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Kakao: Göttertrank und süße Versuchung
Erde & Umwelt

Kakao: Göttertrank und süße Versuchung

Zubereitung und Verzehr von Kakao. Wandmalerei aus der Maya-Stadt Calakmul. · Foto: Kenneth Garret, Nat Geo Image Collection

Kakao kennen wir heute vor allem in Form von Schokolade oder als süßes Getränk. Dabei ist die Nutzung der Pflanze keine Erscheinung der Neuzeit. Die exotische Frucht war bereits bei religiösen Zeremonien der Maya und Azteken im Einsatz. Leider hat die Geschichte einen bitteren Beigeschmack.
Autor
Redaktion
26. März 2026
Lesezeit
9 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt
Kakao kennen wir heute vor allem in Form von Schokolade oder als süßes Getränk. Dabei ist die Nutzung der Pflanze keine Erscheinung der Neuzeit. Die exotische Frucht war bereits bei religiösen Zeremonien der Maya und Azteken im Einsatz. Leider hat die Geschichte einen bitteren Beigeschmack.

Text: Elena Bernard

Einst ein bitter-scharfes Gebräu, serviert zu Ehren der Götter: Die Ursprünge des Kakaos haben wenig damit zu tun, wie wir ihn heute kennen. Erst seit wenigen Hundert Jahren dient er als süße Nascherei – ein verschwindend geringer Zeitraum im Verhältnis zu seiner jahrtausendelangen Kulturgeschichte. Diese Geschichte ist eng mit den Hochkulturen Mittelamerikas verknüpft: Bei den Maya und Azteken war Kakao ein rituelles Getränk, Prestigeobjekt und Zahlungsmittel zugleich. Doch die Anfänge reichen noch weiter zurück – nach Südamerika.

Uralte Spuren

Die ältesten Hinweise auf die Nutzung von Kakaobohnen stammen aus dem Südosten Ecuadors. In 5.300 Jahre alten Artefakten, darunter Steinschalen und Tongefäße, haben Forschende Rückstände von Stärkekörnern und Theobromin nachgewiesen – einem Biomolekül, das nur in domestizierten Arten des Kakaobaums vorkommt. DNA-Spuren bestätigten den Befund. Offenbar haben schon damals Angehörige der Mayo-Chinchipe-Kultur, eine der ältesten bekannten Hochkulturen Südamerikas, im oberen Amazonasgebiet Kakao landwirtschaftlich kultiviert.

Die prähistorischen Kakaogefäße wurden an Kochstellen, in Gräbern hochrangiger Personen und an Zeremonienstätten gefunden. „Das deutet darauf hin, dass die Kakaopflanzen sehr wahrscheinlich als wichtige Quelle für Nahrung, Getränke, Medizin, Stimulanzien und für zeremonielle Zwecke dienten“, erläutert die Archäologin Sonia Zarrillo von der University of British Columbia, die die Fundstücke gemeinsam mit ihrem Team untersucht hat.

Bis heute ist die genomische Vielfalt der Kakaopflanzen im oberen Amazonasgebiet am höchsten. Neben den Kultursorten finden sich hier zahlreiche wilde Arten der zu den Malvengewächsen zählenden Pflanze. Die DNA-Analysen der Überreste an Gefäßen belegen, dass die Mayo-Chinchipe sowohl domestizierte als auch die wilden Varianten parallel genutzt hatten.

In Mittelamerika dagegen, das lange als Ursprungsregion des Kakaos galt, gibt es deutlich weniger wilde Sorten und auch die domestizierten Arten sind weniger vielfältig. Anscheinend brachten Menschen die Pflanzen oder deren Samen bereits Jahrtausende vor unserer Zeitrechnung über die Anden. Womöglich verbreitete sich die begehrte Art von dort mit Booten in Richtung Mexiko. „Aus archäologischen Funden geht hervor, dass die Mayo-Chinchipe mit Gruppen an der Pazifikküste in Kontakt standen“, erklärt Zarrillo. „Dieser Austausch umfasst zweifellos auch kulturell wichtige Pflanzen.“

Rituelles Getränk der Maya

Die ersten mittelamerikanischen Völker, die nachweislich Getränke aus Kakaobohnen zubereiteten, waren die Mokaya und Olmeken aus Mexiko ab etwa 1900 v. Chr. Von den Olmeken leitet sich wahrscheinlich auch der Name Kakao ab: In der Sprache dieser frühen Hochkultur wurde die Kakaopflanze als „Kakawa“ bezeichnet. Auch die Maya griffen dieses Wort auf. Eingraviert auf zahlreichen ihrer Keramikgegenstände tauchen die Glyphen für „kakaw“ auf, oft begleitet von textlichen Beschreibungen und bildlichen Darstellungen davon, wie die edle Zutat genutzt wurde. Daraus geht hervor, dass hochrangige Persönlichkeiten zu wichtigen religiösen und gesellschaftlichen Anlässen ein aufgeschäumtes Getränk aus den bitteren Bohnen konsumierten. Auch bei Hochzeiten trank das Brautpaar offenbar Kakao. Zudem diente das rituelle Getränk als Opfergabe für die Götter. Mythologischen Erzählungen zufolge sollen diese den Menschen den Kakao geschenkt haben. Darauf nahm viele Jahrhunderte später auch der Naturforscher Carl von Linné Bezug, als er dem Kakaobaum den bis heute gültigen botanischen Namen Theobroma cacao verlieh. Theobroma bedeutet übersetzt so viel wie „Speise der Götter“.

Doch die Verwendung der göttlichen Gabe bei den Maya ging noch weit über den Einsatz als rituelles Getränk hinaus: „Chemische Analysen von Rückständen aus dem Boden von Gefäßen zeigen, dass Kakao bei den Maya eine Zutat verschiedener Getränke und Breie war und in einer Vielzahl unterschiedlicher Gefäße serviert wurde“, erklärt die Anthropologin Gabrielle Vail in einem Sachbuch zur Geschichte der Schokolade. Oft wurden die zermahlenen Kakaobohnen dabei mit Mais gemischt und entweder mit Wasser aufgeschlagen oder zu herzhaften Speisen verarbeitet. Auch das in den Kakaobohnen enthaltene Fett, die Kakaobutter, fand bereits Verwendung.

Tributzahlung und Arbeitslohn

Die Azteken, deren Hochkultur ab dem 14. Jahrhundert in Mittelamerika aufblühte, übernahmen die Nutzung des Kakaos und seine wichtige Rolle in Mythologie und Gesellschaft von den Maya: Er soll bei ihnen eine Gabe des Gottes Quetzalcoatl an die Menschen gewesen sein, wurde bei Zeremonien und als Opfergabe eingesetzt und von den Eliten bei gesellschaftlichen Anlässen konsumiert. Das aztekische Wort „Xocolatl“ bedeutet so viel wie „bitteres Wasser“ und bildet den Ursprung der heutigen Bezeichnung Schokolade. Mit dem, was wir unter Schokolade verstehen, hatte das Azteken-Getränk allerdings wenig zu tun: Statt mit Milch und Zucker wurden die zerstoßenen Kakaobohnen typischerweise mit Wasser und Chili gemischt und teils mit weiteren Gewürzen verfeinert. Auch die einfache Bevölkerung trank archäologischen Erkenntnissen zufolge wahrscheinlich regelmäßig Kakao.

Im mexikanischen Hochland, ihrem Zentralgebiet, konnten die Azteken jedoch keine Kakaobäume anbauen, da diese eher im tropisch-feuchten Tiefland gedeihen. Deshalb trieben die Azteken regen Handel mit den Maya und forderten zudem aus den von ihnen kontrollierten tiefer gelegenen Gebieten Kakaobohnen als Tributzahlungen ein. Dabei fungierten die Bohnen als eigenständige Währung. Spanische Quellen berichten, dass ein ungelernter Arbeiter in Mexiko Anfang des 16. Jahrhunderts pro Tag 20 Kakaobohnen verdiente. Sogar Fälschungen sind dokumentiert: Bohnen wurden in Wasser eingelegt, um größer zu wirken, oder eingefärbt, um edlere Kakaosorten zu imitieren.

Unter kolonialer Herrschaft

Die Europäer kamen wahrscheinlich schon um 1502 zum ersten Mal mit Kakao in Kontakt, als Christoph Kolumbus während seiner vierten Expedition in die Neue Welt auf ein Boot von Maya-Händlern stieß, das Kakaobohnen geladen hatte. Kolumbus beschrieb die ihm unbekannten Objekte zunächst als „eine Art von Mandeln“ und identifizierte sie später als die lokale Währung. Dass die Azteken aus dem Zahlungsmittel auch ein Getränk herstellten, fand wahrscheinlich erst der spanische Eroberer Hernando Cortés 1519 am Hof des Azteken-Herrschers Montezuma heraus.

Nur wenig später begann eines der wohl dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Kakaos: Cortés unterwarf das Aztekenreich, eignete sich das Land an und versklavte die einheimische Bevölkerung. Unzählige Menschen starben auf den nun spanisch kontrollierten Kakao-, Baumwoll- und Zuckerplantagen. Viele wurden ermordet, andere gezwungen, sich zu Tode zu arbeiten, und wieder andere erlagen den von den Europäern eingeschleppten Krankheiten. Als schließlich die indigene Bevölkerung so stark dezimiert war, dass nicht mehr genügend Arbeitskräfte für die Plantagen zur Verfügung standen, verschleppten die Spanier Millionen von Menschen aus anderen besetzten Kolonien, zunächst ab 1526 aus Honduras und Nicaragua, später auch aus Afrika.

Fastennahrung oder Teufelszeug?

Während der Kakao ausgerechnet dort, wo er zuvor als heilig gegolten hatte, zu einem Symbol kolonialistischer Machtstrukturen wurde und zu großem Leid führte, etablierte er sich in Europa als Getränk der höfischen Gesellschaft. Dominikanische Mönche brachten Kakaobohnen 1544 an den spanischen Königshof. Zunächst war der scharf-bittere Geschmack für europäische Zungen ungewohnt, doch bald setzte sich eine neue Zubereitungsart durch: Der Vorliebe des europäischen Adels für Süßigkeiten folgend, wurde das eigentlich bittere Gebräu mit Zucker oder Honig gesüßt und erfreute sich daraufhin großer Beliebtheit als schmackhaftes Luxusprodukt. Später wurde statt Wasser Milch beigemischt, die für eine cremige Konsistenz sorgte.

Die Kirche hatte ein zwiespältiges Verhältnis zu dem neuen Getränk. Einerseits schätzte der Klerus den wohlschmeckend-nahrhaften Trunk ebenso wie der Adel. Papst Pius V. entschied dahingehend nach innerkirchlichen Diskussionen im Jahr 1569, dass der Konsum auch in der Fastenzeit erlaubt sei. Andererseits galt der Genuss von Kakao in den Augen vieler strenggläubiger Kirchenmänner als heidnisch und lasterhaft, denn ihm wurde nachgesagt, Wollust, Rausch und Sucht zu fördern. Sogar mit Hexerei wurde er in Verbindung gebracht. Dokumentiert sind zahlreiche Fälle aus dem 17. Jahrhundert, in denen sich die Spanische Inquisition mit Kakao befasste. Beispielsweise, wenn er als ketzerischer Liebestrank genutzt oder verbotenerweise vor einer Messe konsumiert wurde.

Doch womöglich trug gerade die exotische Faszination dazu bei, dass der Kakao bald einen festen Platz in der adeligen Genusskultur hatte. Von Spanien aus verbreitete er sich nach Portugal, Italien, Österreich, Frankreich und England und wurde dort jeweils an die regionalen kulinarischen Vorlieben angepasst. Während in Spanien und Frankreich oft Vanille beigemischt wurde, setzten die Italiener eher auf Zimt und die Engländer auf die heute noch beliebte Minze. Auch herzhafte Speisen wurden mit geriebenen Kakaobohnen gewürzt.

Der Weg zur Massenware

Im 18. Jahrhundert eröffneten in ganz Europa Kaffee-, Tee- und Schokoladenhäuser als soziale und politische Treffpunkte der gehobenen Gesellschaft. Auch berühmte Dichter und Denker wie Goethe und Voltaire sollen begeisterte Kakaotrinker gewesen sein. Schließlich wurde die europäische Nachfrage nach Kakao so groß, dass der Anbau in den mittel- und südamerikanischen Kolonien den Bedarf nicht mehr decken konnte. Anfang des 19. Jahrhunderts führten die Kolonialmächte den in Südamerika heimischen Baum deshalb auch in Afrika ein und veränderten damit dauerhaft die Landkarte des Kakaoanbaus. Heute stammt allein rund die Hälfte des weltweit produzierten Kakaos von der Elfenbeinküste und aus Ghana, den beiden größten Anbauländern. Gerade edlere, anspruchsvollere Sorten gediehen in der neuen Umgebung allerdings kaum, sodass sich der Fokus auf robustere Sorten verschob – mit Abstrichen bei der Qualität. Mehr und mehr wurde so aus dem Luxusgut Kakao ein Produkt für die breite Bevölkerung.

Auch die Industrialisierung leistete einen entscheidenden Beitrag dazu: Um 1800 kamen in England und Frankreich die ersten Dampfmaschinen in der Schokoladenherstellung zum Einsatz. Sie ermöglichten es, die Kakaobohnen in größerem Maßstab maschinell zu zermahlen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Massenprodukt. 1828 erfand der holländische Chemiker Coenraad Johannes van Houten eine Presse, mit der sich das Kakaopulver von der Kakaobutter trennen ließ und dadurch wesentlich besser löslich wurde. Aufwendige Zubereitungszeremonien wurden überflüssig. Da auch die Herstellungskosten sanken, konnten sich einfachere Bürger fortan ebenfalls das ehemalige Feingetränk der gehobenen Gesellschaft leisten. Mitte des 19. Jahrhunderts kamen schließlich die ersten Tafelschokoladen auf den Markt und weitere technische Innovationen der folgenden Jahrzehnte sorgten dafür, dass das zunächst grobe, bröckelige Erzeugnis die zartschmelzende Konsistenz erhielt, die wir heute kennen.

Bittersüße Medizin

Noch immer war Schokolade aber vor allem ein Produkt für Erwachsene – und das nicht nur zum Genuss, sondern auch zur Stärkung und zu medizinischen Zwecken. Jahrhundertelang wurde ihr nachgesagt, aphrodisierend und potenzfördernd zu wirken. Schon der Azteken-Herrscher Montezuma soll Kakao konsumiert haben, bevor er eine seiner Frauen besuchte. Kakao kam für verschiedenste medizinische Zwecke zum Einsatz, erst bei den Hochkulturen Mittelamerikas, später in Europa. Ob Magenbeschwerden oder Fieber, Blähungen oder Husten, Asthma, Müdigkeit, Herzprobleme, Rheuma oder sogar Krebs – es gab kaum ein Problem, gegen das Kakao nicht als Heilmittel diskutiert wurde. Immerhin enthalten die Kakaobohnen reichlich Antioxidantien, darunter sogenannte Flavonoide. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass diese sekundären Pflanzenstoffe tatsächlich die Blutgefäße schützen und den Blutdruck senken können. Zudem sind sie in der Lage, eine entzündungshemmende Wirkung zu entfalten. Kakaobohnen sind außerdem reich an Vitaminen und Spurenelementen.

Bei unseren heutigen Kakao- und Schokoladenprodukten ist die Konzentration der gesundheitsförderlichen Inhaltsstoffe allerdings normalerweise zu gering, um über den Placeboeffekt hinaus zu wirken. Zudem enthalten die meisten unserer Zubereitungsformen zu viel Fett und Zucker, die sich im Gegenteil negativ auf unsere Gesundheit auswirken. Ausgerechnet in dieser ungesunden Form wird Schokolade seit den 60er Jahren gezielt an Kinder vermarktet. 1968 brachte etwa der italienische Hersteller Ferrero die berühmte „Kinder Schokolade“ mit dem Porträt eines lachenden Jungen auf den deutschen Markt.

Bewusst genießen

Seine einst tief verankerte mythologische und symbolische Bedeutung hat der Kakao inzwischen weitgehend verloren. Schokolade ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags, erschwinglich, jederzeit verfügbar und wird meist losgelöst von ihrem Ursprung konsumiert. Doch die dunklen Seiten ihrer Geschichte setzen sich bis heute fort. Noch immer wird der größte Teil der weltweiten Ernte unter problematischen sozialen und ökologischen Bedingungen produziert. Vielleicht lohnt sich gerade deshalb eine Rückbesinnung auf die jahrtausendealte Vergangenheit der Götterspeise. Die Geschichte jedes einzelnen Schokoriegels erzählt von Ritualen und Tradition, von feinen Gaumenfreuden, von Industrialisierung und technischer Innovation, aber auch von Ausbeutung und globaler Ungleichheit. Diese Erzählung wird noch heute fortgeschrieben – auf den Plantagen ebenso wie in den Regalen der Supermärkte und in der Entscheidung jedes einzelnen Konsumenten. //

Elena Bernard

hat während der Recherche für diesen Text besonders viel Kakao getrunken – auch mal experimentell mit Chili gewürzt. Die unspektakulärere Version mit Zimt schmeckte ihr aber besser.

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