgewertet. „Das entspricht etwa 90 Prozent der wissenschaftlich beschriebenen und akzeptierten Meeresfauna“, sagt Saeedi. „Ziel war es – erstmals in diesem Umfang – ein globales Bild der marinen Biodiversität zu erstellen. Nicht nur, um Verbreitungsmuster zu erkennen, sondern auch, um systematisch aufzuzeigen, wo Daten fehlen und welche Faktoren diese Muster beeinflussen.“
Dafür untersuchte die Forscherin die Verteilung dieser Daten über verschiedene Meeresgebiete und den gesamten Tiefengradienten, von der Meeresoberfläche über flache Küstengewässer bis in extreme Tiefen von rund 11.000 Metern. Je nach Tiefe und Region standen unterschiedlich viele Daten zur Verfügung. „Etwa 50 Prozent der Weltmeere sind nach wie vor unzureichend erfasst, wobei für mehr als 160 Millionen Quadratkilometer unterhalb von 200 Metern keine Daten vorliegen“, berichtet die Forscherin. „Die Probenahme ist auf entwickelte Regionen, insbesondere den Nordatlantik, konzentriert, während in den äquatorialen Regionen und im globalen Süden erhebliche Lücken bestehen.“
Insbesondere tropische Gebiete, die wahrscheinlich eine besonders hohe Artenvielfalt aufweisen, tragen bisher weniger als 2,5 Prozent zu den verfügbaren Datensätzen bei. „Diese Ungleichverteilung führt dazu, dass bestimmte Muster der Artenvielfalt möglicherweise verzerrt dargestellt werden. In einigen Fällen werden Hotspots unterschätzt oder gar nicht erkannt, insbesondere in der Tiefsee und in wenig erforschten Regionen“, sagt Saeedi.
Mehr Wissen für besseren Schutz
Doch was treibt die Artenvielfalt in den verschiedenen Regionen an? Zumindest für die gut erforschten flachen Meeresgebiete zeigen die Daten, dass die Wassertemperatur einen entscheidenden Einfluss auf die Artenzusammensetzung hat. In tieferen Meeresregionen dagegen scheinen eher die Nährstoffkreisläufe sowie menschliche Aktivitäten eine Rolle zu spielen. Diese Ergebnisse könnten allerdings laut Saeedi dadurch verzerrt sein, dass bisherige Tiefseeexpeditionen nur sehr kleine Bereiche abgedeckt haben und somit kein umfassendes Bild liefern.
Saeedi unterstreicht, dass noch großer Forschungsbedarf besteht, und dass ein umfassenderes Wissen auch für einen wirksamen Schutz der Ozeane wichtig ist. „Schutzplanungen, die auf unvollständigen und geografisch verzerrten Daten beruhen, können dazu führen, dass besonders gefährdete Ökosysteme für Wissenschaft und Politik ‚unsichtbar‘ bleiben. Man kann nicht wirksam schützen, was nie beprobt, dokumentiert oder digital erfasst wurde“, warnt sie. „Um die bestehenden Wissenslücken zu schließen, sind erhebliche internationale Investitionen notwendig – etwa in langfristige Monitoringprogramme, gezielte Tiefsee-Expeditionen, standardisierte Datenerhebungen, die groß angelegte Digitalisierung und Zusammenführung von Biodiversitätsdaten sowie stärker koordinierte internationale Forschungskooperationen. Nur so lässt sich die tatsächliche Vielfalt des Lebens in den Ozeanen realistisch erfassen und wirksam schützen.“
Quelle: Hanieh Saeedi (Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt), Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-026-73613-z





