von THORSTEN DAMBECK
Die Südpolregion des Mondes steht schon lange im Fokus der Raumfahrtplaner, die polnahe bemannte Basen errichten wollen. Denn dort gibt es Wassereis, eine wichtige Ressource, aus der Raketentreibstoff, Atemluft und Trinkwasser gewonnen werden kann. Eis existiert deshalb an den Polen, weil dorthin, auch tagsüber, kein Sonnenlicht einstrahlt. In solchen Kältefallen ist das Eis gefangen, vielleicht für Äonen. Es gelangte vermutlich durch wasserhaltige Kometen oder bei Vulkanausbrüchen aus dem Mondinneren auf die Oberfläche. Es kann aber auch durch den Sonnenwind entstehen, wenn dessen Protonen zusammen mit dem Sauerstoff des Mondgesteins Wassermoleküle bilden (bild der wissenschaft 7/2022, „Lunare Wasserstellen“).
Viele Fragen zum lunaren Wassereis sind noch unbeantwortet. Eine neue Studie, die im September 2023 im Fachmagazin Science Advances erschien, erhellt nun die Geschichte der polaren Schattenzonen. Norbert Schörghofer vom Planetary Science Institute (PSI) in Tucson, Arizona, hat das wissenschaftliche Team geleitet. Es kommt zu dem Fazit, dass es deutlich weniger Mondeis gibt als bisher geschätzt.
Junges Eis
Der Mond ist, so haben es neuere Studien ergeben, rund 4,4 Milliarden Jahre alt. „In seiner Frühzeit existierten die heutigen Kältefallen noch gar nicht“, sagt Schörghofer. Seiner Studie zufolge sind die meisten der dauerhaft beschatteten Regionen mehrere Milliarden Jahre jünger.
Erde und Mond trennen im Mittel 384.400 Kilometer. Diese Distanz ist aber nicht konstant, vielmehr hat sie sich im Lauf der Jahrmilliarden erhöht (bdw 8/2023, „Als die Tage kürzer waren“). Gegenwärtig beträgt der Zuwachs 3,83 Zentimeter pro Jahr, wie Laser-Messungen präzise bestimmt haben. Der Grund dafür sind Gezeitenkräfte, die sowohl die Erde als auch die Sonne auf unseren Trabanten ausüben. Die Rotationsachse des Mondes variiert infolge dieser Kräfte langfristig ebenfalls. Anfangs war der Mond den irdischen Gezeiten noch stärker ausgesetzt, mit zunehmendem Abstand verstärkte sich der Einfluss der Sonne. Irgendwann hatte sich die Drehachse neu ausgerichtet. Dass diese Reorientierung stattfand, erschloss William Ward bereits im Jahr 1975, als er am Harvard‘s Center for Astrophysics in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts die Gezeiten im Erde-Mond-System analysierte. Mit komplexen himmelsmechanischen Rechnungen war der Astronom der neuen Ausrichtung der lunaren Drehachse auf die Spur gekommen. Lange blieb jedoch unklar, wann genau sich dieser Wechsel ereignet hatte. Erst 2022 konnte ein Team um Mohammad Farhat vom Observatoire de Paris die Veränderung der Monddistanz entschlüsseln.





