Text: Pascal Alius
Als der Mähdrescherfahrer das Feld sah, wollte er direkt wieder umdrehen. Denn überall wucherte Weißer Gänsefuß; von den Ackerbohnen, die geerntet werden sollten, war nichts zu sehen. Die Besitzerin des Felds, Marie von Schnehen, hatte gerade mit ihrem Vater auf Ökolandbau umgestellt. Um die Schadenfreude der konventionellen Landwirte in der Nachbarschaft zu verhindern und die Ernte zu retten, lud sie den Mähdrescherfahrer zu Kuchen ein und „beschnackte“ ihn, doch noch zu dreschen. So war die Ernte gerettet, aber eine tragfähige Lösung war es nicht. Vielleicht die Idee, den Mischanbau auszuprobieren?
Die Vorteile des Misch- oder Gemengeanbaus sind lange bekannt und wissenschaftlich gut belegt. Höhere Erträge, geringeres Risiko von Ernteausfällen, Erosionsschutz, gesündere und lebendigere Böden, Nährstoffoptimierung, geringerer Pestizid-, Herbizid- und Düngereinsatz, eine höhere Biodiversität – die Liste ist lang, und trotzdem: Bisher ist der Mischanbau für die industrielle Landwirtschaft wirtschaftlich unattraktiv. Und selbst Biobetriebe bauten im Jahr 2022 nur auf 57.000 Hektar Gemenge an, was etwa sechs Prozent ihrer Ackerflächen entsprach. Denn Mischanbau ist aufwendiger, benötigt andere Technik und es fehlen gut untersuchte Saatmischungen. Doch was muss geschehen, damit sich das ändert? Denn eines ist sicher: Für eine nachhaltigere Landwirtschaft ist der Mischanbau ein wichtiger Baustein.
Altbewährte Methoden
„Mischkulturen sind für mich kein Experiment, sondern die logische Antwort auf den Klimawandel“, sagt Marie von Schnehen. „Mehr Vielfalt auf dem Feld bedeutet gesündere Böden, mehr Insekten – und am Ende auch mehr Biodiversität sowie Ertrag.“ Sie hat das Hofgut Klein Schneen vor sechs Jahren von ihren Eltern übernommen. Es liegt im Göttinger Land und die Familie von Schnehen ist dort seit 1320 ansässig.
„Wir haben hier ziemlich gute Böden, die Parabraunerden“, sagt von Schnehen. Das bringt jedoch auch Probleme mit sich. Nicht nur die Kulturpflanzen wachsen gut, sondern auch ungewollte Beikräuter. „Es gibt Unkräuter, die stören nicht und tragen zur Biodiversität bei: So was wie Vergissmeinnicht, ein bisschen Klatschmohn und Kornblumen“, sagt die Landwirtin. „Aber so etwas wie den Weißen Gänsefuß will man nicht haben.“ Denn Weißer Gänsefuß kann mit einer Wuchshöhe von bis zu 150 Zentimetern einen hohen Beschattungseffekt haben und außerdem dem Boden wichtige Nährstoffe sowie Wasser entziehen.
Deshalb säte von Schnehen im Jahr nach dem Beinaheunglück die Ackerbohnen im Gemenge mit Hafer, der das Unkraut unterdrücken sollte. „Am Anfang kann man mit dem Striegel die Unkräuter verschütten“, erklärt von Schnehen, sie also mit Erde bedecken, damit sie nicht wachsen. „Aber wenn die Ackerbohnen größer sind, geht das nicht mehr.“ Dann sorgt stattdessen der Hafer dafür, dass weniger Licht auf den Boden trifft und Spätkeimer wie Weißer Gänsefuß keine Chance mehr haben, zu keimen. Das Ergebnis überzeugte von Schnehen.
Synergien
Gängige Kombinationen im Mischanbau schließen immer eine Leguminose, also Hülsenfrüchte, ein – egal, ob im Futter- oder im Ackerbau. Das können Klee und Luzerne sein, Linsen, Ackerbohnen oder Erbsen. Von Schnehen kombiniert mit Gerste, Triticale (eine Kreuzung aus Weizen und Roggen) sowie Hafer. Darüber hinaus werden Mohn und Quinoa angebaut – alles Produkte, die sie direkt vom Hof über einen Onlineshop verkauft. „Der Gemengeanbau ist ein charmantes Verfahren, um das Risiko besser zu verteilen“, sagt von Schnehen. Wenn die Kichererbsen nicht vollständig abreifen, weil es ein nasses Jahr ist, kann man zumindest die Gerste ernten. Das verhindert einen Totalausfall.
Einer der wichtigsten Vorteile des Gemengeanbaus besteht aber darin, dass viele als „Unkraut“ bezeichnete Pflanzen im Mischanbau gar nicht erst anfangen, zu wachsen. Dies hat mehrere Ursachen, etwa eine bessere Beschattung des Bodens durch das mitwachsende Getreide, erklärt Herwart Böhm. Er hat über 20 Jahre lang beim Thünen-Institut zum Thema Mischanbau geforscht.
Weiter erklärt er: „Das Getreide im Gemenge saugt den Stickstoffvorrat leer.“ So steht den Beikräutern weniger Stickstoff zum Wachsen zur Verfügung – und Leguminosen benötigen diesen gar nicht, da sie sich über eine Symbiose mit Knöllchenbakterien mit Stickstoff aus der Luft versorgen. Und das Getreide bietet noch mehr Vorteile: Es scheidet Stoffe aus, die das Keimen unerwünschter Beikräuter hemmen, und es verhindert, dass die Leguminosen umfallen, insbesondere Erbsen und Linsen. Dadurch kann der Mähdrescher sie besser ernten.
Für die ökologische Landwirtschaft hat der Anbau im Gemenge den nützlichen Nebeneffekt, dass der Gesamtertrag im Vergleich zu Reinsaaten höher ist – im Durchschnitt etwa 20 Prozent, bestenfalls sogar bis zu 50 Prozent.
Im konventionellen Anbau lässt sich ein solches Feld jedoch nicht normal spritzen. Denn viele Pflanzenschutzmittel, die Unkraut vernichten, zerstören auch Leguminosen. Die Mittel sind deshalb nicht für den Mischanbau zugelassen. Denn konventionell ist alles auf Homogenität und den Anbau einer Kultur pro Feld ausgelegt.
Die Mischung macht’s
Noch ein Grund, der konventionelle Landwirte zögern lässt, den Mischanbau auszuprobieren, ist die Züchtung. „Die Züchter fokussieren sich auf die großen rentablen Systeme, das ist der konventionelle Reinanbau“, sagt Pierre Hohmann. Der Agrarökologe hat lange am Forschungsinstitut für biologischen Landbau in der Schweiz geforscht und war an zwei EU-Projekten zum Thema Züchtung für den Mischanbau beteiligt. „Es lohnt sich nicht, für einen Nischenmarkt wie den Mischanbau zu züchten“, sagt er.
Und die Bauern würden wiederum keine Mischungen anbauen, weil sie nicht wüssten, welche Arten gut miteinander funktionieren. Im EU-Projekt Remix haben Hohmann und seine Kollegen herausgefunden, dass es nicht reicht, einfach die besten Sorten des Reinanbaus der jeweiligen Pflanzenart zu kombinieren. Die Pflanzen müssen auch sich ergänzende Eigenschaften mitbringen.
So erlaube es Mischanbau etwa, krankheitsresistente Sorten wie vollblättrige Erbsen anzubauen, die in der Reinsaat nicht konkurrenzfähig wären, weil sie schneller umfallen als gängige Ranken bildende Erbsen. „Es geht um Teamfähigkeit und nicht darum, die stärksten, die kompetitivsten Individuen zusammenzubringen“, stellt der Experte Hohmann fest.
Eine Chance dafür gäbe es bei der Sortenprüfung. Anhand von Merkmalen lässt sich erkennen, welche Pflanzen zusammenpassen könnten. Würden die Sortenprüfer wenigstens ein paar dieser Merkmale überprüfen und Empfehlungen an die Landwirte geben, wäre das eine große Hilfe, sagt Hohmann. „Dann kämen auch die Züchter nicht mehr drum herum, auf diese Merkmale zu selektieren.“
Streifenanbau
Wer die Felder des Hofguts Klein Schneen aus der Luft betrachtet, sieht, dass einige davon deutlich kleiner sind. Dinkel, Quinoa, Kichererbsen, Lupinen, Mohn und Buchweizen reihen sich in schmalen Streifen nebeneinander. Wenn der violette Wintermohn verblüht, beginnt der Buchweizen, weiß zu schimmern. Wenn eine Pflanze abgeerntet ist, stehen die anderen noch und bieten den Insekten Zuflucht und Nahrung. Auch das zählt als Mischanbau.
Der Streifenanbau könnte eine Möglichkeit sein, den Mischanbau auch für die konventionelle Landwirtschaft attraktiver zu machen. Denn die separaten Streifen lassen sich wie ein normales Feld bearbeiten. In China hat dieses System eine lange Tradition, in Europa ist es bisher kaum verbreitet.
Moritz Reckling vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg in Brandenburg forscht seit 2022 zu dieser neuen Methode des Mischanbaus. In der Vergangenheit sah er den Streifenanbau als zu aufwendig an. Das hat sich nun geändert. Die neue Forschungsstrategie der Deutschen Allianz für Agrarforschung aus dem Jahr 2024 spricht sich ebenfalls für den Streifenanbau aus. Denn das Thema Vielfalt wird in der Landwirtschaft immer dringender.
In einer aktuellen Studie kam das Team von Reckling zu dem Ergebnis, dass der Anbau von zwölf Meter breiten Streifen im Vergleich zum Reinanbau die Zahl der Schädlinge wie Blattläuse reduziert, weil deren natürliche Feinde wie Laufkäfer durch die größere Vielfalt im Feld deutlich häufiger vorkommen. Die Erträge sind dabei dennoch gleich hoch wie beim Reinanbau. „Manche Laufkäfer rennen in den offenen Strukturen herum wie verrückt“, erzählt Reckling. „Die haben im Frühsommer auf den Streifen mit Sojabohnen Platz wie auf einer Autobahn. Sie brauchen aber auch den angrenzenden Streifen mit Winterweizen, um Schutz und Nahrung zu finden.“ Dort regulieren sie dann die Schädlinge.
Mit Blick auf den Klimawandel gibt Reckling zu bedenken, dass es nicht die eine angepasste Pflanze gebe. „Es wird Starkregen geben und gleichzeitig extreme Trockenphasen“, sagt Reckling. „Das einzige Rezept ist, das Risiko durch mehr Vielfalt zu streuen und Synergien, wie die Bereitstellung von Nährstoffen, zwischen den Kulturen stärker zu nutzen.“
Gemengt oder gestreift – Hauptsache gemischt
Darüber hinaus schränkt die EU die Nutzung von Pflanzenschutzmitteln immer weiter ein. Das führt dazu, dass auch konventionelle Betriebe sich an den Mischanbau herantasten. Einer davon ist das Hofgut Dettenberg unweit der Schwäbischen Alb. Das Gut wird von Patricia Keppler gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Eltern bewirtschaftet, vor zehn Jahren fingen sie mit dem Mischanbau an. Für Patricia Keppler ist der Mischanbau „der Weg“, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Weil es immer weniger zugelassene Wirkstoffe gebe, steige die Wahrscheinlichkeit, dass sich Resistenzen bilden.
Keppler experimentierte damit, Kresse und Klee unter die Sonnenblumen zu säen. „Damit wollten wir die Schnecken in den Griff bekommen“, sagt sie. „Das hat sehr gut funktioniert.“ Der Klee konkurriere mit den Sonnenblumen nicht um Nährstoffe und auch nicht um Licht. Und gleichzeitig helfe ihr der Mischanbau, die Beikräuter zu regulieren. In diesem Jahr möchte Keppler eventuell Klee mit Mais kombinieren. Im Streifenanbau sieht Keppler eine einfacher umsetzbare Alternative zum Gemengeanbau. Ihr Mann habe sich das im vergangenen Herbst in der Schweiz angeschaut. „Wenn man mit GPS die Routen programmiert, ist der Aufwand nicht viel größer als bei normalen Feldern“, sagt Keppler. Auch das Säen sei mit moderner Technik kein Problem. Nur die Planung sei komplizierter, da man sich genau überlegen müsse, wie man düngt und spritzt.
Agrarökologe Thomas Döring von der Universität Bonn plädiert derweilen für den klassischen Mischanbau. Was im Gemenge funktioniere und sich bewährt habe, solle auch weiter so angebaut werden. „Das zu ändern, wäre Quatsch“, sagt er. „Aber der Streifenanbau ermöglicht neue Kombinationen.“ Welche genau, sei noch nicht klar, dafür müsse mehr geforscht werden. Aber in den Niederlanden seien schon erste Erfolge zu sehen, vor allem im Gemüseanbau. Da würden Zwiebeln und Pastinaken neben Kartoffeln und Möhren wachsen.
Allerdings gibt Döring zu bedenken, dass der Streifenanbau bisher noch nicht im Rahmen einer mehrjährigen Fruchtfolge untersucht wurde. Also was passiert, wenn die eine Kultur abgeerntet ist und man dann die nächste sät oder eben nicht. „Vielleicht machen wir uns da bei manchen Kombinationen was vor“, sagt Döring. „Wir sehen tolle Effekte, aber wir betrachten noch nicht das Gesamtsystem.“ Damit der Mischanbau beliebter wird, ist also noch einiges an Forschung nötig – vor allem gemeinsam mit den Landwirten.





