Die Milchstraße ist unsere kosmische Heimat, unsere Sonne ist einer von mehr als 100 Milliarden Sternen in dieser Galaxie. Dennoch kennen wir bisher nur Teile ihrer Struktur, Zusammensetzung und bewegten Geschichte. Denn von unserer Position aus sind viele Teile der Milchstraße schwer zu sehen, sie werden von Staub- und Gaswolken oder vom galaktischen Zentrum verdeckt. Zudem macht die schiere Menge an Himmelskörpern und anderer kosmischen Phänomen es schwer, den Überblick zu bekommen. Um mehr Klarheit zu schaffen, hat die europäische Weltraumagentur ESA im Jahr 2013 das Weltraumobservatorium Gaia ins All geschickt. Seither durchmustert dieser am Lagrangepunkt 2, rund 1,5 Millionen Kilometer hinter der Erde positionierte Satellit unsere Heimatgalaxie mithilfe mehrerer Teleskope und Sensoren. Das Observatorium nimmt hunderte kosmischer Objekte pro Sekunde ins Visier und sammelt Informationen über ihre Entfernung, ihr Spektrum und ihre Bewegung. Ziel der Mission ist es, die Milchstraße so genau und vollständig wie möglich in drei Dimensionen zu kartieren.

Merkmale und Positionen von 1,8 Milliarden Sternen kartiert
Jetzt hat die ESA den dritten Datenkatalog der Gaia-Mission vervollständigt und veröffentlicht. Er enthält neue Details zu den rund 1,8 Milliarden Sternen, darunter Daten zur chemischen Zusammensetzung, den Sterntemperaturen, Farben, Massen sowie dem Alter und der Geschwindigkeit, mit der sich Sterne bewegen. “Diese Datenveröffentlichung repräsentiert einen großen Fortschritt auf unserem Weg zu einer detaillierten ‘Volkszählung’ der Milchstraße und charakterisiert schon einen substanziellen Teil seiner stellaren Bewohner”, sagt Nicholas Walton von der University of Cambridge. “Ähnlich wie beim 100.000-Genome-Projekt in der Biologie können wir nun hunderte Millionen von Sternen charakterisieren und das ermöglicht es uns, ihre Lebenszyklen zu verfolgen und die unglaubliche Geschichte und Zukunft unserer Milchstraße besser zu verstehen.” Auch tausende Objekte des Sonnensystems wie Asteroiden und Monde von Planeten sowie Millionen von Galaxien und Quasaren außerhalb der Milchstraße sind im neuen Datensatz enthalten.
Zu den auch für die Astronomen überraschendsten Entdeckungen in den neuen Daten gehört, dass der Gaia-Satellit sogar Sternenbeben detektieren kann – winzige Bewegungen auf der Oberfläche eines Sterns, die seine Form verändern. So hat das Observatorium schon zuvor radiale Schwingungen nachgewiesen, die Sterne regelmäßig anschwellen und schrumpfen lassen. Inzwischen hat Gaia auch nicht-radiale Schwingungen entdeckt, die den gesamten Stern verformen. Sie laufen wie ein gewaltiger Tsunami einmal durch den Stern hindurch. „Sternenbeben lehren uns eine Menge über die Sterne, insbesondere über ihr Innenleben. Gaia ist eine Goldgrube für die ‚Asteroseismologie‘ massereicher Sterne“, sagt Conny Aerts von der Katholischen Universität Leuven in Belgien.





