In seinem neuen Buch greift der amerikanische Theoretiker Lee Smolin diese Vorstellung an. Er will der Zeit zu Anerkennung als echtes physikalisches Phänomen verhelfen: „Nichts, was wir kennen oder erleben, kommt dem Herzen der Natur näher als die Wirklichkeit der Zeit.”
Um diese „revolutionäre These” – wie er selbst sie nennt – zu stützen, holt Smolin bis zum deutschen Philosophen Edmund Husserl (1859 bis 1938) aus, der die Mathematisierung der Natur durch die Wissenschaft kritisierte, und die damit einhergehende Sinnentleerung und Entfremdung zwischen den Menschen und der Welt. Smolin will uns zurückholen in die Welt – und zurück in die Zeit. Nicht die Zeit sei eine Illusion, sondern die abstrakte, statische Raumzeit à la Minkowski. Smolin skizziert die Grundzüge einer funda – mentalen Theorie jenseits der Quantenmechanik, in der die Zeit die Grundgröße ist: Alles ist in Bewegung. Sogar die Naturgesetze sind veränderlich.
Smolin, Mitgründer des Perimeter Instituts für theoretische Physik im kanadischen Waterloo, gelingt es, seine Theorie und den Weg dorthin ohne Formeln darzustellen. Doch formelfrei heißt nicht einfach: Smolin mutet dem Leser die ganze Komplexität der Argumente zu, auf die er sich stützt. Gut so! Im „Universum der Zeit” können Laien einem der hervorragendsten Querdenker der zeitgenössischen Physik beim Denken zuschauen. Das ist manchmal anstrengend, manchmal eine Herausforderung zum Widerspruch – und immer spannend.
Tobias Hürter





