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Eine mutige Pionierin
Archäologie

Eine mutige Pionierin

Die heilige Klara: Das Fresko (um 1300) in der Unterkirche von San Francesco in Assisi wird dem Giotto-Schüler Palmerino di Guido zugeschrieben. akg-images / Stefan Diller

Auch auf Frauen übte das Leben in Armut in der Nachfolge Christi eine Faszination aus. Klara von Assisi, die mit Franziskus in Kontakt stand, sah sich jedoch mit dem Problem konfrontiert, dass im frühen 13. Jahrhundert für Frauen ein geistliches Leben in Besitzlosigkeit als undenkbar galt.
Autor
Redaktion
20. März 2026
Lesezeit
9 Minuten
Rubrik
Archäologie
Auch auf Frauen übte das Leben in Armut in der Nachfolge Christi eine Faszination aus. Klara von Assisi, die mit Franziskus in Kontakt stand, sah sich jedoch mit dem Problem konfrontiert, dass im frühen 13. Jahrhundert für Frauen ein geistliches Leben in Besitzlosigkeit als undenkbar galt.

Ihr wisst“, schrieb Klara von Assisi an Agnes, die Tochter des böhmischen Königs Ottokar I., „dass der Bekleidete nicht mit dem Nackten kämpfen kann, da schneller zu Boden geworfen wird, der etwas hat, woran er sich festhalten kann“. Nackt und arm zu sein, das war in der mittelalterlichen Standesgesellschaft gefährlich und verächtlich, aber gerade darin lag für Klara die neue Freiheit. Niemand sollte sie mit materiellen Zwängen oder der Verheißung von Reichtum und Erfolg zu einem Leben drängen können, das sie nicht führen wollte.

Und erkennbar beeindruckt beglückwünschte sie ihre Schwester im Geiste Agnes im fernen Prag: „Ihr hättet außer anderem Prunk, Ehren und weltlichen Würden den außerordentlichen Ruhm genießen können, mit dem erlauchten Kaiser rechtmäßig vermählt zu werden, wie es Eurer und seiner Hoheit geziemt hätte. Doch Ihr habt das alles verschmäht.“

Agnes, für die der Vater Ottokar I. gleich mehrere Heiratsprojekte mit verschiedenen europäischen Königshäusern verfolgte, hatte offenbar eine Ehe mit dem seit 1228 verwitweten Kaiser Friedrich II. ausgeschlagen und war stattdessen als „Braut Christi“ in den Schutz Papst Gregors IX. geflohen.

Den himmlischen Bräutigam kann man durchaus vorziehen, ließ Klara die Königstochter wissen, „seine Macht ist stärker, seine Art erhabener, sein Aussehen schöner, seine Liebe holder und all seine Anmut feiner. Von seinen Umarmungen seid Ihr schon umfangen, er hat Eure Brust mit kostbaren Steinen geschmückt und Euren Ohren unschätzbare Perlen geschenkt“. Agnes wusste vermutlich recht gut, was sie tat, denn Friedrich II. war berühmt für seine zahllosen Affären und behandelte seine Ehefrauen schlecht.

Klara war die älteste Tochter der adeligen Hortulana und des Ritters Favarone di Offreduccio in Assisi. Sie wurde um 1194 in eine Welt des Umbruchs geboren, als in den reich gewordenen oberitalienischen Städten überquellender Reichtum auf tiefste Armut traf. Es waren in diesen Jahren nicht selten die Heranwachsenden, die den gewohnten Lebensstil der Eltern infrage stellten und in einer als spannungsreich empfundenen Zeit neue Wege suchten. Der freiwillige Verzicht auf Reichtum, die „heilige Armut“ (sancta paupertas), wurde für sie zum Schlachtruf, der in einer von Machtinteressen und Geld geleiteten Welt einen neuen Fluchtpunkt bot.

Klara war eine schöne junge Frau, aber niemand, so gaben später die zahlreichen Zeugen zu Protokoll, konnte ihr die Zustimmung zur Ehe abgewinnen. Während ihr Vater Favarone offensichtlich das glänzende Leben eines Adligen liebte, wusste man von den religiösen Neigungen ihrer Mutter Hortulana, die eine Wallfahrt ins Heilige Land unternahm, das berühmte Michaelsheiligtum auf dem Monte Gargano und die Gräber der Apostel in Rom besuchte. Klaras Mutter und zwei ihrer Schwestern, Agnes und Beatrice, traten später ihrer Gemeinschaft bei.

Franziskus unterstützt Klaras Entscheidung

Früh zeigten sich die asketischen Neigungen der ältesten Tochter, die vom reichen Tisch des Vaters vieles heimlich den Armen zukommen ließ. Vom Ruf ihrer Heiligkeit fasziniert, suchte Franziskus Klara auf. Kurze Zeit danach entschloss sie sich, von zu Hause zu fliehen. Ohne Wissen der Eltern schnitt Franziskus ihr in Anwesenheit seiner Brüder in der Kirche Portiuncula die Haare ab – als weibliches Pendant zur Tonsur der Männer – und vollzog ihren Übertritt in den geistlichen Stand. Franziskus brachte Klara zu den Benediktinerinnen von San Paolo, wohin ihre aufgebrachten Eltern eilten, um sie zurückzuholen. Aber Klara und Franziskus hatten bereits Tatsachen geschaffen.

Klaras eigenständiger Schritt in ein religiöses Leben neuen Zuschnitts muss den Nerv der Zeit getroffen haben: „Es dauerte nicht lange, da verbreitete sich der Ruf von der Heiligkeit der Jungfrau Klara über die benachbarten Gegenden. Jungfrauen beeilen sich, nach ihrem Beispiel für Christus zu bewahren, was sie sind; Verheiratete bemühen sich, noch keuscher zu leben; Adlige und Vornehme verachten ihre prächtigen Paläste und errichten sich arme Klöster. Für Christus in Sack und Asche zu leben, halten sie für eine große Ehre“, gaben die Zeugen kurz nach ihrem Tod zu Protokoll.

Die spirituelle Grundidee der „heiligen Armut“ brachte Klara in den Briefen an Agnes von Prag eindrucksvoll zum Ausdruck: Klara griff die alte philosophische Vorstellung auf, dass der Mensch in der Seele wie in einem Spiegel das Göttliche und damit gleichzeitig sich selbst zu erkennen vermag. Die drei Grundprinzipien des eigenen Seelenspiegels sind dabei Armut (paupertas), Demut (humilitas) und Nächstenliebe (caritas).

Auch für die Klarissinnen ist Armut ein zentraler Faktor

Die „heilige Armut“, so Klara, ist freilich der Anfang und Rahmen des Seelenspiegels – womit die Armut zur entscheidenden Grundvoraussetzung für den Gotteszugang der Klarissen wurde. In San Damiano wuchs ihre Gemeinschaft rasch, in der 1238 bereits 50 Schwestern lebten. Analog zu den Brüdern des Franziskus nannten sie sich „Arme Frauen von San Damiano“.

Ein geistliches Leben in Gehorsam (in obedientia), ohne Eigentum (sine propria) und in Keuschheit (in castitate) – aus diesen drei Gelübden formte Klara von Assisi ihre Regel für die „Armen Frauen“. So einfach und angemessen diese drei Verpflichtungen für eine religiöse Frauengemeinschaft im Rückblick erscheinen, so schwierig und bedeutsam war für alle Beteiligten der Prozess, aus dem sie hervorgingen.

Während für die Franziskaner ein Leben in Besitzlosigkeit und aktiver Nächstenliebe einen radikalen Neuentwurf darstellte, bedeutete für Frauengemeinschaften die Besitzlosigkeit gleichsam die Quadratur des Kreises. Die Brüder verpflichteten sich zu Predigt, Buße und Bettel in persönlicher Armut, was sie unabhängig von Grundbesitz machte. Keine dieser Aufgaben kam für die Frauen infrage, denen die Kirche die Ausübung des kirchlichen Lehramtes versagte.

Vorbild und Rollenmodell der Frauen in der religiösen Armutsbewegung war die biblische Martha, die für das „tätige Leben“, die vita activa, stand. Indem alle Mitglieder der Gemeinschaften die anliegenden Arbeiten gemeinsam bewältigten, sollte die wertende Trennung von kontemplativem Gebet (Maria) und tätiger Nächstenliebe (Martha) überwunden werden. Das größte Problem war aber, dass die strenge Klausur und Besitzlosigkeit einander praktisch ausschlossen, weil Grundbesitz bzw. Rentenerträge die einzig denkbare Form darstellten, um die Versorgung der eingeschlossenen Frauen zu gewährleisten.

Es bedurfte 50 Jahre des Ringens – von 1211, als sich Klara von Assisi Franziskus anschloss, bis in die 1260er Jahre –, bis eine Grundlage geschaffen war, die sowohl den Ansprüchen und Bedürfnissen der Ordensgründerin und der Schwesterngemeinschaft als auch den Bedingungen ihrer mittelalterlichen Lebenswelt gerecht wurde.

Wenn sich Klaras neuer geistlicher Lebensentwurf langfristig durchsetzen und ihre Regel sich als tragfähige Basis erweisen sollte, musste sie den (sich wandelnden) Vorgaben von Papst und Kirche, den Grenzen und Möglichkeiten der jungen franziskanischen Brüdergemeinschaft, die die geistliche Betreuung der Frauen garantieren musste, und den Bedürfnissen der Familien gerecht werden, deren Töchter Aufnahme in ihre Frauengemeinschaften fanden. Dieser Prozess gelang nur sehr wenigen neuen Frauengemeinschaften.

Dass der Papst die Anerkennung der kirchlichen Lehrautorität, Sakraments- und Disziplinargewalt forderte, war für Klara und Franziskus akzeptabel. Die Franziskanerbrüder scheuten sich vor der Übernahme einer langfristigen Verpflichtung zur geistlichen Betreuung der Frauen, aber Klaras Gemeinschaft war durch ihre enge Bindung an Franziskus davon ausgenommen.

Die größte Herausforderung jedoch waren die Familien. Die Frauenkonvente spielten als hochgeschätzte Alternative zur Heirat in der Familienpolitik eine große Rolle. In der Regel lebten die Frauen von Besitz oder Rechten, die – entsprechend einer Mitgift bei der Heirat – beim Eintritt dem Kloster übertragen wurden. Dafür gewährleisteten die Konvente nicht nur ein standesgemäßes Leben der weiblichen Familienmitglieder, sondern auch, dass eine Rückkehr in das laikale Leben oder etwa eine Heirat gegen den Willen der Eltern ausgeschlossen blieb.

Aufgrund dieser Interessensverknüpfung wurden die meisten Frauenklöster im Laufe der Zeit zu reichen und mächtigen Institutionen, die aber in die regionale Machtpolitik noch weitergehend eingebunden waren als die Männerkonvente. Dieser Dynamik wollte Klara von Assisi vorbeugen. Nicht der Wille der Eltern sollte entscheidend für die Wahl eines religiösen Lebens sein, sondern der eigene Entschluss. Dieser eigene Entschluss für oder gegen das religiöse Leben sollte nicht durch die Notwendigkeit der Besitzübertragung korrumpiert werden können.

Langwieriger Kampf um Anerkennung

Die Kirche konnte sich ein geistliches Leben von Frauen in Klausur ohne Grundbesitz nicht vorstellen. Franziskus verfasste noch 1212 oder 1213 für Klara und ihre Schwestern eine erste kurze Regel, die „Forma vivendi“, die in Aufbau und Inhalt weitgehend der franziskanischen Urregel von 1209/10 entsprach. Als Klara diesen Text in ihre eigene Regel aufnahm, wiederholte sie die Worte, die Franziskus einst an sie gerichtet hatte: „Und hütet Euch sehr davor, dass Ihr niemals und in keiner Weise auf die Lehre oder den Rat von irgendjemandem hin davon [der Armut] abweicht.“

Die 1218 oder 1219 verfassten Konstitutionen des Kardinals Hugolin, des späteren Papstes Gregor IX., für die Schwestern basieren noch auf der Benediktsregel. Unzweifelhaft verlieh Gregor IX. 1228 Klara das Privileg, in völliger Armut leben zu können, aber dennoch wurde der Kampf um eine Anerkennung ihrer Lebensform zu einem Ringen mit der Kirchenhierarchie.

Klara beugte sich auch nicht der Regel, die Papst Innozenz IV. 1245 ihrer Gemeinschaft gab, weil sie den Frauen gemeinsames Eigentum gestattete. Ihre unbeugsame Haltung nötigte dem Papst aber Achtung ab, als sie um 1247 als erste Frau mit der Niederschrift einer eigenen Regel begann. Als sie schließlich ernsthaft erkrankte, eilte Innozenz IV. aus Perugia, wo sich der Papsthof aufhielt, an ihr Sterbebett.

Thomas von Celano schildert eindrucksvoll, wie die bereits Todkranke die Gunst der Stunde nutzte, um ihr wichtigstes Anliegen durchzusetzen, nämlich ihrer Regel durch ein päpstliches Siegel allgemeine Gültigkeit zu verleihen. Am 9. August 1253, zwei Tage vor ihrem Tod, billigte Papst Innozenz IV. mit der Bulle „Solet annuere“ die Regel der Klara von Assisi. Er ließ es sich auch nicht nehmen, ihr persönlich die letzte Ehre zu erweisen.

Als Klara starb, gab es in Europa bereits über 100 Klöster, die sich in ihre Nachfolge stellten. Die Gemeinschaften der „Armen Frauen“ lebten jedoch nach durchaus unterschiedlichen Regeln. Einige Häuser übernahmen die Konstitutionen des Hugolin von 1218, andere folgten der Regel Papst Innozenz’ IV. von 1247, während es einigen Konventen mit engen Bindungen an San Damiano erlaubt war, die Profess auf die Regel der Klara von Assisi abzulegen.

Es bedeutete somit einen weiteren Schritt der Etablierung, als es Papst Urban IV. 1263 gelang, alle Klöster des Ordo sancti Damiani und alle franziskanischen Frauen im „Orden der heiligen Klara“ (Ordo sancte Clare) zu vereinen und auf seine Regel, die sogenannte Urban-Regel, zu verpflichten.

Mit dieser Regel wurde die derweil heiliggesprochene Klara von Assisi erstmals als Gründerin und spirituellen Bezugspunkt des zweiten franziskanischen Ordens verankert. Die Kraft ihrer Tugend und göttliche Inspiration, so heißt es in der rhetorisch glanzvoll formulierten Präambel, autorisierten ihre Lebensform, die dem Beispiel des heiligen Franziskus folgte. Damit erkannte die Kirche die Eigenständigkeit des spirituellen Lebensentwurfs einer Frau an, und zwar in dem Moment, als sie ihn sich zu eigen machte.

Autorin: Prof. Dr. Eva Schlotheuber

lehrt Mittelalterliche Geschichte an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf.

Literatur

Henrike Ähnemann/Eva Schlotheuber, Unerhörte Frauen. Die Netzwerke der Nonnen im Mittelalter. Berlin 2023.
Schweizerisches Nationalmuseum, Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter. Ausstellungskatalog. Berlin 2020.

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