Bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts ist einem amerikanischen Unternehmen der Durchbruch gelungen: Celera Genomics Corp. in Rockville (Maryland) teilte am Donnerstag mit, die chemischen Buchstaben eines Menschen seien zu 99 Prozent identifiziert.
Jede Zelle des Menschen enthält gut drei Milliarden solcher Buchstaben oder wissenschaftlich: Basenpaare. Beflügelt von dieser wegweisenden Entdeckung zogen die Biotechnologiewerte an der New Yorker Wall Street stark an. Die Werte von Craig Venters Firma Celera stiegen um 22$ oder 20 Prozent auf 133$ an.
Von der Kenntnis der im Erbgut verborgenen rund 100.000 Gene werden bahnbrechende Fortschritte in der Medizin erwartet. Die Pharmaindustrie hofft, in der Zukunft «maßgeschneiderte Medikamente» mit mehr Heilwirkung und weniger Nebeneffekten für Patienten mit bestimmtem genetischen Profil anbieten zu können.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und Genexperten begrüßten die Meldung als große und wichtige wissenschaftliche Leistung, die nun der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden sollte. Skeptiker befürchten, dass Informationen über die Erbanlagen mehr Schaden als Vorteile bringen werden. Experten beruhigen jedoch: Bis zur Nutzung des Genoms ist ausreichend Zeit gegeben, um Gesetze zu schaffen, die die Diskriminierung, etwa durch Arbeitgeber und Versicherungen, verhindern.
Kritisiert wird jedoch auch, dass Celera angekündigt hat, nicht alles sondern nur einen Teil seiner Erkenntnisse der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Für seine vielversprechendsten Entwicklungen hat das Unternehmen Patente beantragt. Außerdem verkauft Celera spezifische Informationen über genetische Informationen an fünf Pharma-Unternehmen. Kritiker werfen Celera daher Profitorientierung vor. Seit Gründung des Unternehmens 1999 hat das Unternehmen seinen Aktienwert verneunfacht, bereits am Vortag der Ankündigung war der Aktienkurs um mehr als die Hälfte gestiegen.
Die Erforschung des menschlichen Genoms hatte vor zehn Jahren mit der Gründung des Human Genome Project (HGP) begonnen. Das HGP, auch HUGO genannt, ist heute ein internationales Konsortium mit Beteiligung von 50 Ländern, das bisher sechs Milliarden Mark verschlungen hat. An ihm arbeiten auch deutsche Genforscher mit. Es wollte bis zum Sommer einen «Arbeitsentwurf» mit 90 Prozent des Erbmaterials vorstellen, wurde jetzt aber von Craig Venters Firma Celera geschlagen.
Nun stehen die Forscher jedoch noch vor der weitergehenden Aufgabe, die chemischen Buchstaben zu ordnen. Dies macht nach Angaben eines deutschen Genexperten einen großen Teil der verbliebenen Arbeit aus. Venter kündigte jedoch an, diesen letzten Schritt in vier bis sechs Wochen bewältigen zu können. Damit gäbe es erstmals eine vollständige Blaupause vom Erbgut des Menschen.
Deutsche Genforscher skeptisch über US-Erfolg
Forscher des Deutschen Humangenomprojekts (DHGP) haben in Zusammenarbeit mit japanischen Wissenschaftlern das zweite menschliche Chromosom komplett und in hoher Qualität sequenziert. Die detaillierten Ergebnisse zum Chromosom 21 werden in wenigen Wochen in einer renommierten Fachzeitschrift publiziert. Das sagte Prof. Andre Rosenthal, Leiter der Genomsequenzierung im DHGP und des Instituts für Molekulare Biotechnologie (Jena). Die Mitteilung des US-Forschers Craig Venter, mit seinem Unternehmen Celera Genomics 99 Prozent des menschlichen Erbguts entschlüsselt zu haben, halten deutsche Experten indes für sehr fragwürdig: «Was Celera anbietet, weiß kein Mensch. Venter gibt keinerlei Qualitätsparameter zur Länge oder Vollständigkeit der Gensequenzen an», sagte Rosenthal. Venter könne bestenfalls Material von niedriger Qualität liefern, dessen Gensequenzen voller Lücken sind.
Trotzdem gehe es jetzt darum, den gleichfalls noch unvollständigen «Arbeitsentwurf» für das menschliche Erbgut, an dem die Forscher des Internationalen Humangenomprojekts (HUGO) fieberhaft arbeiten, bis spätestens Anfang Juni vorzulegen, so Rosenthal. Nur so könne verhindert werden, dass Venter möglicherweise seine zwar unvollständigen, aber zahlenmäßig fast kompletten Gensequenzen patentieren lassen könne.
«Patentiert werden sollten aber nur einzelne Gene mit vollständiger Sequenz, deren Funktion zum einen klar bestimmt ist und die von ökonomischem Nutzen sind», sagt Rosenthal. Bis eine derart hochwertige Blaupause des menschlichen Erbguts vorliege, die der Qualität der zwei bereits entschlüsselten Chromosomen gleichkommt, dauere es aber nochmals anderthalb bis zwei Jahre.
Helmut Blöcker, Leiter der Braunschweiger Arbeitsgruppe des DHGP, der Abteilung für Genomanalyse der Gesellschaft für Biotechnische Forschung (GBF) bewertet die gemeldeten Ergebnisse von Celera ebenfalls skeptisch. «Das ist noch wie eine Bibliothek, in der vielen Bücher in fremder Sprache stehen, in denen Seiten geschwärzt oder vertauscht sind.»
Prof. Rudi Balling, der an der Technischen Universität München das Institut für Entwicklungsgenetik leitet, warnte im Deutschlandfunk vor zu viel Euphorie. Die eigentliche Forschungsarbeit und das Zusammensetzen der Bruchstücke müsse erst noch geleistet werden. Celeras Durchbruch sei nur deshalb am Donnerstag verkündet worden, um einen besseren Börsenkurs zu erzielen.
Der entschlüsselte Mensch – Chancen und Risiken der Gentechnik
Der genetisch durchleuchtete Arbeitnehmer, das Baby mit Intelligenz-Genen von Albert Einstein und schließlich die Erschaffung eines Menschen wie in der «Rocky Horror Picture Show» – beim Schlagwort Gentechnik blüht die Fantasie der Autoren auf. Viele Wissenschaftler bezweifeln dagegen, dass es jemals dazu kommen kann, und auch bis zum medizinischen Nutzen ist es noch ein langer Weg.
Können die Forscher des Human Genome Projects bei der Materialschlacht mit der finanzkräftigen Firma von Craig Venter mithalten?
Obwohl Craig Venter die Entschlüsselung von 99 Prozent des menschlichen Erbguts mit großer Geste als entscheidenden Durchbruch verkündete, kennen die Forscher bislang kaum mehr als die Buchstaben eines Textes in fremder Sprache. Viele Vokabeln sind schon bekannt: etwa Gene für Erbkrankheiten oder ein erhöhtes Brustkrebsrisiko. Im Wettlauf mit Biotech-Firmen suchen die Forscher des «Human-Genom-Projektes» nun aus einer langen Reihe von Erbgutsbausteinen die insgesamt rund 100.000 Gene, ermitteln ihre Funktion und erforschen das Zusammenspiel der darin codierten Eiweiße. Und selbst mit dem Wissen um Krankheiten auslösende Gene ist ein gentechnischer Eingriff oder gar eine Heilung noch weit entfernt.
Zwischen Hoffnung und Skepsis schwanken die Selbsthilfe-Verbände derjenigen Erbkranken, deren Krankheitsursachen bereits seit Jahren bekannt sind. Vor allem die Gentherapie, bei der neue Gene in Körperzellen eingeschleust werden, sehen unter anderem Verbände von Menschen mit Bluterkrankheit oder Veitstanz (Huntington) positiv. Ein Mukoviszidose-Kranker, bei dem Lunge und Bauchspeicheldrüse zunehmend verkleben, habe nur mit der Gentherapie Aussicht auf anhaltende Heilung, glaubt auch die Biochemikerin Cordula Harter vom Mukoviszidose e.V.. Mit einem Durchbruch sei in den nächsten zehn Jahren jedoch nicht zu rechnen.
Die Keimbahntherapie stößt derzeit dagegen auf Skepsis. «An Keimzellen sollte man nicht manipulieren, weil es sich auch auf alle Nachkommen auswirkt», sagte Harter. Der Vorstand der Deutschen Huntington-Hilfe, Georg Hirschler, lehnt dies ebenfalls ab: «Das führt zu 100-Prozent-Menschen, von Menschendesignern erschaffen.» Auch Helma Gusseck vom Verband der Menschen mit Netzhautdegeneration (Retinitis pigmentosa), Pro Retina, ist dagegen: «Wir müssen nicht alles perfekt und unsere Krankheit ausgemerzt haben. Wenn man sie in den Griff bekommt, lehrt das Leben mit einer Behinderung sehr viel.» Zudem berge der Erbgut-Eingriff zu viele Missbrauchsmöglichkeiten.
Das Auftreten von Krankheiten, die auf einem einzelnen Gendefekt beruhen, ist relativ sicher vorhersagbar, sobald man das Gen dafür kennt. Wesentlich schwieriger werden Vorhersage und Heilung bei Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Schwäche oder psychischen Leiden. «Einen Ausbruch von Krankheiten mit mehreren genetischen und sonstigen Auslösern genau vorherzusagen, dass dauert sicherlich noch lange und es ist ungewiss, ob es überhaupt gelingt», sagte Prof. Eberhard Schwinger von der Universität Lübeck.
Dennoch gibt es auch für diese multifaktoriellen Krankheiten einen medizinischen Nutzen: «Wenn man die Gene kennt, dann kann man die Therapie individualisieren», sagte Stefan Wiemann, einer der Koordinatoren im Deutschen Human-Genom-Projekt. Das Ziel seien Medikamente, die auf die Gene des Menschen abgestimmt sind. Mit Hilfe der Gene wollen die Ärzte erkennen, ob ein Patient resistent ist gegen bestimmte Medikamente oder ob sie besonders gut wirken.
Missbrauchsmöglichkeiten sieht der Wissenschaftler vom Deutschen Krebsforschungzentrum (Heidelberg) vor allem durch Arbeitgeber und private Versicherungen. Da sei der Gesetzgeber gefragt. Auch in der vorgeburtlichen Diagnostik liegt die Gefahr, dass Kinder mit unerwünschten Eigenschaften abgetrieben werden. «In China werden schon heute Mädchen abgetrieben.»
In Deutschland gibt es zwar strenge gesetzliche Regeln, doch etwa in den USA darf beispielsweise schon mit Embryostammzellen geforscht werden. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein veränderter aus Stammzellen gezogener Embryo in den Mutterleib eingepflanzt wird», glaubt Wiemann. «Der Gesetzgeber muss in der Richtung weit vorausschauend denken.» Das Embryonenschutzgesetz in Deutschland sei schon ziemlich gut. Der Gesetzgeber in Deutschland müsse jedoch stark genug sein, sich gegen internationale Strömungen zu wehren, die entsprechende Gesetze aufweichen wollen.
Am 24. März hat der Bundestag die lange geforderte Bioethik-Kommission eingesetzt, die Empfehlungen zum Umgang mit den medizinischen Fortschritt erarbeiten soll. Viele Horrorszenarien werden jedoch nach Meinung von Experten auch in Zukunft nicht möglich sein: «Die Intelligenz ist das Komplexeste, was man sich vorstellen kann», sagt Schwinger. «Da eine Vorhersage zu treffen, ist bar jeder Grundlage.»
dpa





