Als Christoph Kolumbus 1495 auf seiner zweiten Schiffsreise in die Neue Welt auf Haiti landete, kamen ihm Indiokinder entgegen, die mit seltsamen Kugeln spielten. Diese hüpften auf dem Boden, als ob sie mit einer geheimnisvollen Federkraft ausgestattet wären. Auf die Frage nach der Herkunft des lustigen Spielzeugs antworteten die Kinder, das seien „Tränen vom weinenden Baum“. Kolumbus schrieb über diese Begegnung später in seinem Reisebericht: „Die Indianer gewinnen aus dem Harz eines Baumes namens caao-chu eine wasserabweisende, klebrige Masse, die sie zum Dichten ihrer Boote benutzen. Sie machen auch springende Kugeln daraus“. Das war die erste Nachricht über den Naturstoff caao-chu (Kautschuk). Doch niemand in Europa nahm Notiz von dieser Meldung.
Erst 275 Jahre später fand ein englischer Mechaniker für das klebrige Baumharz eine nutzbringende Verwendung. Als er zufällig mit einem Stückchen Kautschuk über eine Bleistiftzeichnung strich, entdeckte er den Radiereffekt. Er verkaufte Schulkindern kleine Kautschukstückchen als „Indischen Reiber“. Ein anderer Engländer, Charles Macintosh, löste 1823 das Kautschukharz in Benzol und bestrich mit der Lösung die Innenseite zweilagiger Baumwollstoffe. Daraus nähte er wasserdichte Kleidungsstücke. Noch heute bezeichnen die Engländer den Radiergummi als India rubber und Regenmäntel als mackintoshes.
Der Schneidermeister Johann Nepomuk Reithoffer gründete 1824 in Wien die erste Gummiwaren-Manufaktur. Dünne Kautschuk-Platten wurden in feine Streifen geschnitten und auf Stoffe aufgebügelt. So entstanden Strapse, Gummistrümpfe und Hosenträger. Doch das Interesse an diesen Erzeugnissen war gering. In der Kälte war das Material bretthart und brüchig, in der Wärme wurde es weich und klebrig. Schlimmer noch: Der Wildkautschuk strömte einen wenig angenehmen Duft aus. Die Käufer der gummierten Textilien klagten, das Zeug stinke nach „Affenschweiß“.
Der Amerikaner Charles Goodyear (1800–1860) betrieb in New Haven ein Geschäft für landwirtschaftliche Gerätschaften. Seine Kunden, die Farmer, waren schlechte Zahler. Der gutmütige Goodyear verkaufte ihnen die Geräte großzügig auf Kredit. Das sprach sich herum; nun florierte zwar der Absatz, aber damit stiegen auch die Außenstände. Schließlich spielten die Banken nicht mehr mit, Charles Goodyear machte Bankrott. Als er sich außerstande sah, seine Schulden abzustottern, wanderte er ins Schuldnergefängnis. Hier hatte er endlich Zeit, sich mit dem seltsamen Naturstoff Kautschuk zu beschäftigen, der ihn schon in der Schulzeit fasziniert hatte. Was könnte man aus dem klebrigen Material herstellen?
Er ließ sich von seiner Frau einige Stücke Wildkautschuk und ein Nudelholz ins Gefängnis bringen. Immer wieder knetete er den Kautschuk zusammen mit Mehl, Salz und Ruß. So lernte er die Besonderheiten und Tücken dieses Stoffs immer besser kennen. Nach seiner Entlassung begann Goodyear mit der Herstellung von leichten Gummischuhen. Das ging in den Wintermonaten leidlich gut, doch im Sommer klebten die Socken in den Schuhen fest. Nun versuchte Goodyear, die Klebrigkeit des Kautschuks durch Einreiben mit Kalk, Magnesia oder Talkum zu beheben, ohne Erfolg. Bessere Ergebnisse brachte die Behandlung des Kautschuks mit Salpetersäure. Zwar wurde die Oberfläche dabei schwarz, klebte aber immerhin nicht mehr. Nun bemühte er sich beim Generalpostmeister um einen Auftrag für die Fertigung von 150 regendichten Postsäcken. Tatsächlich erhielt er den Zuschlag. Mit dem Vorschuß konnte sich Goodyear seinen ersten Sommerurlaub mit der Familie leisten. Als er nach vier Wochen zurückkehrte, traf ihn fast der Schlag: In der sommerlichen Hitze hatten sich die Säcke in eine unförmige Masse verwandelt.





