Eine Lyrikerin mit Faszination für den Sternenhimmel
Doch für die Forscher um Manfred Cuntz von der University of Texas at Arlington stand ein ganz anderer Aspekt ihres Werkes im Mittelpunkt: Für Sappho hatte der Sternenhimmel offenbar eine große Bedeutung. Unter anderem wird dies in ihrem sogenannten “Mitternachts-Gedicht” deutlich, das um das Jahr 570 v. Chr. entstanden sein soll. In dem erhaltenen Fragment heißt es: “Untergegangen ist zwar der Mond und die Siebensterne. Nachtmitte schon und vorbei geht die Stunde. Ich aber schlafe alleine”. Den Forschern zufolge beschreibt die Lyrikerin mit diesen Worten, dass die Plejaden von ihrer Heimat Lesbos aus betrachtet etwa um Mitternacht am Horizont verschwunden waren.
Diese Informationen gaben sie in eine astronomische Software namens “Starry Night” ein. Sie kann rekonstruieren, wie der Sternenhimmel zu bestimmten Zeiten im Jahr und in einem gewissen geschichtlichen Rahmen ausgesehen hat und zwar von einem speziellen Aussichtsplatz aus betrachtet. Im Umkehrverfahren ist somit auch eine Datierung einer Beschreibung eines Sternenhimmels möglich.
Wann Sappho zu dem Gedicht inspiriert wurde
Im Fall der Informationen, die aus dem Mitternachts-Gedicht hervorgehen, ergab das Computerprogramm: Im Jahr 570 v. Chr. gingen die Plejaden am 25. Januar um Mitternacht am Horizont unter. Im weiteren Verlauf des Jahres verschwanden sie hingegen bereits früher in der Nacht. Dies stellt somit das früheste mögliche Datum für die Beobachtung dar. Die Forscher betonen aber, dass es sich bei der Bezeichnung Mitternacht in dem Gedicht möglicherweise nur um eine vage Zeitangabe gehandelt haben könnte. Denn in der Antike gab es noch keine präzisen mechanischen Uhren. Somit sei der 25. Januar nur ein ungefährer Anhaltspunkt. Definitiv nicht mehr sichtbar waren die Plejaden am Nachthimmel über Lesbos ab dem 31. März 570 v. Chr., zeigt das Computerprogramm. “Wir können das Gedicht somit zumindest in die Zeit der Mitte des Winters bis zum frühen Frühjahr einordnen”, so Cuntz.
Am Ende betont der Astronom noch einmal die herausragende Stellung der antiken Lyrikerin: “Sappho hat einen informellen Beitrag zur frühen griechischen Astronomie sowie zur griechischen Gesellschaft insgesamt geleistet”, findet Cuntz. “Kaum andere antike Dichter kommentierten astronomische Beobachtungen so klar wie sie es tat.”





