Kugelsternhaufen gelten als unspektakuläre Himmelskörper: Sie sind uralt, haben sich seit Jahrmilliarden kaum verändert und bestehen aus einigen hunderttausend Sternen gleichen Alters und gleicher Zusammensetzung ? so die gängige Vorstellung der Astronomen. Doch verschiedene Beobachtungen der vergangenen Jahre deuten darauf hin, dass dieses Bild falsch sein könnte. Das wird nun durch neue Bilder des Weltraumteleskops Hubble bestätigt: Die Mitglieder des Kugelsternhaufens NGC 2808 gehören drei unterschiedlichen Generationen an, hat ein Forscherteam um Giampaolo Piotto herausgefunden.
Die Sterne, so stellten die Forscher fest, unterscheiden sich durch ihren Helium-Gehalt: Die älteren Sterne enthalten weniger Helium, die jüngeren mehr. Sie erscheinen auf den Hubble-Aufnahmen blauer als die älteren Vertreter. Aus den Daten schließen die Forscher, dass in den ersten 200 Millionen Jahren der 12,5 Milliarden Jahre alten Geschichte des Kugelsternhaufens drei Perioden intensiver Sternenentstehung auftraten ? und nicht eine, wie bislang angenommen. “Das war eine große Überraschung”, kommentiert Team-Mitglied Luigi Bedin von der Europäischen Südsternwarte in Garching.
Wieso NGC 2808 mehrfach zündete, können die Forscher noch nicht erklären. Bislang wurde angenommen, dass der erste Babyboom eines Kugelsternhaufens auch der letzte ist, weil Gas und Staub, die zur Entstehung weiterer Sterne nötig wären, durch die ersten Sternengeburten weggeblasen werden. “Vielleicht behielten schwere Kugelsternhaufen wie NGC 2808 mehr Gas, so dass in rascher Folge mehrere Sternengenerationen geboren wurden”, spekuliert Co-Autor Iwan King von der Universität von Washington in Seattle.
Andererseits könnte NGC 2808 auch gar kein Kugelsternhaufen sein, sondern der Überrest einer Zwerggalaxie, die vor Urzeiten mit der Milchstraße kollidierte und dabei ihrer Gasmassen beraubt wurde. NGC 2808 ist mit knapp einer Millionen Sonnen einer der größten der rund 150 Kugelsternhaufen der Milchstraße.
Die Entdeckung hat auf jeden Fall Auswirkungen auf kosmologische Theorien, schreiben die Forscher. Womöglich müsse das Standardbild von der Entstehung der Kugelsternhaufen revidiert werden. Piotto: “Wenn wir das Rätsel lösen, wieso NGC 2808 mehrere Sternengenerationen gebildet hat, können wir auch verstehen, wie Sterne im frühen Universum in weit entfernten Galaxien entstanden sind.”
Giampaolo Piotto (Universität von Padua, Italien) et al.: Astrophysical Journal Letters 20. Mai 2007 Ute Kehse