Die Katastrophe, die sich vor 8.150 Jahren vor der Küste Norwegens abspielte, dürfte Lesern des Romans “Der Schwarm” bekannt vorkommen: Auf einer Breite von dreihundert Kilometern geriet damals der Kontinentalhang vor der Küste Norwegens ins Rutschen, wodurch ein gewaltiger Tsunami in der Nordsee hervorgerufen wurde. Im Buch wird der Hang instabil, weil sich das eisförmige Methanhydrat auflöst, das den Meeresboden durchsetzt und das schlammige Sediment verfestigt. Für die echte Rutschung spielte Methanhydrat aber wahrscheinlich keine Rolle, berichten Forscher um Charles Paull vom Monterey Bay Aquarium Research Institute.
Methanhydrat ist eine eisförmige Mischung aus Wasser und dem Faulgas Methan. Bei hohem Druck und niedrigen Temperaturen ist die Substanz stabil, sie durchsetzt wahrscheinlich große Teile des Meeresbodens, insbesondere an den Kontinentalhängen. Methanhydrat gilt als möglicher Auslöser von Naturkatastrophen: Wenn sich das Wasser in der Nähe des Meeresbodens erwärmt, kann sich das Methaneis auflösen, wodurch es zu Hangrutschungen unter Wasser kommen kann. Ein solches Szenario wurde bislang für die
Storegga-Rutschung vor der Küste Mittelnorwegens für wahrscheinlich gehalten. Dabei glitt ein Stück Meeresboden von der Größe Islands bis zu 800 Kilometer weit in die Tiefsee.
Paull und seine Kollegen untersuchten nun die Überreste der Storegga-Rutschung. Sie stellten fest, dass in dem dabei abgelagerten Schlamm kein Methan vorhanden ist. Auch an der Bruchkante enthält der Meeresboden kein Methanhydrat. Benachbarte Teile des Kontinentalsockels, die von der Rutschung nicht betroffen waren, sind dagegen von Methanhydrat durchsetzt. Die Forscher folgern daraus, dass in den Sedimenten, die vor mehr als 8.000 Jahren ins Rutschen gerieten, entweder nie nennenswerte Mengen Methanhydrat vorhanden waren oder dass der Stoff schon vorher durch kleinere Abbrüche aus dem Schlamm entwichen war.
Ein alternatives Szenario für die Katastrophe sieht folgendermaßen aus: Demnach lagerten sich vor der norwegischen Küste nach dem Ende der letzten Eiszeit sehr rasch große Mengen Schutt ab ? und zwar so schnell, dass das Porenwasser nicht aus dem Schlamm entweichen konnte. Schließlich schwamm das Sediment sozusagen auf dieser Flüssigkeit, wurde instabil und rutschte ab. Solche Rutschungen ereignen sich etwa alle 100.000 Jahre vor Norwegen.
Charles Paull (Monterey Bay Aquarium Research Institute, Muss Landing, Kalifornien) et al.: Geophysical Research Letters, Bd. 34, L04601, doi:10.1029/2006GL028331 Ute Kehse