Beim früheren Wettbewerb hatten die Quantentechnologien noch keine große Rolle gespielt. Sie seien nur ein kleiner Teil eines umfassenderen Antrags gewesen, berichtet der Physiker Tommaso Calarco von der Universität Ulm. Aber es sei immer wieder darüber diskutiert worden, und die EU und ihre Mitgliedsstaaten hätten immer wieder kleinere Projekte finanziert. Calarco leitet ein junges universitätsübergreifendes Institut für Quantentechnologie, IQST genannt. Er hat die Entwürfe für das nun anlaufende EU-Programm maßgeblich mitgeschrieben und wird im Lenkungsausschuss sitzen. “Inzwischen haben wir die kritische Masse erreicht”, sagt er. Einige Staaten hätten schon eigene Programme aufgesetzt: England stellt mehr als 300 Millionen Euro bereit, in den Niederlanden sind es knapp 150 Millionen. Bundesforschungsministerin Johanna Wanka hatte im Mai – neben der Beteiligung am EU-Programm – ebenfalls ein nationales Programm angekündigt. Und im Oktober habe die Industrie Günther Oettinger ihr Interesse verdeutlicht, berichtet Calarco. “Die Kommission hat letztlich dieses große Engagement anerkannt”, sagt er.
Die Physiker stellen eine Revolution in Aussicht
Bei den milliardenschweren Programmen, die “Flaggschiffprojekte” genannt werden, erhofft man sich nicht nur grundlegend neue Erkenntnisse, sondern auch anwendbare Technologien. In der Quantentechnologie können das zum Beispiel empfindliche und miniaturisierte Sensoren sein. Vor allem aber will man neuartige Computer entwickeln, in denen eine Recheneinheit nicht mehr nur 0 oder 1 sein kann, sondern auch eine Mischung mehrerer Zustände. Das könnte Rechnungen erheblich beschleunigen, etwa die Simulation komplexer Prozesse. Ein weiteres Phänomen der Quantenwelt, die Verschränkung von Teilchen, könnte eine abhörsichere Kommunikation über große Entfernungen ermöglichen, weil zwei verschränkte Teilchen aufeinander reagieren, auch wenn sie weit voneinander getrennt werden. Voraussetzung für alle diese Anwendungen ist eine Technologie, die es ermöglicht, die sensiblen Quanten so zu behandeln, dass ihre nützlichen Eigenschaften erhalten bleiben. In einem “Manifest” beschreiben Calarco und seine Kollegen das Potenzial für eine Revolution, wie es auch die Entdeckung der Quantenwelt vor 100 Jahren war, aus der letztlich der Transistor und der Laser hervorgingen.
Eines der Flaggschiffprojekte, das Human Brain Project, hatte einen holprigen Start erwischt. Es gab Proteste zahlreicher Wissenschaftler, ein Mediator wurde eingeschaltet und die Führungsriege schließlich neu besetzt. Das sei aber nicht der Grund, warum man innerhalb der Quantentechnologie ein anderes Vorgehen bevorzuge, sagt Calarco. In einer Umfrage unter Fachkollegen und Vertretern der Industrie habe sich herausgestellt, dass ihnen regelmäßige offene Ausschreibungen lieber seien als eine feste Projektstruktur. Die einzelnen Projekte würden nach wissenschaftlicher Exzellenz und Relevanz für das Programm ausgewählt. Ein starker Strategieausschuss, der aus der Wissenschaft und der Industrie besetzt wird, müsse die Richtung vorgeben, sagt Calarco. “Das Ziel ist, die quantentechnische Revolution in die Industrie zu tragen.”





