Um mehr über das Leben von Acanthostega herauszufinden, haben die Forscher nun die wenigen fossilen Knochen neu untersucht, die von diesem Tier gefunden wurden. Nahezu alle Fossilien stammen aus nur einer Gesteinsformation im Osten Grönlands. Dort wurden mehr als 200 Acanthostega-Knochen und 14 Schädel nah beieinander gefunden. Paläontologen gehen daher davon aus, dass diese Tiere damals gemeinsam gestorben sein müssen. Während des Devon lag in dieser Gegend ein ausgedehntes Inlanddelta inmitten einer eher trockenen Landschaft – ähnlich dem Okavango-Delta im heutigen Afrika. Forscher vermuten, dass eine Flut die Urzeittiere in einen Ausläufer dieses Deltas spülte. “Danach ließ eine Dürreperiode das Delta schrumpfen und die Tiere blieben in einem kleiner werdenden Tümpel gefangen, bis sie schließlich dort starben”, rekonstruieren Sanchez und ihre Kollegen die Ereignisse. Für sie ist dieses Massensterben ein echter Glücksfall, denn dadurch konnten sie nun gezielt die Beinknochen dieser Acanthostega in einem Röntgensynchrotron durchleuchten und ihre innere Feinstruktur sichtbar machen. “Wie ein wachsender Baum bilden auch die Gliedmaßenknochen so etwas wie Jahresringe aus”, erklärt Sanchez. “Sie verraten daher viel über die Entwicklung und das Alter eines Tieres.”
Langes Jugendstadium und weiche Beine
Die Auswertung der Analysen ergab Überraschendes: Entgegen bisherigen Annahmen waren offenbar alle Acanthostega-Exemplare dieser Fundstelle noch nicht voll ausgewachsen. Zwar waren diese Tiere zum Zeitpunkt ihres Todes schon sechs Jahre alt und älter, dennoch zeigten ihre Beinknochen noch keine Anzeichen für eine Verlangsamung des Wachstums, wie es für das Erwachsenenalter typisch ist. “Das belegt, dass selbst die größten Exemplare dieser Fundstelle noch Jungtiere waren”, konstatieren Sanchez und ihre Kollegen. “Ein langes Jugendstadium könnte demnach für die allerersten Vierbeiner typisch gewesen sein.” Diese Erkenntnis erlaubt auch erste Rückschlüsse auf das Sozialverhalten von Acanthostega: Weil alle im Urzeit-Tümpel gestorbenen Exemplare Jungtiere waren, vermuten die Forscher, dass Acanthostega-Jungtiere zumindest zeitweise Gruppen bildeten, zu denen keine Erwachsenen gehörten. Wo die erwachsenen Tiere während dieser Zeit lebten, ob im Wasser oder an Land, bleibt weiter unbekannt.
Die Untersuchung der fossilen Knochen lieferte noch eine weitere Information: Wie die Wissenschaftler feststellten, waren die Oberarmknochen der Acanthostega-Jungtiere noch nicht verknöchert. Selbst in den größten Exemplaren dieser Urzeittiere bestand ein Großteil dieses Knochens noch aus weichem Knorpel. Die Bildung stabilerer, kalkhaltiger Knochenstrukturen hatte auch bei diesen Jungtieren erst begonnen. “Dieser späte Beginn der Verknöcherung deutet darauf hin, dass die Jungtiere von Acanthostega noch rein aquatisch lebten”, erklären Sanchez und ihre Kollegen. “Denn ein knorpeliger Oberarmknochen wäre für die Bewegung an Land ungeeignet gewesen.” Das weiche Material hätte das Gewicht der Tiere an Land nicht tragen können. “Das widerspricht der gängigen These eines terrestrischen Lebens der Jugendstadien – zumindest für diesen frühen Vierbeiner”, konstatieren die Forscher. Bisher vermuteten Paläontologen, dass möglicherweise die Larven der ersten Tetrapoden die eigentlichen Landgänger waren: Sie schlüpften aus Gelegen in kurzlebigen Tümpeln und robbten dann über Land, um in dauerhaftere, tiefere Gewässer zu gelangen. Die knorpeligen Beine der Acanthostega-Jungtiere hätten dies allerdings nahezu unmöglich gemacht.





