Selbst der heftigste Orkan um Kap Hoorn kommt nicht an das heran, was dort vor 2,5 Millionen Jahren tobte: Ein Planetoid, etwa 1000 Meter im Durchmesser, schlug rund 1000 Kilometer westlich von Kap Hoorn ein und brachte den Südozean buchstäblich zum Kochen.
Auf den Kontinenten der Erde sind bislang über 160 Einschlagskrater gefunden worden. Die Tiefsee erscheint dagegen wie ein unbeschriebenes Blatt. Der Einschlag westlich von Kap Hoorn ist bisher der einzige, den man eindeutig nachweisen kann. Das ist umso erstaunlicher, als die Ozeane rund 70 Prozent der Erdoberfläche bedecken, die Tiefsee immerhin rund 60 Prozent.
Etwa alle halbe Million Jahre trifft ein kilometerdicker kosmischer Brocken die Erde. Mindestens alle Jahrmillion sollte also ein solcher Koloss ins Meer rauschen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass die ozeanische Kruste im Mittel nur 80 Millionen Jahre alt ist und spätestens 200 Millionen Jahre nach ihrer Entstehung an den Rändern der tektonischen Platten ins Erdinnere abtaucht, müsste der Ozeanboden viele Narben aufweisen. Doch ein Einschlag in die Tiefsee folgt anderen Gesetzen als einer an Land. Nur sehr große Projektile mit einem Durchmesser von über zwei Kilometern führen zu einer Schmelze des Ozeanuntergrunds und setzen dort eine „Brandmarke”. Die oberen weicheren Meeresbodenablagerungen werden zwar ringförmig vom Einschlagsort verdrängt, eine Kraterstruktur wird aber beim Zusammenstürzen des Wasserkraters wieder zerstört oder verwischt.
Nur durch Zufall waren Wissenschaftler auf den Einschlag im tiefen Süden gestoßen. Schon in den Sechzigerjahren hatte das amerikanische Forschungsschiff Eltanin dort Sedimentproben entnommen, aber erst Anfang der 1980er-Jahre entdeckte der amerikanische Geologe Frank T. Kyte von der University of Los Angeles bei geochemischen Untersuchungen des Sedimentkerns eine Iridium-Anomalie, wie sie für einen Planetoideneinschlag typisch ist. Er nannte den Meteoriten nach einer tektonischen Struktur in der Nähe des Einschlagorts „Eltanin”. Als Kyte Jahre später Rainer Gersonde vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven davon erzählte, ließ der sich vom Thema begeistern. Seither erforschen sie zusammen den kosmischen Treffer in die Tiefsee. Bereits zweimal sind sie mit dem deutschen Forschungsschiff Polarstern zum vermuteten Einschlagsgebiet gefahren, kartierten dort den Meeresboden, durchleuchteten ihn seismisch und zogen zahlreiche Sedimentkerne. Die Gegend machte ihrem Ruf als schlimmstes Schlechtwettergebiet der Weltmeere alle Ehre – heftige Stürme und haushohe Wellen behinderten die Forscher immer wieder.
Gersonde geht es darum, möglichst genau zu rekonstruieren, was sich vor 2,5 Millionen Jahren abgespielt hat. Denn ein solcher Einschlag in die Tiefsee kann sich jederzeit wiederholen – und kann im Gegensatz zu einem Einschlag auf dem Kontinent globale Auswirkungen haben. Zwar richtet ein kilometerdicker Planetoid auch dort erheblichen Schaden an, doch die Zerstörung bleibt regional begrenzt – wie vor rund 15 Millionen Jahren in Deutschland, als das Nördlinger Ries mit einem Kraterdurchmesser von 25 Kilometern entstand. Das aufgewühlte Meer wirft dagegen gewaltige Brecher an weit entfernte Küsten und kann damit eine globale Katastrophe lostreten.
Was ist damals im Südpolarmeer geschehen? Die kosmische Bombe zischte durch die Atmosphäre, prallte mit einer Geschwindigkeit von rund 70 000 Kilometer pro Stunde auf die Meeresoberfläche, bohrte sich bis zum 5 Kilometer tiefen Meeresboden durchs Wasser und wühlte den Untergrund Dutzende Meter tief auf. Die Explosion setzte eine enorme Energie frei, die in etwa der Sprengkraft von 100 Milliarden Tonnen TNT entsprach. 100 Kubikkilometer Wasserdampf, große Mengen Meersalz sowie Ablagerungen vom Meeresboden wurden mit Überschallgewindigkeit bis in die obersten Stockwerke der Atmosphäre geschleudert. Dies muss zumindest kurzzeitig das Erdklima und den Chemismus der Atmosphäre beeinflusst haben.
Der erste Wellenkreis, den das Geschoss aufwarf, erreichte eine Wellenhöhe von 5 bis 6 Kilometern. Aus ihm entwickelte sich ein Tsunami, der mit rund 700 Kilometern pro Stunde über den Weltozean raste. Vom Weltraum aus muss es ausgesehen haben, als wäre ein Stein in eine Pfütze gefallen. Der Brecher verlor dabei rasch an Höhe, weil die Reibung am Meeresboden einen Teil der Energie aufzehrte. Er wühlte die Tiefsee bis auf den Grund auf, jagte durch den ganzen Pazifik und bäumte sich an manchen Küstenabschnitten mehr als 100 Meter hoch auf. ■
Klaus Jacob





