bild der wissenschaft: Herr Cernan, Sie sind 1969 noch vor Neil Armstrong dem Mond zum Greifen nahe gekommen. Nur 14 Kilometer trennten Sie von der Oberfläche, doch kurz vor dem eigentlichen Ziel kehrten Sie um. War es eine große Versuchung für Sie und Ihren Kollegen Tom Stafford, sich über die Planungen hinwegzusetzen und als erste Menschen auf dem Mond Geschichte zu schreiben?
Eugene Cernan: Unser Schicksal hatte sich bereits vorher entschieden. Zwar war in den ursprünglichen Planungen für unseren Flug der erste Landeversuch vorgesehen. Doch die Situation hatte sich fünf Monate zuvor geändert, als Apollo 8 an Weihnachten 1968 den Mond umkreiste – ohne Landefähre. Damit ergab sich ein Rückstand bei den nötigen Tests der Landefähre. Wir hätten eine leichtere Landefähre gebraucht, denn man war immer noch damit beschäftigt, Gewicht einzusparen. Auch die Bordsoftware war noch nicht komplett fertig gestellt. Ohne diese Schwierigkeiten hätten wir die Landung versuchen können, doch die Lösung der Probleme hätte uns zwei Monate Verzögerung gekostet. Und die Deadline, die Präsident Kennedy festgelegt hatte – das Jahresende 1969 – rückte näher. Die Entscheidung lautete schließlich: Unsere Apollo-10-Mission sollte die Generalprobe werden – ohne eine Landung. Ich sagte zu Neil Armstrong kurz vor seinem Flug: Jemand musste euch den Weg bahnen. Im Rückblick ist es gar nicht schlecht, nicht der erste Mondspaziergänger gewesen zu sein, sondern vielmehr der Kommandant des letzten Mondflugs. Denn mit Apollo 17 war ich nicht nur zweieinhalb Stunden auf der Mondoberfläche, wie mit Apollo 11, sondern 22 Stunden.
Es war die Ära der Mondlandungen. Manche Experten erwarteten die ersten bemannten Marsflüge schon wenige Jahre später. Doch Raumfahrt-Enthusiasten warten heute immer noch darauf. Ähnlich bei bemannten Mondmissionen: Dafür gibt es bei der NASA keinerlei konkrete Pläne. Sind Sie enttäuscht?
Ich bin überaus enttäuscht. Zusammen mit mehreren Raumfahrer-Kollegen habe ich das immer wieder öffentlich klargestellt, und wir haben das auch in Anhörungen vor dem US-Kongress vertreten: Die Streichung des Mondprogramms, das Präsident George W. Bush verkündet hatte, ist verheerend. Und es fehlt nicht nur ein bemanntes Mondprogramm, es gibt sogar überhaupt keine Missionen mehr irgendwohin! Vor einem halben Jahrhundert haben wir Astronauten zum Mond geschickt, heute können wir nicht einmal mit eigenen Mitteln Amerikaner in den Erdorbit befördern.
Trotzdem liest man manchmal, dass der erste Mensch, der den Mars betreten wird, bereits geboren sei. Was halten Sie davon?
Als ich vom Mond zurückkam, wollten die Journalisten wissen: Wie fühlt es sich an, derjenige zu sein, der das Apollo-Programm beendet hat? Ich sagte ihnen, dass Apollo erst der Anfang gewesen sei. Ich war überzeugt: Wir werden nicht nur zum Mond zurückkehren, sondern bereits zur Jahrhundertwende werden Menschen den Mars betreten. So dachte ich damals. Inzwischen ist klar, dass das ein Irrtum war. Es wird länger dauern. Heute rechne ich damit, dass die erste Marslandung irgendwann zwischen 2030 und 2050 stattfinden wird. Es wird sicherlich eine internationale Mission werden, zu der mehrere Partner technisch und finanziell beitragen. Und, ja, ich gehe davon aus, dass die gesamte Crew dieser ersten Marslandung bereits geboren ist.
Die 111 Meter hohe Saturn-V-Rakete hat Sie zum Mond gebracht. Entwickelt wurde sie unter der Leitung von Wernher von Braun. Wie haben Sie ihn persönlich erlebt?
Ich war gerade erst für das Apollo-Programm ausgewählt worden, als ich ihn zusammen mit anderen Kollegen zum ersten Mal getroffen habe. Es war im Frühjahr 1964 in Houston. Das Ziel dieses Abendessens am runden Tisch war: Wir künftigen Mond-Astronauten sollten die wichtigsten Entscheidungsträger des Raumfahrtprogramms kennenlernen. Wernher von Braun saß neben mir. Ich erinnere mich, wie er zu mir sagte (Cernan verändert seine Stimmlage, um den harten deutschen Akzent nachzuahmen, und imitiert von Braun in abgehacktem Befehlston): „Machen Sie sich keine Sorgen darüber, wie Sie zum Mond kommen. Ich bringe Sie dorthin. Kümmern Sie sich lieber darum, was Sie dort machen werden.” Ich sagte: „Ja, Doktor von Braun, das werde ich.” Daraufhin er: „Wahrscheinlich werden Sie sogar mit einem Auto über den Mond fahren.” Ich entgegnete: „Ja, Herr von Braun. Noch ein Glas Wein für Sie?” Es war damals unglaublich, 400 000 Kilometer von der Erde entfernt in einem Auto unterwegs zu sein. Doch weniger als ein Jahrzehnt später bin ich tatsächlich mit dem Lunar Rover über den Mond gefahren! Zwei Visionäre waren für die Mondflüge entscheidend: Präsident John F. Kennedy und Wernher von Braun.
Planetologen sind noch immer mit Begeisterung dabei, die fast 400 Kilogramm Mondgestein zu untersuchen, die Sie und Ihre Kollegen mitgebracht hatten. Doch es war ausgesprochen riskant, diesen geologischen Schatz zu heben. Und die Aktion wurde unter hohem Zeitdruck vorangetrieben. Ist es im Rückblick nicht erstaunlich, dass den Mondfahrern nichts Katastrophales zugestoßen ist?
Alle Apollo-Astronauten, die sich auf den Weg zum Mond gemacht hatten, sogar die Kollegen der missglückten Mission von Apollo 13, kehrten sicher und unverletzt zur Erde zurück. Dies war nur möglich durch das enorme Engagement von Hunderttausenden Beteiligten und die Unterstützung der gesamten amerikanischen Nation. Unvergessen ist trotzdem, dass es am Anfang mit Apollo 1 einen tragischen Unfall am Boden gab, bei dem drei Astronauten ihr Leben verloren haben.
Träumen Sie eigentlich manchmal nachts von Ihren Mondreisen? Hüpfen Sie in Ihren Träumen über den Mond?
Natürlich träume ich, wie jeder andere Mensch auch. Doch es ist verblüffend: Ich habe keine Träume von meinen Weltraumreisen – weder von den beiden Mondflügen, noch von meinem Außenbordeinsatz, den ich 1966 bei meinem ersten Raumflug mit Gemini 9 in der Erdumlaufbahn absolvierte. Manchmal habe ich Tagträume von diesen Erlebnissen – aber nachts träume ich nie davon. ■
Das Gespräch führte Thorsten Dambeck





