Otto I. der Große war eine zentrale Figur der europäischen Geschichte. Der im Jahr 912 geborene Herrscher war König des Ostfrankenreichs und Italiens und wurde 962 in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt. Damit legte er den Grundstein für eine Wiederbelebung des römischen Kaisertums und das spätere Heilige Römische Reich deutscher Nation. Otto I. war zudem die treibende Kraft hinter der Erhebung Magdeburgs zum Erzbistum im Jahr 968. Nach dem Tod des Kaisers im Jahr 973 wurde er im Magdeburger Dom beigesetzt. Sein im Binnenchor stehender Sarkophag ist bis heute ein Denkmal von erheblichem kulturhistorischen Wert. Allerdings hat er im Laufe der Jahre sehr gelitten.

Öffnung des Holzsargs ermöglicht genauere Untersuchungen
Deshalb begannen Anfang 2025 umfangreiche Maßnahmen zur Dokumentation und Erhaltung des Grabmals unter Leitung des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt. Dafür wurde der Zustand des Grabmals zunächst zeichnerisch, fotografisch und mittels 3D-Kartierung dokumentiert. Dabei zeigten sich erhebliche Schäden durch Korrosion, die die Integrität des Sarkophags akut gefährdeten.
Das Expertenteam entschied sich daher dafür, die marmorne Deckplatte zu entfernen und den im Sarkophag stehenden schlichten Holzsarg zu öffnen, seinen Inhalt zu dokumentieren und diesen anschließend nach und nach vorsichtig zu entnehmen. Im Holzsarg fand das Forschungsteam neben den Gebeinen eines Mannes auch zahlreiche Textilreste, darunter die Überreste eines roten Einschlagtuchs aus byzantinischer oder spanischer Seide und eine blau gefärbte Decke mit Silberfäden. Bemerkenswert sind ferner Funde von Eierschalen und Obstkernen, ein Moritzpfennig aus dem 13. Jahrhundert sowie ein Stück Fensterglas, die mehrfache zeitlich getrennte Manipulationen am Grabmal belegen, wie das Landesamt berichtet.
Die Öffnung des Holzsargs bietet die einmalige Chance, die Gebeine im Grabmal Ottos des Großen näher zu untersuchen. Im Vordergrund stand dabei die Frage: Handelt es sich bei diesem Toten tatsächlich um den im Jahr 973 verstorbenen Kaiser? Um das zu klären, wurde eine
interdisziplinäre Forschungsgruppe aus Vertretern verschiedener Fachgebiete gebildet. Sie hat die Gebeine sowohl anthropologisch als auch medizinisch genauer untersucht.
Alter, Verletzungen und Körpermerkmale passen zu Otto dem Großen
Jetzt liegen erste Ergebnisse vor. Demnach stammen die Knochen im Grabmal von einem rund 1,80 Meter großen Mann – er war damit im Vergleich zu seinen Zeitgenossen relativ groß. Der Zustand der Knochen und Zähne verrät, dass dieser Mann im Alter von 55 bis 65 Jahren gestorben sein muss. Dies passt damit gut zur historischen Überlieferung, nach der Otto I. im Alter von 60 Jahren starb. Ebenfalls gute Übereinstimmung mit den historischen Daten ergab die Radiokohlenstoffdatierung der sterblichen Überreste aus dem Grabmal.
Auch weitere Merkmale der Gebeine passen gut zu Otto dem Großen, wie das Landesamt berichtet. So belegen stark ausgeprägte Muskelansätze an Oberschenkel- und Beckenknochen, dass der Verstorbene regelmäßig als Reiter im Sattel saß. Auch die ausgeprägte Arthrose an Hüft- und Kniegelenken könnte dazu passen. „Die sterblichen Überreste aus dem Sarkophag Ottos des Großen sprechen für einen muskulösen Mann, der viel geritten ist und eine gute Kondition hatte“, berichtet Walter Wohlgemuth vom Universitätsklinikum Halle an der Saale. An den Knochen des Toten sind zudem Spuren verheilter Verletzungen zu erkennen. So muss er sich zu Lebzeiten die linke Speiche im Unterarm gebrochen haben und auch am Hinterkopf und am Gesichtsschädel zeigen sich Spuren alter Wunden. Im Kiefer fehlen zudem drei obere Schneidezähne – möglicherweise steht dies im Zusammenhang mit den anderen Verletzungen am Schädel.
Interessant auch: Die Computertomografien vom Schädel des Kaisers könnten auch Hinweise auf seine Todesursache liefern. Denn sie zeigen, dass die Öffnung für eine der Halsschlagadern an der Schädelbasis auffällig erweitert war. „In fachlicher Hinsicht ist die Erweiterung des Canalis Caroticus an der Schädelbasis besonders faszinierend, weil die Suche nach den möglichen Ursachen dafür unmittelbar Fragen nach dem Gesundheitszustand des Kaisers zum Zeitpunkt seines Todes berührt“, erklärt der Radiologe Mathias Becker vom Universitätsklinikum Magdeburg.
DNA belegt enge Verwandtschaft mit Heinrich II.
Zusammengenommen sprechen diese medizinisch-anthropologischen Befunde dafür, dass im Grabmal von Otto dem Großen tatsächlich die Gebeine des Kaisers liegen. Erhärtet wird dies durch vergleichende Analysen von DNA-Proben des Toten durch Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI EVA) in Leipzig. Sie haben die DNA aus dem Magdeburger Grabmal mit Proben von Knochen aus der Reliquiensammlung des Bamberger Domes verglichen. Diese Knochen werden Heinrich II. zugeschrieben, dem 1024 gestorbenen letzten Ottonenherrscher auf dem ostfränkischen Kaiserthron.
Der DNA-Vergleiche ergaben: Der Tote im Magdeburger Dom und Heinrich II. waren miteinander verwandt. „Die archäogenetischen Untersuchungen kamen zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die traditionell als Gebeine Heinrichs II. angesprochenen Knochen der Bamberger Reliquiensammlung und die sterblichen Überreste aus dem Sarkophag Ottos des Großen von nahen Verwandten dritten Grades stammen, die über die väterliche Linie verbunden sind“, berichtet Harald Ringbauer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Dies passt zur historischen Überlieferung, nach der Kaiser Heinrich II. der Enkel von Ottos Bruder Herzog Heinrich von Bayern war – und damit der Großneffe von Otto dem Großen.
„Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wir hier demnach die sterblichen Überreste Kaiser Ottos des Großen vor uns“, sagt Harald Meller, Direktor des Landesamts für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Die Identifizierung des Bestatteten aus dem kaiserlichen Grabmal im Magdeburger Dom als Otto I. könne damit als bestätigt gelten.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte





