Anonymität – im digitalen Zeitalter pure Illusion.. “Das FBI hat mir heimlich einen Mikrochip in die Gesäßbacke gepflanzt”, klagte Untersuchungshäftling Timothy McVeight, der Bombenleger von Oklahoma City. Die US-Bundespolizei wolle seine Schritte lückenlos überwachen. Skurril – aber das ginge heutzutage.
Zwar existieren vorerst lediglich Pläne, die Wanderbewegungen bedrohter Tierarten auf diese Weise zu verfolgen oder entlaufene Hunde aufzuspüren. Doch Wirtschaftswissenschaftler Roger Clarke von der Universität Canberra prophezeit: “Je weiter sich diese Technologie entwikkelt, desto lauter wird die Forderung werden, solche Chips auch Menschen einzupflanzen. Damit niemand sie entfernt, könnte man die Siliziumscheiben in empfindlichen Körperregionen anbringen – zum Beispiel in der Nähe des Herzens.”
Simon Davies, Jurist und Computerspezialist von der Universität Essex, kommt in einer der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema – Titel: “Wie biometrische Technologien Menschen und Maschine miteinander verschmelzen” – zu einem ähnlichen Schluß: “Eine allgemeine Verbreitung solcher Technologien würde eine neue Klasse von Ausgestoßenen entstehen lassen, die sich diesen Prozeduren entziehen”, warnt er. Den stärksten Widerwillen wecken die biometrischen Techniken, wie Erkennung von Verzeigungsmustern der Adern oder von Wärmemustern der Blutgefäße.
Identifizierungs-Instrumente haben Konjunktur. Das 1920 beschlossene internationale Paßsystem mit Angaben wie Name und Geburtstag stellt Behörden und Geschäftsleute längst nicht mehr zufrieden. Schon gar nicht im weltumspannenden Computernetz Internet: Hier fordern Anbieter von Produkten und Dienstleistungen nicht selten vom Betrachter ihrer elektronischen Katalogseite, zusätzlich den Beruf, die Interessen und sogar die Nummer der Kreditkarte in eine vorgefertigte Maske einzutippen.
“Wer ohne den Schutz durch Verschlüsselung seine Kreditkartennummer oder ähnlich sensible Daten über das Netz weitergibt, handelt grob fahrlässig”, wundert sich Prof. Dr. Alfred Büllesbach von der debis, der Dienstleistungs-Tochter der Daimler-Benz AG, über die Leichtfertigkeit mancher Datenreisenden. Händler mit
Verantwortungsgefühl sorgen von sich aus, via Server-Software, für automatische Verschlüsselung der übermittelten Daten. Ein kleines Schlüsselsymbol auf dem Bildschirm des Kunden zeigt dies an. Wer darauf nicht achtet, zahlt die Zeche, wenn andere mit seiner Kartennummer auf Einkaufstour gehen. Der berüchtigte Kevin Mitnick fischte 21 000 Kreditkartennummern aus dem Zentralrechner des Internet-Anbieters Netcom. Doch Gefahr droht nicht nur durch kriminellen Datenklau. Auch die scheinbar namenlose Tour durch die Angebote in den Netzen kann Folgen haben.
“Jeder, der sich in Datennetzen bewegt, hinterläßt Spuren”, widerspricht Prof. Hermann Kubicek, Leiter der Forschungsgruppe Telekommunikation an der Universität Bremen, allen Illusionen von Anonymität im digitalen Zeitalter. Die Standard-Software eines Servers für das World Wide Web, den bekanntesten Teil des Internets, kann jeden “Besuch” mitsamt Rechneradresse, Datum, Zeitpunkt, Aktion und Zugriffsobjekt aufzeichnen.
Welche Angebote schaut der elektronische Gast an, mit wem nimmt er Kontakt auf, welche Waren kauft er? Computerprogramme registrieren die Haltepunkte auf der virtuellen Tour. Routinemäßig wertet der Rechner die Verbindungsdaten aus und speichert sie zur Abrechnung oder für andere Zwecke. So entsteht mit der Zeit ein umfassendes Bild des Nutzers. Dieser individuelle Datenschatten verrät mehr, als manchem lieb sein kann.
Wissen ist nun einmal Macht, auch Staatsmacht. Die Regierungen von China, Singapur und der USA – mit ihrem Anfang des Jahres verabschiedeten “Communications Decency Act” – haben sich die inhaltliche Kontrolle des Internet bereits auf die Fahnen geschrieben. Hinzu kommt: Viele Politiker meinen, nur Verbrecher und Spione hätten etwas zu verbergen. Daher wollen sie Verschlüsselungsverfahren den Geheimdiensten vorbehalten und betrachten entsprechende Software wie etwa das Programm PGP (Pretty Good Privacy) mit Argwohn.
In Frankreich darf längst nicht jeder seine Daten codieren. In den USA verbieten strenge Gesetze den Export von Verschlüsselungs-Software. Das kleine, aber wirkungsvolle PGP-Programm des amerikanischen Computertüftlers Philip Zimmermann steht dennoch zum kostenlosen Herunterladen im Internet für jeden bereit – sogar auf einem amerikanischen Rechner.
Auch schlichtes technisches Versagen der Maschinerie kann fatale Folgen haben. Das Schicksal von Martin Lee Dement ist nur eines von vielen. Zwei Jahre verbrachte der Kalifornier unschuldig im Gefängnis von Los Angeles. Er war das Opfer eines neu eingeführten, vollautomatischen Fingerabdruck-Systems. Anhand der eingescannten Daten brachte ihn das System mit einem Verbrechen in Verbindung. Erst die klassische Abnahme seiner Fingerabdrücke mit Tinte und Stempelkissen bewies nachträglich seine Unschuld.
Ernüchterndes förderte Anfang 1996 die Bilanz eines britischen Großprojekts zutage. In 250 Orten, verteilt über das ganze Land, hatte die Regierung Kameras installieren lassen. “Virtuelle Polizisten” sollten zum technologischen Flaggschiff im Kampf gegen die Kriminalität werden. Erst im November 1995 spendierten die Behörden für umgerechnet 60 Millionen Mark den Bürgern weitere 10000 elektronische Beobachter.
Zumindest in Kings Lynn in der Grafschaft Norfolk, einem Einsatzschwerpunkt der digitalen Überwacher, entpuppten sich die Ergebnisse nach einer Untersuchung des britischen Innenministeriums als banal: Am häufigsten erfaßten die Polizeikameras Mitbürger, die Unrat auf den Straßen fallen ließen oder öffentlich urinierten.
Ruth Henke





