39 “Dreckträger” aus der Kreidezeit
Doch so verbreitet dieses Verhalten heute unter Insektenlarven ist, so unklar war bisher, wie lange es diese Strategie in dieser Tiergruppe bereits gibt. “Bisher existiert nur ein einziges mesozoisches Beispiel, aus einem Stück spanischem Bernstein”, berichten die Forscher. Dabei handelt es sich um eine 2012 entdeckte 110 Millionen Jahre alte Florfliegenlarve. “Über die frühe Evolution dieses komplizierten Verhaltens und seine Anatomie war daher wenig bekannt.” Um das zu ändern, haben Wang und seine Kollegen für ihre Studie systematisch mehr als 300.000 in Bernstein konservierte Insekten erneut überprüft. Bei 39 Bernsteinstücken aus Frankreich, Myanmar und dem Libanon wurden sie fündig: Sie enthielten drecksammelnde Larven von Florfliegen, Ameisenjungfern und Raubwanzen, die bereits rund 100 Millionen Jahre alt sind und daher aus der mittleren Kreidezeit stammen. “Damit gehören sie zu den frühesten direkten Belegen für dieses Tarnverhaltens in der Fossilgeschichte”, konstatieren die Forscher.
Unter den neu entdeckten “Müllträgern” sind zwölf verschiedene Florfliegenlarven mit teilweise einzigartigen, bei heutigen Insekten unbekannten Anpassungen, wie die Paläobiologen berichten. So tragen einige der stark abgeplatteten Larven ähnlich wie das schon zuvor in Spanien entdeckte Exemplar extrem lange Seitenborsten auf dem Rücken, die den darauf angehäuften Dreck wie ein sehr hoher Korb umgeben. Eine der fossilen Larven hatte zu Lebzeiten mehrere abgelegte Panzer anderer Insekten auf ihrem Rücken drapiert, darunter von einem Blattfloh und einer Rindenlaus. “Es ist wahrscheinlich, dass diese Larve ähnlich wie einige heutige Vertreter, die Reste ihrer eigenen Beute auf dem Rücken trägt”, erklären Wang und seine Kollegen.
Unerwartet alt
In 20 weiteren Bernsteinklumpen entdeckten die Forscher urzeitliche Ameisenlöwen, Larven der zu den Netzflüglern gehörenden Ameisenjungfern (Myrmeleontidae). Heute sind viele dieser Larven dafür bekannt, dass sie Trichter in sandigen Boden graben und dort auf hineinfallende Beute lauern. Doch in der Kreidezeit nutzten offenbar viele Ameisenlöwen auch die Tarnung-durch-Dreck-Strategie, wie sich nun zeigt. “Diese Larven enthüllen, dass dieses Verhalten bei den Ameisenjungfern schon evolutionär alt ist und bereits in der mittleren Kreidezeit etabliert war”, so die Forscher. Die Larven trugen dafür eine dichte Matte aus Borsten auf ihrem Rücken, die Sandkörner, Rindenstückchen und Blattreste auf ihrem Rücken festhielten. “Wahrscheinlich sammelten die Larven jedes Stück einzeln ein und platzierten es dann mit ‘Bedacht an einer freien Stelle ihres Rückens”, erklären die Wissenschaftler. “Dabei profitierten sie von der Fähigkeit, ihr Bein um mehr als 180 Grad in der Hüfte drehen zu können.”





