„Hast du Zeit?” Mit diesen Worten empfängt eine Stimme aus dem Off Besucher der Sonderausstellung des Science Centers „ experimenta” in Heilbronn. Ausgestattet mit einer persönlichen Stempelkarte können die Besucher selbst messen, wie lange sie sich durch die vierte Dimension bewegen. Doch was ist Zeit? Wann beginnt sie, und wann hört sie auf? Oder hat die Zeit keinen Anfang und kein Ende? Warum vergeht die Zeit nicht überall und für jeden gleich schnell? Den Antworten nähert sich die experimenta über acht Zeiträume mit insgesamt 40 Exponaten, die der Besucher durchwandert – von der Vergangenheit über die Gegenwart bis zur Zukunft.
Der erste Zeitraum, „Jahrmillionen”, macht klar, wie kurz das Dasein des Menschen im Vergleich zum Weltall ist: Auf einer Zeitspule, die man mit einer Kurbel bedient, ist die Erdgeschichte auf ein Jahr geschrumpft. Im Oktober tauchen die ersten Tiere auf und erst kurz vor Mitternacht des letzten Tages, weniger als eine Sekunde vor dem Glockenschlag zur Gegenwart, erscheint der Mensch. Eine riesige Leinwand zeigt Sterne und Galaxien, die zum Zeitpunkt des Betrachtens längst verglüht sind.
WIE SEHE ICH in 20 JAHREN AUS?
Der Abschnitt „Jahrtausend” behandelt die Menschheitsgeschichte. Jahresringe eines Mammutbaumes helfen, geschichtliche Ereignisse, technische Erfindungen und wichtige Entwicklungen in Kunst und Musik, aber auch Klimaveränderungen zeitlich einzuordnen. Die Lebenszeit eines einzelnen Menschen ist begrenzt, beträgt etwa ein „Jahrhundert”. Allein 28 Jahre davon verschlafen wir. Und was fangen wir mit der restlichen Zeit an? Der Besucher soll schätzen, wie viele Jahre er mit Arbeit, Fernsehen, Autofahren, geselligem Beisammensein oder Sport verbringt. Dann präsentiert eine Anzeige die Durchschnittswerte. Ein Fotoautomat greift der Zukunft voraus und druckt für Mutige ein besonderes Passbild: Es zeigt dem Besucher, wie sein Gesicht in 20 Jahren aussehen könnte.
Doch das ist noch lange hin. Viel weiter als ein „Jahr” vermag der Mensch nicht zu planen. Für einzelne „Tage” fällt ihm das schon leichter: Mit einem Flugzeug soll der Besucher zwölf Einzelteile eines Roboters einsammeln, die rund um die Welt verteilt sind. Die Schwierigkeit besteht darin, dass er die verschiedenen Stationen jeweils bei Tageslicht erreichen muss, also die Zeitzonen der Erdteile im Blick behalten muss. „Bei dieser Reise um die Welt vergeht die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes wie im Flug”, begeistert sich Christian Sichau. Der Ausstellungsleiter der experimenta hat die Sonderschau konzipiert. „Unser Ziel ist, dass die Besucher nach Hause gehen und mehr wissen möchten”, erklärt er.
Eine Röhre führt den Besucher von den „Tagen” zu den „Stunden” . Hier kann er sich Uhrwerke von der Sanduhr bis zur Atomuhr anschauen. Menschen aus verschiedenen Ländern der Erde berichten über die Bedeutung der Zeit in ihrer Kultur. Nicht überall ist Zeit Geld und wird Arbeit pro Stunde bezahlt. Gelebte Gegenwart ist nach wenigen „Sekunden” – die vorletzte Station – schon Vergangenheit.
Wer sich in Lichtgeschwindigkeit durchs All bewegt, kann zwar die Zeit nicht anhalten, aber zumindest ihren Gang entschleunigen. Auf einer virtuellen Radtour durch Tübingen bekommen Besucher, die lieber auf dem Boden bleiben, eine Ahnung davon, wie es sich anfühlt, mit Lichtgeschwindigkeit durch „Zeit und Raum” zu rasen. Der letzte Aufdruck auf der Stempelkarte verrät schließlich, wie lang die unterhaltsame Zeitreise gedauert hat. ■
von Marion Martin
LESEN
Till Roenneberg Wie wir ticken Die Bedeutung der inneren Uhr für unser Leben DuMont, Köln 2010, € 19,95
Drei Bücher von Peter Spork mit Bezug zur Chronobiologie: Das Uhrwerk der Natur Chronobiologie – Leben mit der Zeit Rowohlt Digitalbuch 2011, € 8,49 Das Schlafbuch Warum wir schlafen und wie es uns am besten gelingt Rowohlt, Hamburg 2008, € 9,95 Der zweite Code Epigenetik – oder wie wir unser Erbgut steuern können Rowohlt, Hamburg 2010, € 9,99
Tobias Hürter DU BIST, WAS DU SCHLÄFST Piper, München 2011, € 19,99
Beiträge in bild der wissenschaft über die Physik der Zeit: 12/2002, 12/2003, 4/2004, 10/2004, 5/2005, 1/2006, 1/2008, 12/2010, 1/2011
Beiträge in bild der wissenschaft über Dunkle Energie und die Zukunft des Alls: 6/1999, 7/2001, 4/2002, 8/2003, 6/2006, 11/2006, 11/2007, 8/2009, 4/2010
Anfang, Ende, Richtung und Natur der Zeit: Roger Penrose ZYKLEN DER ZEIT Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 2011, € 29,95
Rüdiger Vaas HAWKINGS KOSMOS EINFACH ERKLÄRT Vom Urknall zu den Schwarzen Löchern Kosmos, Stuttgart 2011, € 24,95
INTERNET
Website von bdw-Autor Peter Spork, mit Hinweisen auf Vorträge zum Thema Chronobiologie: www.peter-spork.de
EU-Projekt zur Chronobiologie mit einem Link zum Chronotyp-Fragebogen von Till Roenneberg, LMU München. Wenn Sie teilnehmen, erhalten Sie eine ausführliche Analyse Ihres Chronotyps: www.euclock.org
Zentrum für Chronobiologie, Basel (Christian Cajochen). Auch hier gibt es einen Chronotyp-Fragebogen: www.chronobiology.ch
AUSSTELLUNG
Die Sonderausstellung Zeit – Expedition in die vierte Dimension im Science Center „experimenta” in Heilbronn ist noch bis zum 29. April 2012 zu sehen: www.experimenta-heilbronn.de





