Unter den heutigen Insekten sind vor allem die Larven der Florfliegen (Chrysopidae) und die Jugendstadien von Raubwanzen (Reduviidae) für ihre “Dreck”-Tarnung bekannt. “Dieses Abfall-Tragen gehört zu den faszinierendsten und komplexesten Verhaltensweisen”, erklären Bo Wang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Nanjing und seine Kollegen. “Denn es erfordert zum einen die Fähigkeit, geeignete Materialien zu erkennen, sie einzusammeln und zu tragen, zum anderen sind dafür evolutionäre Anpassungen des Äußeren nötig.” Häufig besitzen diese Insekten einen besonders flachen Rücken, auf dem lange Borsten den dort platzierten Abfall festhalten. Manchmal bilden diese Rückenborsten sogar eine Art Korb. Der Zweck dieser Tarnung liegt auf der Hand: Die Insektenlarven passen sich damit an den Untergrund an und werden so für ihre Fressfeinde unsichtbar. Gleichzeitig wirkt der umhergetragene Dreck wie ein schützender Panzer. Gerade bei Florfliegen und Raubwanzen hat die Tarnstrategie aber noch einen anderen, raffinierten Grund: “Diese Anpassung fungiert als eine ‘Wolf-im-Schlafspelz’-Strategie”, erklären Wang und seine Kollegen. Diese räuberischen Insekten nutzen Panzerreste und Haut ihrer Beutetiere, um sich, in Aussehen und Geruch getarnt, unerkannt nähern zu können.
39 “Dreckträger” aus der Kreidezeit
Doch so verbreitet dieses Verhalten heute unter Insektenlarven ist, so unklar war bisher, wie lange es diese Strategie in dieser Tiergruppe bereits gibt. “Bisher existiert nur ein einziges mesozoisches Beispiel, aus einem Stück spanischem Bernstein”, berichten die Forscher. Dabei handelt es sich um eine 2012 entdeckte 110 Millionen Jahre alte Florfliegenlarve. “Über die frühe Evolution dieses komplizierten Verhaltens und seine Anatomie war daher wenig bekannt.” Um das zu ändern, haben Wang und seine Kollegen für ihre Studie systematisch mehr als 300.000 in Bernstein konservierte Insekten erneut überprüft. Bei 39 Bernsteinstücken aus Frankreich, Myanmar und dem Libanon wurden sie fündig: Sie enthielten drecksammelnde Larven von Florfliegen, Ameisenjungfern und Raubwanzen, die bereits rund 100 Millionen Jahre alt sind und daher aus der mittleren Kreidezeit stammen. “Damit gehören sie zu den frühesten direkten Belegen für dieses Tarnverhaltens in der Fossilgeschichte”, konstatieren die Forscher.
Unter den neu entdeckten “Müllträgern” sind zwölf verschiedene Florfliegenlarven mit teilweise einzigartigen, bei heutigen Insekten unbekannten Anpassungen, wie die Paläobiologen berichten. So tragen einige der stark abgeplatteten Larven ähnlich wie das schon zuvor in Spanien entdeckte Exemplar extrem lange Seitenborsten auf dem Rücken, die den darauf angehäuften Dreck wie ein sehr hoher Korb umgeben. Eine der fossilen Larven hatte zu Lebzeiten mehrere abgelegte Panzer anderer Insekten auf ihrem Rücken drapiert, darunter von einem Blattfloh und einer Rindenlaus. “Es ist wahrscheinlich, dass diese Larve ähnlich wie einige heutige Vertreter, die Reste ihrer eigenen Beute auf dem Rücken trägt”, erklären Wang und seine Kollegen.





