Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Seuchen in allen historischen Epochen auftraten und charakteristische Reaktionen bewirkten. Entsprechend dem grundsätzlich anderen Krankheitsverständnis der Vormoderne begegnen auch andere Bewältigungsstrategien. Das Seuchenkonzept der vormodernen Medizin lässt sich seit der Antike mit dem Begriff „Miasma-Theorie“ umschreiben: Unter dem Einfluss eines heißen Klimas entstünden aus organischem Material faulige Dämpfe, die aus „Unreinheiten“ (griechisch miasmata) in die Luft stiegen und die Atemluft vergifteten. In den Körper gelangt, lösten sie „Fäulnis“ (griechisch sepsis) aus, was sich als fieberhafte Pesterkrankung äußere. Gegen diese Miasmata half am besten Luftveränderung, das heißt Ausweichen an einen anderen Ort; als nützlich galten weiterhin Räucherung und Feuer, ferner die Einnahme als prophylaktisch angesehener Pharmaka.
Neben dieser gelehrten Anschauung behauptete sich die Laienbeobachtung, dass Seuchen ansteckend waren, ein in der Vormoderne zwar schwierig konzeptuell fassbares, aber für die sozialen Reaktionen auf Seuchen wichtiges Phänomen. Außerordentlich verbreitet war schließlich auch die Anschauung, dass Seuchen als himmlische Strafen für Frevel, gelegentlich auch als Prüfung verhängt würden; dieses Erklärungsmuster durchzieht die ägyptische, altorientalische, israelitisch-alttestamentliche Literatur ebenso wie die griechische und römische Antike. Im Christentum und im Islam ist es ebenfalls, teils bis heute, evident. Entsprechend dieser metaphysischen Erklärung bildeten Bußübungen und religiöse Riten stets einen festen Bestand-teil der vormodernen Seuchenabwehr. In der Reaktion vormoderner Gemeinwesen auf Seuchen sind stets Verhaltensweisen erkennbar, die sich mit den heutigen vergleichen lassen: kollektive Angstreaktionen, Panik, Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Man kann hier von anthropologischen Konstanten sprechen: Die gesellschaftlichen Folgen einer Pest, hier im all‧gemeinsten Sinne von Seuche verstanden, ähneln einander, unabhängig vom Erklärungshorizont der zeitgenössischen Medizin.
Seit die naturwissenschaftliche Medizin im späten 19. Jahrhundert die Kausalität der Seuchen durch das Wirken von Mikroben erklärte, wurde auch versucht, die aus der Antike überlieferten Seuchenschilderungen mit dem Blick der gegenwärtigen Medizin zu lesen. Die vormoderne Seuchentheorie galt nun als unwissenschaftlich bzw. abergläubisch, mithin als überholt und überflüssig. Indem sich die moderne Medizin dennoch den historischen Seuchenschilderungen zuwandte, ging es zum einen darum, den Gegenstand eigener Forschungen durch den Blick in die Antike gleichsam zu adeln. Mancher Laborforscher mochte die Mikroben, mit denen er sich täglich befasste, auch im Umfeld des antiken Stammvaters der Heilkunde, Hippokrates, sehen oder welthistorische Ereignisse wie die „Pest“ in Athen oder die Justinianische Pest mit einem bestimmten Erreger assoziieren. Hinter dieser Art der retrospektiven Diagnose stand und steht der Anspruch, historisches Geschehen auf naturwissenschaftliche „Fakten“ zurückzu‧führen und damit „objektiv“ zu erfassen.





