Obwohl unsere Sonne der uns nächste und bestuntersuchte Stern ist, bleiben noch viele Fragen offen. So ist noch immer unklar, wo und wie genau der Sonnenwind und das solare Magnetfeld entstehen. Auch die Veränderungen im Laufe eines Sonnenzyklus sind erst in Teilen untersucht. Denn bisherige Sonnenobservatorien auf der Erde und im All hatten ein entscheidendes Manko: Sie alle sehen unseren Stern nur von der Seite, denn die Erde und fast alle Raumsonden umkreisen die Sonne auf der äquatorialen Ebene. Jedes Bild, das jemals von der Sonne gemacht wurde, wurde daher aus dieser Perspektive aufgenommen. Wie die Pole der Sonne aussehen, wie sie sich im Laufe der Zeit verändern und wie dort die Magnetfelder und Plasmaströmungen strukturiert sind, blieb so verborgen. Astronomen konnten die Prozesse an den solaren Polen bisher nur über Modellsimulationen nachvollziehen.
Solarer Südpol im Blick
Um dies zu ändern, hatte die Europäische Weltraumorganisation ESA im Februar 2020 ihre Sonnensonde „Solar Orbiter“ auf die Reise geschickt. Sie holte zunächst Schwung an Erde und Venus und näherte sich dann der Sonne bis Anfang 2021 immer weiter an. Anschließend schwenkte die Raumsonde in elliptische, immer stärker polwärts geneigte Orbits ein. Am 16. März 2025 hat der Solar Orbiter dabei erstmals eine Bahnneigung erreicht, durch die er einen ersten Blick auf den Südpol der Sonne erhaschen konnte. Die dabei aus einem Winkel von 15 Grad gegenüber der Ekliptik erstellten Aufnahmen sind die ersten, die jemals von einem solaren Pol gemacht wurden. Wenige Tage später, am 23. März 2025, erreichte der Solar Orbiter den bisher maximalen Beobachtungswinkel von 17 Grad. Die ersten Aufnahmen und Daten dieser Beobachtungskampagne hat die ESA jetzt veröffentlicht.
„Heute präsentieren wir der Menschheit die ersten Ansichten eines Sonnenpols“, sagt Carole Mundell, ESA-Direktorin für Wissenschaft. „Diese einzigartigen neuen Ansichten unserer Solar-Orbiter-Mission markieren den Beginn einer neuen Ära der Sonnenforschung. Die Sonne ist unser nächster Stern, Lebensspender und potenzieller Störenfried moderner Systeme, sowohl im Weltraum als auch auf der Erde. Es ist daher unerlässlich, dass wir verstehen, wie sie funktioniert und ihr Verhalten vorhersagen können.“ Der einzigartige Blickwinkel des Solar Orbiters werde unser Verständnis des Magnetfelds der Sonne, des Sonnenzyklus und der Funktionsweise des Weltraumwetters verändern. Bei ihren ersten Polbeobachtungen hat die Raumsonde den solaren Südpol zunächst mit drei ihrer Instrumente aufgenommen: dem Polarimetric and Helioseismic Imager (PHI), dem Extreme Ultraviolet Imager (EUI) und dem Spectral Imaging of the Coronal Environment (SPICE) Instrument.






