Eine Sonnenfinsternis ganz ohne unsere Sonne fand am 6. November 2010 statt. Denn es war nicht ihr Licht, das sich plötzlich verfinsterte, sondern das einer anderen Sonne: des Sterns NOMAD1 0856–0015072. Und es war auch nicht der Mond, der das Licht blockierte, sondern ein kleiner Planet am Rand unseres Sonnensystems. In dieser Nacht hatte er sich vor den Stern geschoben. Astronomen rund um den Globus verfolgten das Ereignis, denn diese Sternbedeckung war die bislang beste Gelegenheit, mehr über den fernen Zwergplaneten Eris zu erfahren.
Der griechischen Sage zufolge steht die Göttin Eris für Zwietracht und Chaos. Ob auch vom gleichnamigen Zwergplaneten Böses ausgeht, ist Ansichtssache. Fest steht jedenfalls: Als ein Team um den US-Astronomen Mike Brown Eris 2005 entdeckte, im Kuiper-Gürtel jenseits von Neptun, stieß das Pluto von seinem Sockel. Er verlor 2006 seinen angestammten Status als vollwertiger Planet, den er immerhin 76 Jahre lang besessen hatte (bild der wissenschaft 12/2006, „Plutos Sturz”).
Pluto ist offenbar alles andere als einzigartig. Schon vor zwei Jahrzehnten hatten Astronomen die ersten Objekte im Kuiper-Gürtel aufgespürt – inzwischen sind etwa 1300 Exemplare bekannt (siehe Kasten „Gut zu wissen”). Aktuelle Beobachtungen machen diese Himmelskörper noch interessanter, denn sie enthüllen, dass die Außenseiter des Sonnensystems sehr vielfältig sind.
Eris galt als größtes Kuiper-Objekt. Doch wie groß ist sie genau? Die Bedeckung von NOMAD1 0856–0015072 sollte die Frage beantworten. „Um Eris’ Größe zu bestimmen, sind Sternbedeckungen die beste Methode”, sagt Bruno Sicardy vom Observatoire de Paris. „Doch die Beobachtung von Sternbedeckungen durch Körper jenseits der Neptunbahn erfordert höchste Präzision und sorgfältige Planung.”
Internationale Kampagne
An zwei Dutzend verschiedenen Orten – in Europa, den Kanarischen Inseln und in Südamerika – wurde NOMAD1 0856–0015072 ins Visier genommen. Bei einer solchen Kampagne haben nur wenige Teams die Chance, dass die Messungen gelingen. Oftmals machen Wolken oder ungenaue Prognosen über den Eintrittsort der Bedeckung einen Strich durch die Rechnung. Eine Erfolgsmeldung kam diesmal von einem kleinen robotischen Teleskop am Observatorium der Europäischen Südsternwarte ESO in Chile, das vom belgischen Liège aus gesteuert wurde, und von zwei weiteren chilenischen Fernrohren. Alle drei registrierten einen plötzlichen Helligkeitseinbruch, als Eris das Licht des Sterns blockierte.
Die übrigen Forscher hatten sprichwörtlich in die Röhre geschaut. Aber selbst die wenigen geglückten Messungen waren aussagekräftig. Zusammen mit 61 weiteren Autoren publizierte Sicardy die Ergebnisse kürzlich im Fachmagazin Nature.
Die mollige Eris …
Die Analysen ergaben, dass Eris nahezu kugelförmig ist. Ihr Durchmesser beträgt 2326 Kilometer – das macht sie quasi zu einem Zwilling von Pluto (bild der wissenschaft 2/2013, „Der gefleckte Zwerg”). Allerdings ist Eris momentan rund dreimal so weit von der Sonne entfernt wie ihr Bruder. Von dort aus gesehen ist die Sonne zu einem hellen Stern geschrumpft. Die höchsten Temperaturen auf Eris schaffen es maximal auf 35 Grad Celsius über dem absoluten Nullpunkt, schätzen die Forscher.
Bei dieser enormen Kälte hat sich die dünne Gashülle aus Stickstoff, Methan und/oder Argon, die Eris wohl wie Pluto im sonnennahen Bereich der Umlaufbahn umgibt, als Frost auf dem Boden niedergeschlagen. Eris reflektiert das spärliche Sonnenlicht deshalb besser als Neuschnee.
Trabanten von Kuiper-Objekten sind in dieser eisigen Tristesse nichts Ungewöhnliches. Auch Eris wird von einem solchen begleitet. Der US-Astronom Wesley Fraser schreibt in der Januar-Ausgabe des Fachblattes Icarus, dass die Trabanten beim Zusammenprall von Kuiper-Objekten entstanden sein könnten – als Fragmente, die in eine Umlaufbahn um den Mutterkörper katapultiert wurden.
Solche Monde sind für Astronomen ein einzigartiges Werkzeug. Denn aus den Umlaufbahnen der Trabanten können sie die Massen der Miniplaneten bestimmen. Zusammen mit den Daten, die sich aus Sternbedeckungen ableiten lassen, ergibt sich so die mittlere Dichte der Kuiper-Objekte. Und die fällt überraschend unterschiedlich aus (siehe Tabelle auf S. 54, „Die Riesen unter den Miniplaneten”).
Quaoar, ein stattlicher Brocken von knapp 1200 Kilometer Durchmesser, fällt mit einem Wert von maximal 5,0 Gramm pro Kubikzentimeter völlig aus dem Rahmen. Noch vor Kurzem hätte kaum ein Forscher ein Kuiper-Objekt erwartet, das hauptsächlich aus schwerem Gestein besteht.
… Und Die lange Haumea
Ein weiteres exotisches Exemplar ist die langgestreckte Haumea, deren Durchmesser am Äquator mit 2200 Kilometern doppelt so groß ist wie der Abstand von Pol zu Pol. „Haumea braucht weniger als vier Stunden für eine komplette Drehung um die eigene Achse. Sie ist der am schnellsten rotierende größere Körper im Sonnensystem”, wundert sich Mike Brown vom California Institute of Technology über die abgeplattete Raserin (siehe Porträt „Der Pluto-Killer” auf dieser Seite unten).
Bislang ist wenig bekannt über die Zahl der kleinen Brocken im Kuiper-Gürtel, die weniger als einen Kilometer Durchmesser aufweisen. Doch etliche Forscher sind diesen Minikörpern auf der Spur, zum Beispiel Hilke Schlichting von der University of California in Los Angeles. Auch sie wertet Sternbedeckungen der sonst unsichtbaren Objekte aus. Ihr Fernrohr fliegt durchs All: das Hubble-Teleskop.
Kürzlich veröffentlichte Hilke Schlichting zusammen mit Kollegen ihre jüngsten Analysen im Astrophysical Journal. Der Studie lagen über 31 000 Beobachtungsstunden mit dem Fine Guiding Sensor von Hubble zugrunde – über einen Zeitraum von neun Jahren. Das Instrument, das die genaue Ausrichtung des Weltraumteleskops steuert, misst 40 Mal pro Sekunde die Helligkeit von bestimmten Leitsternen.
Myriaden Objekte dort draussen
In dem Datenwust, der mögliche Änderungen der Helligkeiten von rund 100 000 Sternen erfasste, identifizierte Hilke Schlichting zwei Ereignisse. Eine genaue Analyse ergab: Es handelte sich um Sternbedeckungen kleiner Kuiper-Objekte.
Dadurch kann die Astronomin nun die Häufigkeit der kleinen Kuiper- Objekte ab 250 Meter Größe beziffern. Ergebnis: Auf einer Himmelsfläche, die der Vollmond einnimmt, sind 0,3 bis 5 Millionen kleine Kuiper-Brocken unterwegs. Schlichtings Schlussfolgerung: Das ist häufig genug, um die Zahl der sogenannten kurzperiodischen Kometen zu erklären – also von Kometen mit Umlaufzeiten von weniger als 200 Jahren. Langperiodische Kometen stammen aus viel weiter entfernten Regionen.
Indessen ist der nächste große Meilenstein in der Erforschung des Kuiper-Gürtels bald erreicht: 2015 fliegt die NASA-Sonde New Horizons an Pluto vorbei. Aber auch auf der Erde liegen Astronomen auf der Lauer. Neue Instrumente, die in den kommenden Jahren in Betrieb gehen sollen, könnten noch größere Kuiper-Objekte als Eris aufspüren – möglicherweise solche, die dem Merkur oder sogar dem Mars ebenbürtig sind, spekuliert Mike Brown.
Bereits am 29. August wird es in Sachen Eris wieder spannend: Nach den aktuellen Prognosen tritt Plutos Zwillingsschwester dann erneut vor einen Stern. Aufsehenerregende Nachrichten könnten diesmal aus Neuseeland und Australien kommen. ■
THORSTEN DAMBECK, promovierter Physiker, ist regelmäßiger bdw-Autor. Im April-Heft berichtete er über die Venus.
von Thorsten Dambeck
Gut zu wissen: Kuiper-Gürtel und Oort’sche Wolke
· Der Kuiper-Gürtel – benannt nach dem Astronomen Gerard Kuiper – erstreckt sich jenseits der Bahn des Neptun, des äußersten großen Planeten, und hat die Gestalt eines Reifens.
· Bislang wurden dort mehr als 1300 Objekte entdeckt.
· Diese reichen von Minibrocken im Format eines Hochhauses bis zu Zwergplaneten von über 2000 Kilometer Durchmesser.
· Die Gesamtmasse der Objekte des Kuiper-Gürtels wird auf rund 0,1 Erdmassen geschätzt. Das ist erheblich mehr als die Masse aller Planetoiden zwischen Mars und Jupiter.
· Von Zeit zu Zeit kollidieren Kuiper-Objekte miteinander. Manche der Bruchstücke gelangen auf neue Umlaufbahnen und werden ins innere Sonnensystem abgelenkt. Dort können sie als kurzperiodische Kometen in Erscheinung treten.
· Die Oort’sche Wolke – benannt nach dem Astronomen Jan Hendrik Oort – ist eine riesige kugelförmige Region, die 10 000 bis 100 000 Mal so weit von der Sonne entfernt ist wie die Erde. Sie gilt als Quellregion der langperiodischen Kometen.
Kompakt
· Über 1300 neu entdeckte Himmelskörper umkreisen die Sonne im Kuiper-Gürtel, der äußeren Grenzregion des Sonnensystems.
· Eris hat die gleichen Ausmaße wie Pluto, ist jedoch um 27 Prozent massereicher.
Der „Pluto-Killer”
Geboren wurde Mike Brown 1965 in Huntsville, Alabama. Die Weltraumforschung gehörte dort zum Alltag: Überall traf man auf Raketen-Ingenieure vom Marshall Space Flight Center der NASA, die das Mondprogramm vorantrieben. Browns Vater war einer von ihnen. Eines Nachts im Winter 1973 holte er seinen Sohn aus den Federn, um ihm einen verwaschenen Fleck am Himmel zu zeigen: den Kometen Kohoutek. Brown entflammte für die Astronomie. Nach seinem Studium in Princeton und Berkeley machte er sich an die Erforschung des Kuiper-Gürtels. Er war an der Entdeckung Hunderter Kuiper-Objekte beteiligt, darunter mehrerer großer Zwergplaneten. Und er war einer der Forscher, die Plutos Dasein als Planet beendeten. Im vergangenen Jahr erhielt Brown zusammen mit zwei Kollegen den Kavli-Preis für Astrophysik. 2006 listete ihn das Time Magazine unter die 100 einflussreichsten Personen weltweit.
LESEN
Populäres Buch von einem Experten: Mike Brown WIE ICH PLUTO ZUR STRECKE BRACHTE Springer, Berlin 2012, € 24,95
INTERNET
Fachvortrag des Astronomen David Jewitt über Eis im Sonnensystem: www.youtube.com/watch?v=ZPgCvNxRDMk
Populärer Vortrag von Mike Brown: www.youtube.com/watch?v=9uDNK_Qm50I
Die Riesen unter den Miniplaneten
Name Ausmaße
(Kilometer) Umlauf-zeit
(Jahre) Distanz zur
Sonne
(AE)* Dichte
(Gramm pro Kubikzentimeter) Zahl der bekannten Monde Entdeckung Bemerkung
Pluto
(Zwergplanet) 2300 bis 2400 246 30 bis 49 2,0 5 1930 Ex-Planet mit dünner Gashülle
Varuna 1000 281 40 bis 45 0,99 2000 sehr geringe Dichte ähnlich Wasser
Quaoar 1170
286 42 bis 45 2,7 bis 5,0 1 2002 hohe Dichte, großer Gesteinsanteil
Sedna etwa 1000 12700 76 bis etwa 1000 unbekannt 2003 ungewöhnlich rot, stammt vielleicht aus der Oort‘schenWolke
Haumea
(Zwergplanet) 1100,
2200 283 35 bis 52 2,6 bis 3,3 2 2004 rotiert sehr schnell, vielleicht die Folge einer Kollision
Orcus etwa 800 246 31 bis 48 2,3 1 2004
Makemake
(Zwergplanet) 1430
1502 309 39 bis 53 1,7 2005
Eris
(Zwergplanet) 2326 563 38 bis 98 2,52 1 2005 Pluto-Zwilling, aber höherem Gesteinsanteil
*) AE: Astronomische Einheit = Distanz Erde–Sonne = 149,6 Millionen Kilometer





