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Kühe halten gesund
Lange galt: Wer sein Kind vor Allergien schützen will, vermeidet bei der Babynahrung Milch, Erdnüsse und Co. Doch nun ist klar: Genau das richtet Schaden an. Von einer Trendwende in der Allergieforschung und -prävention
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Text: Susanne Donner
Bei manchen kribbelt die Zunge nach einem herzhaften Biss in den Nusskuchen. Die Augen schwellen dann zu, jucken und werden rot. Im schlimmsten Fall kann schon ein Mikrogramm Erdnuss das Immunsystem so stark aktivieren, dass es einen anaphylaktischen Schock auslöst: Die Luft wird knapp, das Herz muss schneller pumpen. Unter Umständen droht ein Herz-Kreislauf-Kollaps.
Der wichtigste Rat, den Ärzte bei einer Allergie geben können, lautet: den Auslöser zu meiden, also etwa auf Erdnüsse, Sellerie oder Schalentiere zu verzichten. Alles andere wäre bei einer Nahrungsmittelallergie lebensgefährlich. Für Betroffene beginnt ein Leben in Vorsicht, oft schon im Kindesalter. In Kita und Schule müssen sie darauf achten, dass sie wirklich nicht das Essen auf den Teller bekommen, das ihr Immunsystem aus der Bahn wirft. Jene, die Heuschnupfen plagt, müssen in der Pollensaison mitunter vom Sport im Freien ablassen.
Mindestens jedes sechste Kind wächst neueren Daten zufolge hierzulande mit einer Allergie auf. Aber die Forschung hat in den vergangenen Jahren auch Beachtliches darüber zu Tage gefördert, wie sich allergische Erkrankungen von der Neurodermitis über Nahrungsmittel- und Atemwegsallergien bis zu Asthma vorbeugen lassen. All diese Leiden sind miteinander verwandt und brechen nicht selten genau in dieser Reihenfolge nach der Geburt und mit zunehmendem Alter aus. Jene, die heute Eltern werden, können ihr Kind jedoch ein Stück weit vor diesen unterschiedlichen Allergien schützen.
Lange Zeit war der sogenannte Bauernhofeffekt ein Mysterium. Er besagt, dass Kinder, die auf landwirtschaftlichen Betrieben aufwachsen, nur halb so oft Heuschnupfen und Asthma entwickeln wie Stadtkinder im gleichen Alter. Auch Neurodermitis und Nahrungsmittelallergien bekommen die Bauernhofkinder seltener. Woran das liegt, war aber über viele Jahre hinweg unklar – und so griffen Spekulationen um sich, es läge am Spielen im Dreck oder an den Tieren. Diffus waren die Ratschläge und es haperte ihnen an wissenschaftlicher Fundierung.
Durchbruch in der Allergieforschung
Doch nun klärt sich das Bild. Das ist vor allem der Kinderallergologin Erika von Mutius am Helmholtz Zentrum München zu verdanken. Seit Jahren ist sie dem Bauernhofeffekt auf der Spur. „Es sind nicht irgendwelche landwirtschaftlichen Betriebe, die schützen“, weiß sie. „Ziegen und Schweine spielen keine Rolle. Auch ein Reiterhof nützt nichts. Der protektive Effekt geht nur von Kuhställen aus.“ Wenn das Kind in den ersten drei Lebensjahren im Kontakt mit Kühen aufwächst und auch deren Milch unverarbeitet trinkt, erwirbt es einen ausgeprägten Schutz vor Asthma und auch vor Heuschnupfen.
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Schon im Nabelschnurblut sieht von Mutius, wenn sich die Mutter während der Schwangerschaft im Kuhstall aufhielt. „Das ist schon verblüffend“, findet die Forscherin. „Das Kind bekommt immunologisch die Information: ‚Du wirst in dieses Umfeld hineingeboren, fahr mal dein Immunsystem hoch.‘“ Nach der Geburt ist es dann die Stallluft, die die Babys einatmen und die sie weiter vor verschiedenen Allergien schützt.
Was hinter dem Bauernhofeffekt steckt
Offenbar fördern bestimmte Bakterien und Proteine in der Luft von Kuhställen die Gesundheit. Wie gut dieser Schutz ist, zeigt ein Versuch des Teams von von Mutius mit Mäusen, die eine genetische Veranlagung für Asthma haben. Wird den Tieren ein Extrakt aus dem Kuhstall in die Nase geträufelt, können die Forschenden den Asthma-Ausbruch bei 80 Prozent der Mäuse verhindern. „So starke Effekte sehen wir bei keinem Medikament“, so die Forscherin.
Neben diesem praktischen Ansatz suchten Wissenschaftler in den vergangenen Jahren fieberhaft nach dem Grund – den Bakterien oder Proteinen im Kuhstall, die derart günstig auf das Immunsystem einwirken. 2022 gelang der Forschung ein Durchbruch. Von Mutius sammelte Staubproben aus Kuh- und Hühnerställen und von den Matratzen auf Bauernhöfen und bemerkte: Das Protein beta-Lactoglobulin, ausgerechnet aus dem Urin der Wiederkäuer, schwirrt bei Betrieben mit Kühen in erheblichen Mengen durch die Luft. Es unterscheidet den Kuhstall von der Hühnerfarm, wo das Protein nicht vorkommt.
Die Biotechnologin Hanna Mayerhofer von der Universität Wien stützte diese These. Sie wies im selben Jahr nach, dass sich sowohl in der Rohmilch als auch in der Kuhstallluft beta-Lactoglobulin befindet. Solange dieses Protein, wie in Luft und Milch üblich, an das Mineral Zink gebunden ist, schützt es deutlich vor Allergien. Wird die Milch stark erhitzt, löst sich das Zink aus der Bindung und das Protein verliert seine schützende Wirkung.
Diese Erkenntnis erklärt frühere Forschungsergebnisse: So nimmt etwa der Schutz vor Asthma zu, wenn Kinder unbehandelte Kuhmilch trinken. Von Mutius sagt: „Wir sehen, dass ein Becher Rohmilch am Tag schon einen guten Schutz bewirkt.“ Studien aus anderen Ländern zeigen, dass auch Rohmilchkäse, wie er in Frankreich und Italien gern von Kindesbeinen an gegessen wird, vorbeugt. Der Konsum von hoch erhitzten Milchprodukten hingegen ist sogar mit einem höheren Risiko für Asthma verknüpft. Der langjährige Rat, Kleinkindern unter keinen Umständen Kuhmilch zu geben, stellt sich damit im Hinblick auf die Allergieprävention als falsch heraus. Von Mutius rät deshalb ausdrücklich dazu, schon Säuglingen traditionell hergestellte oder lediglich pasteurisierte Milch zu geben. Dabei wird das Getränk für kurze Zeit auf mindestens 72 Grad Celsius erhitzt. Von Rohmilch direkt vom Bauernhof dagegen warnt sie. Denn Rohmilch ist aus dem Einzelhandel verschwunden, weil darin gefährliche Keime wie EHEC oder Yersinien schwimmen können. Infektionsrisiko und Allergieprävention – beides muss bedacht werden.
Wie gut schonend pasteurisierte und nicht homogenisierte Milch vor Asthma schützt, prüft von Mutius derzeit in der „MARTHA“-Studie (Milk Against Respiratory Tract Infections and Asthma). 200 Säuglinge zwischen einem halben und einem Jahr bekommen täglich aus einer kleinen Molkerei Heumilch, die nur pasteurisiert ist. „Diese Milch wird nicht entfettet, nicht homogenisiert und nie auf über 75 Grad Celsius erhitzt, wie das bei handelsüblicher Milch oft der Fall ist. Wir hoffen, dass die schützenden Proteine darin noch enthalten sind“, sagt von Mutius. „Wenn das vorbeugt, wäre Prävention vor Asthma und auch Heuschnupfen so einfach.“ Denkbar wäre auch, das Protein beta-Lactoglobulin synthetisch herzustellen, um es zur gezielten Allergievorbeugung zu nutzen.
Wie viel und wie häufig ein solches Protein auf das Immunsystem einwirken muss, ist allerdings die noch offene und entscheidende Frage. „Die Haare von Menschen, die Matratzen, auf denen wir schlafen, und die Kleidung sind ausgezeichnete Reservoire für Bakterien und Proteine, die uns umgeben“, erklärt von Mutius. Bauernhofkinder atmen deshalb tags wie nachts beta-Lactoglobulin ein. Nur einmal kurz Urlaub auf dem Bauernhof mit Kühen reicht jedenfalls nicht aus. Immer mehr Studien legen nahe, dass das Immunsystem schon in den ersten Lebensmonaten und dann beständig die positiven Reize braucht, um vor Allergien gefeit zu sein. Von Mutius begleitete beispielsweise 769 Kinder bis zum zehnten Lebensjahr. Nur jene, die schon vor dem dritten Geburtstag fortlaufend sowohl mit Kuhstalldung Kontakt hatten als auch unbehandelte Milch einnahmen, erwarben maximalen Schutz vor Heuschnupfen.
Es ist eine Trendwende, die von der gesamten Allergieforschung ausgeht. Nicht das Vermeiden von Umweltreizen bewahrt vor Allergien, sondern das frühe und konsequente Einwirken bestimmter gesundheitsfördernder Umweltreize. Das gilt gerade auch für Nahrungsmittelallergien und ist dort bisher am wenigsten in der Öffentlichkeit angekommen: Je früher Säuglinge ein potenziell allergieauslösendes Lebensmittel bekommen und dann weiterhin essen, desto seltener entwickeln sie dagegen eine Allergie.
Wie Babynahrung vor Allergien schützt
In den Leitlinien spiegelt sich dieser Paradigmenwechsel bereits wider: Potenziell allergieauslösende Nahrungsmittel sollten auf keinen Fall pauschal gemieden werden, sondern vielmehr früh in kleinen Mengen eingeführt werden. Groß angelegte Studien zeigten zunächst für Erdnusspaste, dann auch für Ei und schließlich für Kuhmilch, dass es vor Allergien schützt, wenn Babys diese Lebensmittel früh und regelmäßig essen. „Wir sehen, dass die Kinder dann tolerant dagegen werden. Das ist ein wirksamer Schutz“, sagt Susanne Lau, Kinderallergologin an der Berliner Charité. Besonders wenn in der Familie schon Nahrungsmittelallergien bekannt sind, ist es wichtig, das Immunsystem früh mit den Lebensmitteln in Kontakt zu bringen. „Die ersten Monate sind ‚das Fenster der Gelegenheit‘. In dieser Zeit lässt sich das Immunsystem besonders wirksam auf das gesamte spätere Leben einstimmen“, erklärt Lau.
Die Babykost ist dafür ein entscheidender Faktor. „Es geht nicht um große Mengen, sondern um ‚regelmäßig‘und ‚immer ein bisschen‘“, betont der britische Allergieforscher und Kinderarzt Michael Perkin. Anderthalb Teelöffel Erdnusspaste und ein halbes Ei jede Woche reichen für Säuglinge schon für einen guten Schutz vor Erdnuss- und Ei-Allergie. Auf keinen Fall sollten die Babys aber ganze Nüsse vorgesetzt bekommen. An diesen können sie sich schlicht verschlucken.
Es sind große Studien aus Großbritannien, Australien, Schweden und Norwegen, die zeigen, dass Vermeidung sogar Schaden anrichtet. Die jüngste dieser Erhebungen kommt aus Schweden und Norwegen: Knapp 2700 Mütter mit ihren Neugeborenen nahmen daran teil. Ab dem dritten Monat bekam ein Teil der Säuglinge vier Tage die Woche sowohl Kuhmilch, Erdnusspaste, Weizenbrei und Ei. Sie schleckten diese vom Finger oder Löffelchen. Ansonsten aßen die Kleinen Brei oder tranken Muttermilch – wie andere Babys auch. Die Schleckerei machte aber einen Unterschied: In der Gruppe, die früh die allergieauslösenden Nahrungsmittel schluckte, entwickelten nur sechs von 641 Kindern eine Nahrungsmittelallergie. In der Vergleichsgruppe waren es 14 von 596 Babys. Gefährliche Zwischenfälle gab es nicht, wie die skandinavischen Forscher 2022 im Journal Lancet berichteten. Ihr Fazit: „Das frühe Einführen potenziell allergieauslösender Lebensmittel ist eine einfache und effektive Möglichkeit, Nahrungsmittelallergien vorzubeugen.“
Der Wandel begann 2015 mit der Erdnuss. Die britische Studie „Learning early about peanuts“, kurz: LEAPs, sorgte damals für viel Gesprächsstoff. Alle 604 teilnehmenden Kinder waren stark gefährdet, eine Nahrungsmittelallergie gegen Erdnuss zu entwickeln. Einige litten bereits unter einer solchen Abwehrreaktion gegen Ei, andere unter Neurodermitis, die oft weiteren Allergien vorausgeht. Die Hälfte der 604 Babys bekam ab dem vierten Monat regelmäßig Erdnusspaste, die andere Hälfte nicht.
Was für viele nach einem Spiel mit dem Feuer aussah, endete mit einem fulminanten Erfolg: Die Kinder, die Erdnüsse aßen, erkrankten bis zum Alter von fünf Jahren um 80 Prozent seltener an einer Erdnussallergie, wie die Forschenden im New England Journal of Medicine darlegten. Diese Toleranz blieb bestehen, auch wenn die Kinder dann später keine Erdnüsse mehr aßen. „Es passt zu dem, wie wir das Immunsystem verstehen“, kommentiert Allergieforscher Perkin. „Es reift in den ersten Monaten und wird gegen Umweltreize tolerant, denen es regelmäßig und substanziell ausgesetzt ist. Nach den ersten Lebensjahren tut sich dann nicht mehr so viel.“
Nach wie vor ist die Trendwende allerdings nicht einmal in der gesamten Fachwelt angekommen – trotz der zahlreichen Studien, die das Gegenteil beweisen. Babybrei-Hersteller werben hierzulande sogar damit, dass ihre Produkte gerade keine Nüsse und kein Ei enthalten – was zum Schutz von Kindern, die bereits eine Allergie entwickelt haben, zwar richtig ist, aber für die große Mehrzahl, die noch keine Allergie hat, gerade falsch.
Erdnuss und Hühnerei in Pulverform
In den USA gäbe es dagegen mehr und mehr Produkte mit etwas Erdnusspaste, berichtet Perkin und sagt: „Es braucht aber kein teures Pulver und keinen Spezialbrei zur Allergieprävention. Ein paar Löffel Erdnussbutter und Joghurt kosten aufs Jahr gerechnet fast nichts und reichen völlig.“ Die Forschenden setzen nun ihre Anstrengungen in dieser Richtung fort. Susanne Lau gibt an der Berliner Charité derzeit Babys mit Neurodermitis gezielt Erdnuss, Kuhmilch, Haselnuss und Hühnerei in Pulverform. Sie ist zuversichtlich, dass die Kinder später seltener Allergien entwickeln.
Während aber der Kuhstalleffekt ganz generell vor allergischen Krankheiten, besonders vor Asthma schützt, sieht die Sache bei den übrigen allergieauslösenden Nahrungsmitteln anders aus: Früh verzehrt schützen sie immer nur vor der jeweiligen Nahrungsmittelallergie. So traten andere Allergien und Asthma etwa in der britischen Erdnussstudie nicht seltener auf, betont Perkin. Gemahlene Walnüsse im Babybrei beugen also nur einer Walnussallergie vor, Paste aus Haselnüssen schützt nur vor einer Haselnussallergie und so weiter. „Natürlich wollen wir nicht, dass sich die Eltern verrückt machen und am Ende zehn verschiedene Nusspasten geben“, sagt Perkin. Fachleute wie er sprechen sich für einen pragmatischen Ansatz aus: Wenn in einem Kulturraum und einem Haushalt ein Lebensmittel partout nie auf den Tisch komme, sei es auch nicht nötig, das neue Familienmitglied dagegen tolerant zu machen. In Griechenland etwa spielten Erdnüsse und Erdnussbutter in der Küche des Landes keine Rolle, weiß Perkin. Die Menschen dort haben entsprechend auch keine Probleme damit.
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