von THORSTEN DAMBECK
Seit der Mondsatellit Lunar Reconnaissance Orbiter akribisch die Mondoberfläche fotografiert, tauchen immer wieder Bilder von Felsbrocken auf, die sich an Kraterwällen oder Bergflanken gelöst haben und talabwärts gerollt sind. Sie haben ausgedehnte Spuren im Gelände hinterlassen, die ungestört von atmosphärischer Erosion sehr lange erhalten geblieben sind.
Völlig neu sind die mobilen Brocken den Wissenschaftlern jedoch nicht: Erstmals hatte sie die amerikanische Sonde Lunar Orbiter 5 im Jahr 1967 abgelichtet. Und fünf Jahre später stießen die Astronauten von Apollo 17 bei ihrer dritten Ausfahrt mit dem Mondauto am Nordmassiv auf einen großen Brocken am Ende einer fast einen Kilometer langen Spur. Er wurde „Station 6 Boulder“ genannt. Da die Raumfahrer seine ursprüngliche Position zurückverfolgen konnten, kamen sie dort an Gesteinsproben, was ohne den lunaren „Rolling Stone“ kaum möglich gewesen wären.
Trotzdem blieb es bis vor wenigen Jahren schwierig, einen Überblick zu gewinnen, wie verbreitet diese Felsbewegungen sind und wo genau sie auftreten. Zwar erreichen die größten bekannten abgestürzten Brocken im Durchmesser stattliche 25 Meter. „Doch die meisten Felsbrocken sind nur sieben bis zehn Meter groß“, sagt Valentin Bickel von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. „Frühere Raumsonden, die den Mond untersuchten, konnten so kleine Strukturen nicht überall sichtbar machen.“
Über 130.000 Bewegungen kartiert
Bickel hat ein Archiv mit mehr als zwei Millionen Fotos vom Lunar Reconnaissance Orbiter akribisch durchforstet. Ohne Computerhilfe wäre das unmöglich. Deshalb entwickelte er einen Suchalgorithmus, der mittels neuronaler Netzwerke nach und nach gelernt hat, auf den Satellitenbildern die typischen Spuren abgehender Felsstürze zu erkennen.
So entstand eine Karte der Mondoberfläche zwischen 80 Grad nördlicher und 80 Grad südlicher Breite, die über 130.000 Felsstürze mit Brocken von mehr als zweieinhalb Meter Durchmesser verzeichnet. Zusammen mit seinen Kollegen stellte Bickel diese 2020 in der Fachzeitschrift nature communications vor – ein Novum: „Die Karte gibt uns erstmals die Möglichkeit, das Auftreten von Felsstürzen auf einem anderen Himmelskörper und deren Ursachen zu untersuchen“, hebt Urs Mall vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung die Bedeutung der Daten hervor. Er war ebenfalls an der Studie beteiligt.
Folge von Meteoriteneinschlägen
Bisher hatten die Forscher angenommen, dass vor allem Mondbeben Felsbrocken lösen und in Bewegung versetzen. Wie sich nun gezeigt hat, spielen Meteoriteneinschläge eine deutlich wichtigere Rolle. Sie sind offenbar – direkt oder indirekt – für die große Mehrheit der Felsstürze verantwortlich. Die meisten der herabgerollten Steine finden sich in der Nähe von Kraterwällen. Einige Brocken haben sich vermutlich schon bald nach dem Einschlag gelöst, andere deutlich später. Die Forscher gehen davon aus, dass nach einem Impakt ein Netz aus Rissen im Untergrund der Einschlagsstelle entsteht. Teile der Oberfläche können so auch nach sehr langer geologischer Zeit noch mobil werden.





