Von BETTINA WURCHE
Dunkel, kalt, nährstoffarm und unter hohem Wasserdruck erscheint die Tiefsee absolut lebensfeindlich. Ab 200 Metern Tiefe erhellen nur noch schwache Reste des Sonnenlichts die Zwielichtzone (Mesopelagial). Unter 1000 Metern Tiefe beginnt die eigentliche lichtlose Tiefsee, deren Wassertemperatur nur noch bei ein bis vier Grad liegt. Welche Tiere sollten hier unten noch leben wollen oder können? Doch sie sind da, die Bewohner dieses Bathypelagials. Sie sind Jäger oder leben von den herabrieselnden Futterresten der dicht belebten Meeresoberfläche, dem Meerschnee. Die „Schneeflocken“ bestehen aus weißlichen Klumpen abgestorbener Bakterien und anderem Plankton, Kotbrocken, Aasteilen und anderen organischen Partikeln. Ein Teil davon wird auf dem Weg nach unten gefressen, der Rest landet auf dem Meeresboden und bildet dort eine dicke Schicht.
Das Bathypelagial reicht in den meisten Regionen bis zu den ausgedehnten Tiefseeebenen in 4000 Metern, dem Benthal. Diese meist schlammbedeckten Böden sind durch aufragende Meerberge und Vulkaninseln gegliedert, an anderen Stellen klaffen bis zu 11 000 Meter tiefe submarine Canyons. Die Tiefsee ist der größte und der am wenigsten erforschte Lebensraum der Erde. Nur vier Kilometer von der Oberfläche entfernt, ist diese Region für Menschen ähnlich fremd und unzugänglich wie ein ferner Planet im All. Und doch üben die seltsamen Formen und die Bioluminiszenz der fremdartigen Tiefseegeschöpfe eine große Faszination auf uns aus.
Blinklichter, Schleimnetze und Riesenmäuler
Leuchtsardinen oder Laternenfische sind zwar klein und zahlreich wie die echten Sardinen der oberen Ozeanschichten, aber ihre Leuchtorgane an der Körperunterseite kennzeichnen sie als echte Tiefseebewohner. Beim Blick von unten k önnten nämlich scharfsichtige Tiefseejäger die Silhouetten der kleinen Fische leicht erkennen. Darum geben die Leuchtorgane (Photophoren) der Laternenfische gerade so viel Licht ab, dass sie an der Unterseite genauso hell erscheinen wie das umgebende Wasser. Gegenbeleuchtung heißt diese optische Tarnung. Tagsüber leben die Fische in 300 bis 1500 Metern Tiefe, nachts steigen sie an die Oberfläche auf und jagen dort das wimmelnde Zooplankton. Die meist um 15 Zentimeter kleinen Schwarmfische machen etwa 65 Prozent der Tiefseefisch-Biomasse aus und sind eine wichtige Beute für größere Tiere, darunter Top-Prädatoren wie Thunfische.
Den Tiefenrekord hält ein Scheibenbauch-Fisch im Marianengraben mit 8134 Metern. Sein fast gallertiges Körpergewebe hat die gleiche Dichte wie das umgebende Wasser und kann dadurch dem starken Wasserdruck widerstehen. Auch die Tiefseeangler-Fische sind wabblig. In ihrem kargen, tiefen Lebensraum spannen sie mit fragilen Flossenstrahlen durchscheinende Flossen auf und entfalten ein Schleimnetz zum Nahrungsfang. Das gigantische Maul mit den transparenten Fangzähnen schluckt jede Beute, klein oder groß, damit dem Fisch bei der Nahrungsarmut dieser Region kein Nährstoff entgeht. Angelockt von einer Angel mit Lichtorgan schwimmt die Beute dem Jäger meist direkt vor das Maul. Da auch die Partnersuche hier unten schwierig ist, gehen manche Tiefseeangler-Arten eine untrennbare Paarbeziehung ein: Die winzigen Männchen verwachsen mit dem Weibchen, bis sie schließlich nur noch Samenspender sind und über den Blutkreislauf des Weibchens miternährt werden.





