Als eine bestimmte Linie von Dinosauriern sich zu Vögeln entwickelte, schrumpften sie zunächst auf die Größe eines kleinen Huhns. Erst danach entwickelten sie die Fähigkeit, zu fliegen. Das schließt ein Forscherteam um Alan Turner vom American Museum of Natural History aus einem für Dinosaurierverhältnisse winzigen Fossil aus der Mongolei.
Die Knochen gehören zu einer bisher unbekannten Dinosaurierart, der die Forscher den Namen Mahakala omnogovae gaben ? nach einer buddhistischen Gottheit. Es handelte sich um einen etwa 70 Zentimeter langen, knapp einen Kilo schweren Fleischfresser, der in der Oberkreide lebte. Damit ist Mahakala noch ein Stück kleiner als der bislang kleinste bekannte Raubsaurier Compsognathus. Aus der Form der Knochen schließen Turner und seine Kollegen, dass es sich nicht um ein Jungtier handelte.
Die Forscher ordnen den Zwerg-Dino in die Familie der Dromaeosaurier ein. Zu den bekanntesten Mitgliedern dieser Gruppe gehörten der wendige Velociraptor und der drei bis vier Meter große Deinonychus (“gefährliche Kralle”). Beide besaßen wie viele Dromaeosaurier scharfe, sichelförmige Krallen. Mahakala ist allerdings ein primitiver Vertreter der Dromaeosaurier, berichten die Forscher um Turner. Dem Tier fehlen einige typische Merkmale, dafür ähnelt er in einigen Eigenschaften verwandten Dinogruppen, unter anderem der Gruppe, aus der die Vögel hervorgingen. Die Forscher ordnen die kleine Echse daher tief unten im Stammbaum der Dromaeosaurier ein.
Die Forscher vermuten, dass der gemeinsame Vorfahr von Vögeln und Dromaeosauriern bereits auf zwergenhafte Maße geschrumpft war. Sie glauben, dass er 600 Gramm wog und 65 Zentimeter lang war ? ähnlich wie der erste “echte” Vogel, der berühmte Archäopteryx.
“Das Fossil zeigt uns, dass Dinosaurier früher auf eine geringe Größe schrumpften als wir dachten”, sagt Co-Autorin Julia Clarke von der North Carolina State University. “Noch interessanter ist es aber, dass einige Dinosauriergruppen, die sehr eng mit den Vögeln verwandt sind, nicht klein blieben ? sie wurden hundertmal so schwer wie ihr Vorfahr.” Es gab also gegensätzliche Entwicklungen in eng verwandten Gruppen.
Bislang hatten die Paläontologen angenommen, dass die verschiedenen Entwicklungen, die den Vögeln das Fliegen erlaubten, Hand in Hand gingen: “Wir dachten, dass die Vögel stufenweise kleiner wurden, schneller wuchsen und zu fliegen begannen”, sagt Clarke. “Nun sehen wir, dass die Körpergröße sich bereits verringert hatte, bevor die anderen Innovationen bei der Bewegung und beim Stoffwechsel auftraten.” Warum sich die Vögel in die Luft erhoben, während ihre Verwandten sich zu besonders schrecklichen Raubtieren entwickelten, bleibt daher rätselhaft.
Alan Turner (American Museum of Natural History) et al.: Science Bd. 317, S. 1378 Ute Kehse





