Unser Sonnensystem bewegt sich nicht isoliert durch das All: Immer wieder durchfliegen auch Objekte extrasolaren Ursprungs unsere kosmische Heimat. Der erste bekannte interstellare Besucher ist das im Oktober 2017 entdeckte Objekt Oumuamua. Dieser zigarrenförmige, rund 400 Meter lange Asteroid oder Komet raste an der Sonne vorbei und verschwand in den Weiten des Alls, bevor Astronomen ihn näher untersuchen konnten. Anders ist dies mit dem zweiten interstellaren Besucher: 2I/Borisov wurde im August 2019 von dem Amateurastronomen Gennady Borisov entdeckt, als er noch im Anflug auf das innere Sonnensystem war. Das hohe Tempo von 150.000 Kilometer pro Stunde und die Flugbahn legen nahe, dass auch dieser Brocken extrasolaren Ursprungs war. Erste Beobachtungen zeigten, dass 2I/Borisov einen von einer Gas- und Staubwolke umhüllten Kern sowie einen Schweif besaß – beides klare Merkmale eines Kometen.
Licht-Polarisation verrät Kometeneigenschaften
Um mehr über seine Zusammensetzung zu erfahren, haben Forscher um Stefano Bagnulo vom Armagh Observatory in Irland den interstellaren Kometen im Winter 2019/2020 mehrfach mit dem Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte (ESO) in Chile ins Visier genommen. “Die Ankunft von 2I/Borisov aus dem interstellaren Raum stellt die erste Gelegenheit dar, die Zusammensetzung eines Kometen aus einem anderen Planetensystem zu untersuchen”, erklärt Co-Autorin Ludmilla Kolokolova von der University of Maryland. „So können wir überprüfen, ob sich das Material, das von diesem Kometen stammt, irgendwie von unserer heimischen Variation unterscheidet.“ Das Team nutzte das FORS2-Instrument am VLT, um das von 2I/Borisov reflektierte Licht auf seine Polarisation hin zu untersuchen. Diese Polarimetrie erlaubt es, anhand der Veränderungen in der Schwingungsebene des Lichts auf die chemische und physikalische Zusammensetzung zu schließen und die Merkmale des interstellaren Kometen mit denen von Kometen aus unserem Sonnensystem zu vergleichen.
Es zeigte sich: “Die Polarisation von 2I/Borisov unterscheidet sich ziemlich von dem, was wir bei den Kometen in unserem Sonnensystem beobachten”, berichten die Astronomen. Konkret zeigte der interstellare Komet eine deutlich höhere Polarisation als die heimischen Brocken – mit einer Ausnahme: Komet Hale-Bopp. Er war bei seiner Passage in den späten 1990er Jahren mit bloßem Auge leicht zu sehen und gilt als einer der ursprünglichsten bisher bekannten Kometen. “Zur Zeit seiner Messung war die polarimetrische Kurve von Hale-Bopp steiler und höher als von jedem anderen zuvor gesehenen Kometen”, erklären Bagnulo und seine Kollegen. Diese Merkmale gelten als typisch für sehr ursprüngliche, noch nicht verwitterte und von Sternenwinden veränderte Kometen. Astronomen gehen deshalb davon aus, dass Hale-Bopp vor seiner letzten Passage erst einmal an unserer Sonne vorbeigeflogen ist.





