Schon seit Jahrtausenden nutzen Menschen Pflanzen für die Heilung von Krankheiten und für die Körperpflege. Mit der Industrialisierung rückten diese traditionellen Methoden zunehmend in den Hintergrund. Gleichzeitig entstand eine Gegenbewegung: Konservative Menschen wollten natürliche Heilmethoden und Kosmetik bewahren und die Natur vor der fortschreitenden Moderne schützen.
Anthroposophie nach Rudolf Steiner
In dieser Zeit entstanden auch neue Theorien der Naturheilkunde. Rudolf Steiner gründete beispielsweise in der Anthroposophie eine neue Weltanschauung. Diese wird heute ambivalent betrachtet: Einerseits gibt es keine wissenschaftlichen Belege für die „übersinnlichen“ Ansichten Steiners. Zudem sind Teile seiner Ausführungen aus heutiger Sicht als antisemitisch und rassistisch einzustufen.
Andererseits legten Steiners Ideen für eine artgerechte Tierhaltung und den ganzheitlichen Anbau von Pflanzen ohne chemischen Dünger 1924 den Grundstein für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Landwirte im Verband „Demeter“ wenden diese Prinzipien bis heute an. Die Marke „Weleda“ gründete sich ebenfalls auf der Basis seiner anthroposophischen Ideen und begann 1921 mit der Produktion von Heil- und Körperpflegemitteln.
Warum interessierten sich die Nationalsozialisten für die Naturheilkunde?
Als kurze Zeit später die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, entstand ein ambivalentes Verhältnis zwischen dem NS-Regime und den Anhängern der anthroposophischen Lehre. Die Produktionsweise der biodynamischen Landwirtschaft passte nicht zu den Interessen der Kriegsvorbereitung. Zudem stellten sich einige von Steiners Anhängern der NS-Ideologie offen entgegen und wurden dafür politisch verfolgt. 1935 verbot das Regime die anthroposophische Gesellschaft schließlich ganz.
Zugleich förderten einige führende Nationalsozialisten wie Rudolf Heß anthroposophische Ideen. Einige biodynamische Verbände entschieden sich 1933 für eine Eingliederung in den NS-Staat, um der Zwangsauflösung zu entgehen. Auch die Naturheilkunde vereinnahmten die Nationalsozialisten für ihren Zweck. Diese ließ sich gut mit der NS-Ideologie vereinbaren, nach der Natur und Landschaft die Gesundheit der Bevölkerung beeinflussten.
Blut- und Bodenideologie
Dabei ging es den Nationalsozialisten allerdings weniger um Gesundheit, als vielmehr um die vermeintliche Überlegenheit der „deutschen Rasse“ gegenüber anderen „Völkern“. Die mit der anthroposophischen Naturheilkunde eng verbundene Blut- und Bodenideologie sollte die Deutschen dazu legitimieren, sich Gebiete anzueignen und andere Gesellschaften zu vernichten. Diese rassistische „Naturlehre“ war Grundlage für die deutschen Kriegsverbrechen, die Verfolgung und Ermordung von mehr als sechs Millionen Juden sowie Hunderttausenden Sinti und Roma, politischen Gegnern, Menschen mit Behinderung oder Krankheit, Homosexuellen und weiteren Minderheiten.






