Das Dilemma liegt damit auf der Hand: Einerseits versucht weltweit fast jeder Staat, so viel Öl, Gas und Kohle wie möglich aus seinem Untergrund zu holen. Denn das macht unabhängiger vom Weltmarkt und wirkt Ängsten einer Energieknappheit entgegen. Andererseits aber ist klar, dass die ungebremste Ausbeutung der fossilen Brennstoffe dem Klima schadet und damit langfristig allen. McGlade und Ekins haben nun erstmals ermittelt, wie viel von welchen Rohstoffen wir weltweit bis 2050 noch nutzen dürfen. Dafür sammelten sie Daten zu den Reserven und Ressourcen von Erdöl, Erdgas und Kohle in den verschiedenen Regionen der Erde und kombinierten diese mit Daten zur bisherigen Nutzung. Diese Werte fügten sie in ein globales Modell ein, das sowohl das Klima als auch die technologische und wirtschaftlich-soziale Entwicklung bis 2100 simuliert. Für die Studie entwickelten die Forscher sowohl Szenarien mit einer Kohlenstoffabscheidung und Speicherung (CCS) als auch ohne und ermittelten so den Anteil der noch erlaubten Nutzung der Ressourcen.
Bis zu 80 Prozent der Ressourcen sind tabu
Das Ergebnis: Wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll, dann müssen 30 Prozent aller Ölreserven, 50 Prozent aller Gasreserven und sogar 80 Prozent aller Kohlereserven bis 2050 ungenutzt im Boden bleiben. Wird bei der Förderung dieser Rohstoffe nicht die Technologie des CCS eingesetzt, dann sind es sogar noch etwas mehr, wie die Forscher berichten. Für den Mittleren Osten würde dies bedeuten, dass sie fast die Hälfte ihrer Öl- und Gasreserven im Boden lassen müssen. Die USA und Russland nutzen bisher erst rund zehn Prozent ihrer Kohlereserven, einen Großteil davon müssten sie auch künftig unverbrannt lassen, damit das Budget eingehalten werden kann.
Die Förderung unkonventioneller Gasressourcen beispielsweise durch Fracking boomt zurzeit vor allem in den USA. Sollten aber Indien, China, Afrika und der Mittlere Osten nachziehen, die alle ebenfalls große Vorkommen von Schiefergas besitzen, wäre ein Scheitern des Klimaschutzziels vorprogrammiert, warnen McGlade und Ekins. Stattdessen müssen mehr als 80 Prozent der weltweiten unkonventionellen Gasressourcen unverbrannt im Boden bleiben, soll das CO2-Budget eingehalten werden. Die Öl- und Gasvorkommen der Arktis, die bisher unangetastet geblieben sind, dürften nach ihren Szenarien sogar gar nicht erschlossen werden.
“Damit beleuchten McGlades und Ekins’ Ergebnisse klar das Verteilungsproblem des Klimaschutzes”, konstatieren Michael Jakob und Jérôme Hilaire vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in einem begleitenden Kommentar. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer sitzen auf riesigen Vorkommen von fossilen Brennstoffen, die sie bisher kaum genutzt haben. In diesen Ressourcen sehen sie eine Chance, sich wirtschaftlich und technisch voranzubringen. Doch soll der Klimaschutz greifen, dürften sie diese Chance nicht nutzen – zurecht ein Grund, sich über Ungerechtigkeit zu beklagen. Nach Ansicht von Jakob und Hilaire hat deshalb nur ein Klimaschutzabkommen Aussicht auf Erfolg, das die Verlierer des begrenzten CO2-Budgets angemessen entschädigt. “Indem McGlade und Ekins die potenziellen Verlierer und Gewinner des Klimaschutzes identifizieren, leisten sie wertvolle Hilfe dabei, ein solches gerechtes Abkommen zu entwerfen”, schließen die Kommentatoren. Ob sich diese Erkenntnisse allerdings auch in den Klimaverhandlungen niederschlagen werden, bleibt abzuwarten.





