von THORSTEN DAMBECK
Menschen mit Latein-Kenntnissen wissen: „Dimidium“ bedeutet die Hälfte. Seit einigen Jahren heißt so auch ein Planet, nämlich der 50,6 Lichtjahre entfernte 51 Pegasi b. Der Name wirkt allerdings fast wie ein Understatement. Denn die Entdeckung im Sternbild Pegasus war keine Petitesse. Mit Dimidium war erstmals ein planetarer Begleiter eines sonnenähnlichen Sterns aufgespürt worden – der erste Planet außerhalb unseres Sonnensystems. Nun konnte der Neuzugang mit den seit Jahrhunderten bekannten Planeten der Sonne verglichen werden. Das war vor nunmehr 30 Jahren.
„Als wir im Oktober 1995 nach Florenz reisten, um einer Konferenz unsere Ergebnisse vorzustellen, hatte ich Panikattacken“, erinnert sich Didier Queloz, einer der beiden beteiligten Schweizer Astronomen. „Wir hatten eine große Entdeckung gemacht, die jedoch von keiner Theorie gestützt wurde. Denn bis dahin war jeder davon ausgegangen, alle Planetensysteme sehen aus wie das Sonnensystem.“ Dies war jedoch eine große Fehlannahme.
Die Messungen deuten darauf hin, dass Dimidium – daher sein Name – rund die Hälfte der Masse von Jupiter besitzt. Doch es gibt beträchtliche Unterschiede zum größten Planeten unserer Sonne. Denn Dimidium umrundet seinen Heimatstern auf einer seltsamen Bahn: In nur 4,2 Tagen schafft er den kompletten Orbit – Jupiter braucht dafür hingegen fast zwölf Jahre.
Auf der engen Umlaufbahn kommt der Exoplanet seinem Zentralstern sehr nah, was das Strahlungsniveau auf Höchstwerte treibt: Die Temperatur auf der Tagseite wurde mit knapp 1.000 Grad Celsius berechnet. Bei Jupiter sind es lediglich minus 150 Grad. Selbst Merkur, unser sonnennächster Planet, ist mit knapp 430 Grad im Vergleich zu Dimidium weit abgeschlagen. Das extrasolare Kuriosum wird daher als Heißer Jupiter bezeichnet – so die neue astronomische Klassenbezeichnung.
Extrasolare Extremisten
Die Architektur unseres Sonnensystems scheint einem einfachen Bauplan zu folgen: Nah der Sonne kreisen die massearmen Gesteinsplaneten Merkur, Venus, Erde und Mars. Erst viel weiter entfernt schließen sich die großen und schweren Gasriesen an. Verglichen mit der Erde bringt der größte von ihnen, Jupiter, fast 318-mal so viel Masse auf die Waage.
Mit Dimidium wurde die vermeintlich natürliche Ordnung gleichsam auf den Kopf gestellt. Zudem löste seine Entdeckung einen wahren Boom aus, wie die mittlerweile über 7.500 bekannten Exoplaneten belegen; deren Zahl wächst beständig weiter. Dies alles hatte auch das Stockholmer Nobelpreiskomitee beeindruckt: Zusammen mit seinem Kollegen Michel Mayor wurde Didier Queloz 2019 mit dem Physik-Nobelpreis geehrt.





