Ein starkes Erdbeben muss nicht unbedingt zu schwereren Verwüstungen als ein schwächeres Beben führen. Zu diesem überraschenden Schluss kommen amerikanische Wissenschaftler. Ihrer Studie nach setzen große Bodenverschiebungen an einer Erdspalte das darin befindliche Grundwasser so stark unter Druck, dass es die Platten auseinander drückt und so deren gegenseitige Reibung verringert. Das berichtet das britische Wissenschaftsblatt New Scientist.
Die Geophysikerin Emily Brodsky von der Universität von Kalifornien in Los Angeles und ihre Kollegen analysierten in ihrer soeben in den Geophysical Research Letters (Bd. 30, S. 1244) erschienenen Arbeit die Bodenverschiebungen zweier schwerer Erdbeben der Jahre 1999 und 2002 in Taiwan sowie in Alaska. Beide Beben wiesen eine Stärke von über 7,0 auf der oben offenen Richterskala auf, führten jedoch überraschenderweise zu relativ geringen Zerstörungen.
Dies hängt damit zusammen, dass beide Beben von nur geringen hochfrequenten Bodenschwingungen begleitet waren. Da Gebäude für Erschütterungen des Bodens mit einer hohen Frequenz am empfindlichsten sind, blieben die Auswirkungen der beiden starken Beben relativ beschränkt.
Brodsky glaubt daher, dass die Richterskala allein nicht zur Beschreibung der Zerstörungskraft eines Bebens ausreicht. Diese gibt nämlich nur die relative Größe der Plattenverschiebungen an, die bei einem Erdbeben an einer Bodenspalte auftreten.
Je kräftiger diese Verschiebungen, umso stärker ist allerdings auch der auf das Grundwasser in der Spalte ausgeübte Druck. Der Theorie der kalifornischen Forscher zu Folge wirkt dieses nun bei hohen Drücken als Schmiermittel ? es drückt die aneinander reibenden Platten auseinander und senkt so die Stärke der Bodenerschütterungen herab. Bei dem Beben in Taiwan etwa könnten die Spalten durch das Grundwasser um mehr als fünf Millimeter auseinander getrieben worden sein – genug, um die Reibung der Platten beträchtlich zu verringern.
Stefan Maier





