Der Klimawandel müsste die Eigendrehung unseres Planeten also messbar beeinflusst haben – zumindest theoretisch. Doch den vorhergesagten Effekt konnten Forscher bisher nicht belegen. Der tatsächliche Zusammenhang bleibt ein Rätsel, wie der renommierte Ozeanograph Walter Munk erstmals in einer wissenschaftlichen Abhandlung im Jahr 2002 feststellte. Der unerklärliche Widerspruch zwischen Theorie und beobachtbaren Fakten wird deshalb auch „Munks Enigma” genannt. Nun scheinen Forscher jedoch der Lösung des Rätsels einen guten Schritt näher gekommen zu sein.
Längere Tage und verschobene Achse
Die Wissenschaftler um Jerry Mitrovica von der Harvard University in Cambridge haben sich Munks Annahmen und Berechnungen von vor 13 Jahren noch einmal vorgenommen und kommen nun zu dem Schluss: Steigende globale Temperaturen haben im 20. Jahrhundert nicht nur für das Abschmelzen von Gletschern und einen Anstieg des Meeresspiegels gesorgt, sondern damit tatsächlich auch die Rotation der Erde und ihre Achse verändert. Demnach stimmen die theoretischen Vorhersagen doch mit den Beobachtungen überein. Munk habe in einigen Punkten schlicht falsche Schätzungen und Daten für seine Analyse verwendet, schreibt das Team im Fachmagazin Science Advances.
Walter Munks Modell basiert auf folgenden Beobachtungen: Erstens hat sich die Rotationsrate der Erde in den vergangenen drei Jahrtausenden verlangsamt und dies hat die Tageslänge langsam aber kontinuierlich verlängert. Das legen überlieferte astronomische Beobachtungen aus der Antike und dem Mittelalter nahe. Schuld an der Abbremsung sind zum großen Teil die Kräfte der Gezeiten, die auf der Erde Ebbe und Flut auslösen. Aber auch andere Faktoren wie zum Beispiel Interaktionen zwischen Erdkern und –mantel oder Massenverlagerungen spielen eine Rolle. Zweitens hat sich im letzten Jahrhundert auch die Erdachse leicht verschoben, wie Messungen belegen.
Der Eiszeit-Effekt
Laut Munk lassen sich all diese Veränderungen jedoch mit den immer noch anhaltenden Auswirkungen der letzten Eiszeit erklären: Als damals riesige Gletscher abschmolzen und das Land von der schweren Eisdecke befreit wurde, hoben sich die Kontinente an. Noch heute heben sich einige Landteile unseres Planeten jedes Jahr um einige Millimeter als Folge dieses großen Schmelzens. Neben der Massenumverteilung durch das geschmolzene Eis führt auch diese Landhebung dazu, dass sich Masse ein kleines Stück vom Mittelpunkt der Erde bzw. ihrer Achse entfernt. Munks Modell zufolge passt der geschätzte Effekt der Eiszeit so perfekt zu den beobachteten Veränderungen, dass kein Raum für eine weitere Variable bleibt – oder anders gesagt: kein überschüssiger Betrag an zu erklärender Veränderung, die für eine andere Ursache als die Eiszeit gefunden werden müsste.





