von DIRK EIDEMÜLLER
Fraktale Gebilde sind mit ihrer vielfachen Selbstähnlichkeit nicht nur sehr ästhetisch, sondern auch unter mathematischen Gesichtspunkten ziemlich kurios. Dabei sind Fraktale allgegenwärtig. Die Natur arbeitet überall mit dem mächtigen Strukturprinzip, Ordnungsmuster auf verschiedenen Größenskalen zu reproduzieren, sodass schließlich fraktale Körper entstehen, die in unterschiedlicher Vergrößerung mehr oder weniger identisch aussehen. Sowohl beim Romanesco-Blumenkohl als auch bei Farnen, Nautilus-Schnecken und vielen anderen Gewächsen und Organismen finden sich fraktale Bauprinzipien. Im menschlichen Körper gibt es ebenfalls fraktale Strukturen – etwa das Netzwerk der Venen oder den Aufbau der Lungenbläschen, die dank ihrer feinen Verschachtelung eine riesige Oberfläche bei minimalem Gewicht ausbilden.
Krumme Zahl von Dimensionen
Das Exotische an fraktalen Strukturen ist, dass sie mathematisch gesehen keine ganzzahlige Dimensionalität besitzen, sondern eine gebrochene, „krumme“ Zahl von Dimensionen aufweisen. Diese Einsicht führte zu einer wichtigen Verallgemeinerung des Dimensionsbegriffs in der modernen Mathematik. Aber das Phänomen ist nicht nur für abstrakte, sondern auch für konkrete physikalische Objekte von Bedeutung.
Einem Forscherteam um Ingmar Swart und Cristiane de Morais Smith von der Universität Utrecht ist es gelungen, diese eigenartige gebrochene Dimensionalität auf Elektronen zu übertragen, die in einem fraktal angeordneten atomaren Gitter gefangen sind. Und sie konnten erstmals die quantenphysikalische Wellenfunktion der Elektronen, die den Zustand dieser Teilchen beschreibt, in einer gebrochenen Dimension formulieren.
Zuvor war nicht bewiesen, dass so etwas überhaupt möglich ist. Außerdem eröffnet die Erkenntnis interessante technologische Möglichkeiten. So könnten sich auf atomarer Ebene bald winzige elektronische Schalter mit besonderen Eigenschaften maßschneidern lassen.
Ein Dreieck mit 1,58 Dimensionen
Die Forscher bastelten sich ihre Fraktale mithilfe eines Rastertunnelmikroskops. Auf die extrem glatt geschliffene Oberfläche eines reinen Kupfer-Kristalls platzierten sie Kohlenmonoxid-Moleküle in Form eines Sierpinski-Dreiecks. Dies ist eines der einfachsten fraktalen Objekte, benannt nach dem polnischen Mathematiker Wacław Sierpin´ski. Es entsteht, indem man ein Dreieck entlang der Kantenmitten in vier kleinere Dreiecke unterteilt und das mittlere entfernt – und mit den jeweils übrigbleibenden Dreiecken dann immer weiter nach dem gleichen Schema verfährt. Mathematisch lässt sich das im Prinzip beliebig oft wiederholen, bis ein „unendlich durchlöchertes“ Dreieck entsteht. Dieses ist weder eine zweidimensionale Fläche noch eine eindimensionale Linie, sondern etwas dazwischen.





