Auf die Vorweihnachtszeit freut sich jedes Kind. Während die Eltern die gemütliche Stimmung bei Kerzenlicht und Musik genießen, streiten sich die Kinder um die Plätzchen, spielen mit dem flüssigen Kerzenwachs und fackeln Tannennadeln ab.
Manchmal findet sich aber auch ein Objekt der Bewunderung. „ Was ist denn das für eine komische Leuchte?”, fragte Christoph. Merkwürdig, dass er sie überhaupt sah, denn er konzentrierte sich gerade darauf, mit einer Tannennadel einen Kanal für flüssi- ges Wachs in den Rand einer Kerze zu ritzen.
„Meinst du die mit den Sternen?”, fragte seine Schwester Maria, ebenfalls ohne hinzusehen.
„Das ist eine wunderbare Leuchte aus Papier”, erklärte ich.
Die Verachtung war spürbar. Doch ich ließ mich nicht beirren: „ Aus durchscheinendem Papier. Damit man es gut sieht.”
„Was denn?”, fragte Maria.
„Die Leuchte hat eine ganz besondere Form”, versuchte ich sie zu animieren. Maria sah herüber: „Ecken und Sterne!”
„Sehr gut!”, lobte ich. „Wie viele Ecken hat denn eine Seite?”
Maria zählte so , dass ich es nicht merken sollte: „Fünf”, sagte sie dann lässig.
Jetzt sah auch Christoph kurz herüber: „Und die Sterne haben fünf Zacken.”
Wir mussten noch einen Schritt weiterkommen. Ich fragte: „Aus wie vielen Fünfecken besteht die Leuchte?”
Maria begann oben zu zählen, Christoph unten. Es geschah ein Wunder: Sie kamen sich nicht ins Gehege, sie stritten nicht – und sie kamen auf die gleiche Zahl: „Zehn!”
„Und unten?” Sie schauten hinein, verbrannten sich fast die Haare und sahen, dass auch der Boden ein Fünfeck mit Stern war. „ Na gut, elf”, gab Christoph zu.
Maria meinte: „Eigentlich gehört dann oben auch noch eins drauf.”
Christoph gab sich als analytischer Wissenschaftler: „Dann würde aber das Teelicht nicht brennen, beziehungsweise du würdest es erst gar nicht reinkriegen.”
„Aber schön wär’s.” Maria hat ein Gespür für Perfektion.
Ich nahm den mathematischen Faden auf: „Wenn wir uns auch oben ein Fünfeck denken, dann hätten wir genau zwölf. Man nennt diese Form einen Dodekaeder. Das ist griechisch und bedeutet, dass das Gebilde zwölf Seitenflächen hat.”
„Und wie macht man dieses Dodekadings?”, fragte Christoph.
„Ganz einfach”, meinte Maria. „Du schneidest die Fünfecke und die Zacken aus und klebst dann alles zusammen.”
„Schaut mal genau hin”, sagte ich. „Wie würde das wohl aussehen, wenn ihr alle Dreiecke einzeln ankleben würdet?”
Christoph lachte mich aus: „Du meinst wohl, wenn du alles zusammenkleben würdest? Bestimmt nicht so schön!”
„Ich kenne aber einen Trick. Der funktioniert so gut, dass selbst ich das schaffen würde.” Jetzt hatte ich ihre Aufmerksamkeit. „Zunächst schneidet man elf Fünfecke aus.”
„Sag bloß!”
Ich erzählte einfach weiter: „Man schneidet Fünfecke aus, die alle gleich groß sind, aber ein bisschen größer als die Fünfecke der Laterne. Übrigens sind die Winkel am Fünfeck genau 108 Grad groß. Die muss man genau abmessen.”
„Und wie macht man die Sterne?”
„Das ist der Trick: Bei jedem Fünfeck knickt man die Ecken ein. Genauer gesagt, man markiert auf den Kanten zwischen den Ecken jeweils den Mittelpunkt, verbindet diese Punkte und knickt an den Linien um.”
„Und wie halten die Fünfecke zusammen?”
„Ganz genial: Die abgeknickten Ecken nimmt man als Klebelaschen.”
Christoph hatte die Konstruktion verstanden: „An der Stelle der Klebelaschen sind zwei Papierlagen – das ergibt die Sterne.”
Der Sieg war mir sicher. Nun sagte keiner mehr etwas. Die Kinder holten Papier, Geodreieck, Schere und Klebstoff und waren die nächste halbe Stunde damit beschäftigt, eine Dodekaederleuchte zu basteln.





