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Richtersveld: Die Wüste wächst
Erde & Umwelt

Richtersveld: Die Wüste wächst

Forscher beobachten die Veränderungen der Pflanzenwelt im südafrikanischen Richtersveld. · Foto: Norbert Jürgens

Als Norbert Jürgens 1980 das Richtersveld zum ersten Mal besuchte, nahm ihn die scheinbar karge Gegend täglich mehr gefangen: „Da wuchsen auf einer Fläche von zehn mal zehn Metern 70 Pflanzenarten“, erinnert er sich, „und das bei gerade einmal 80 Millimeter Niederschlag im Jahr. Das war Wahnsinn – all diese…
Autor
Redaktion
23. April 2026
Lesezeit
10 Minuten
Rubrik
Erde & Umwelt
Im Richtersveld, in einer der artenreichsten Wüstenregionen der Erde, offenbaren Langzeitdaten eine ökologische Tragödie. Zwei Botaniker halten auf unterschiedliche Weise dagegen.

Text: Juliette Irmer

Als Norbert Jürgens 1980 das Richtersveld zum ersten Mal besuchte, nahm ihn die scheinbar karge Gegend täglich mehr gefangen: „Da wuchsen auf einer Fläche von zehn mal zehn Metern 70 Pflanzenarten“, erinnert er sich, „und das bei gerade einmal 80 Millimeter Niederschlag im Jahr. Das war Wahnsinn – all diese verrückten sukkulenten Lebensformen, die Wasser in ihrem Körper speichern: die Butterbäume, die riesigen Köcherbäume und die Vielfalt der lebenden Steine.“

Der damalige Biologiestudent beginnt, seine ersten Relevés aufzunehmen: klar definierte Flächen, auf denen jede Pflanzenart bestimmt und ihre Anzahl dokumentiert wird. Und kehrt ein Jahr später zurück, um sich die gleichen Flächen erneut anzuschauen, die er vorsorglich mit Farbspray markiert hatte. „Seitdem bin ich beinahe jedes Jahr dort gewesen“, erzählt Jürgens.

Er schreibt seine Doktorarbeit über die Evolution und Ökologie der Mittagsblumen, die mit 130 Gattungen und rund 2.600 Arten dominierende Sukkulentenfamilie des Richtersveldes. Später wird er Professor für Botanik an der Universität Hamburg. Offiziell ist er heute im Ruhestand, doch sein Forschungsdrang ist ungebrochen. Inzwischen kann er auf die Daten von 22.704 Relevés zurückgreifen, die er und sein Team während der vergangenen 45 Jahre im südlichen Afrika aufgenommen haben, von Angola über Namibia bis nach Südafrika.

Seine rekordverdächtigen Langzeitbeobachtungen sind nun in die Publikation „A perfect storm“ eingeflossen, die Jürgens kürzlich gemeinsam mit Kollegen in einem Fachjournal veröffentlicht hat. Darin beschreiben die Wissenschaftler eindrücklich den tiefgreifenden Wandel eines der außergewöhnlichsten Ökosysteme der Erde.

Artenvielfalt in lebensfeindlichem Gebiet

Das Richtersveld liegt im äußersten Nordwesten Südafrikas und grenzt an den Fluss Oranje, der die natürliche Grenze zu Namibia bildet. Die rund 10.000 Quadratkilometer große Region liegt im Zentrum der Sukkulentenkaroo („Karoo“ ist ein Begriff aus der Sprache des Stammes der Khoihoi und bedeutet „trockenes Land“). Die Wüstenregion zieht sich als schmaler Gürtel entlang der namibischen und südafrikanischen Atlantikküste.

Das Richtersveld wirkt auf den ersten Blick lebensfeindlich: Es ist heiß, trocken und windig – an über 200 Tagen im Jahr. Doch trotz dieser extremen Umweltbedingungen beherbergt es eine ungeheure Vielfalt an Pflanzen. Vor allem Sukkulenten, also Wasser speichernde und hoch spezialisierte Pflanzen: Einige ziehen sich fast vollständig in den Boden zurück und lassen Sonnenlicht nur durch ein transparentes „Fenster“ ein, andere sondern klebrige Substanzen ab, an denen Sand haften bleibt, der sie wie eine Rüstung vor Wind schützt.

Viele der Arten kommen ausschließlich im Richtersveld vor. Von manchen existieren nur einige Hundert Individuen auf einem winzigen Areal, kaum größer als ein Wohnzimmer. Wegen seiner Besonderheit steht das Richtersveld in Teilen unter Schutz: Seit 1991 ist eine Fläche von 1.600 Quadratkilometern als Nationalpark ausgewiesen, seit 2007 sind gut 4.000 Quadratkilometer UNESCO-Welterbe. Der Status würdigt sowohl die außergewöhnliche botanische Vielfalt als auch die traditionelle Landnutzung der Nama, die seit Jahrhunderten hier eine Wanderweidewirtschaft betreiben und die Landschaft durch saisonale, maßvolle Nutzung nachhaltig geprägt haben.

Ökologische Kettenreaktionen

Die Schutzgebiete bewahren größere Flächen zwar vor direkten schädlichen Einflüssen von Menschen, sie können jedoch nicht verhindern, dass sich die Region insgesamt verändert.

Die Langzeitbeobachtungen Jürgens’ zeigen eindrücklich, dass selbst Schlüsselarten des Richtersveldes zurückgehen. Ein besonderes Beispiel ist der Skorpionstrauch (Brownanthus pseudoschlichtianus), ein sukkulenter Zwergstrauch. Seine Zweige bestehen aus tönnchenförmigen, leicht eingeschnürten Segmenten, die einem Skorpionschwanz ähneln und der Pflanze ihren Namen geben.

„Diese Pflanze ist ein Ingenieur“, sagt Jürgens. Der Skorpionstrauch besiedele weite Ebenen des Richtersveldes und baue Landschaften. Die schweren Wasser speichernden Zweige liegen dicht am Boden und schaffen dort durch die dichte Wuchsform windstillere Räume. Dort lagern sich die feinen Mineralkörner der häufigen Staubstürme, Schluff genannt, als Sediment ab. So entsteht mit der Zeit ein feinkörniger Oberboden, in dem auch andere Pflanzen keimen und wachsen können.

In „A perfect storm“ dokumentiert Jürgens anhand seiner Daten und Fotos den langsamen, aber stetigen Rückgang des Skorpionstrauchs. In den 80er Jahren stand er auf den Beobachtungsflächen im Richtersveld noch dicht an dicht. Heute wächst er dort nur noch vereinzelt oder ist verschwunden. Dadurch verliert der Boden Schutz und Halt. Die feinen Schluffpartikel werden ausgeweht, zurück bleibt lockerer Sand. Wind und Hitze greifen ungebremst an, Keimlinge finden keinen Halt mehr.

Der massive Rückgang des Skorpionstrauchs ist deshalb nicht nur der Verlust einer einzelnen Art. Er löst eine Kettenreaktion aus, an deren Ende der Zusammenbruch eines Lebensraums droht. „Ist der richtige Boden weg, gibt es wenig Hoffnung, dass sich das Ökosystem wieder erholt“, sagt Jürgens.

Trockenheit und steigende Temperaturen

Die beobachteten Veränderungen haben mehrere Ursachen. Ein wesentlicher Faktor ist die zunehmende Trockenheit der vergangenen Jahre. „Eine so lang anhaltende Dürre wie in den elf Jahren von 2012 bis 2022, die so dramatisch trocken war, hat es zuvor nicht gegeben“, sagt Jürgens. Unabhängig von den Niederschlagsschwankungen habe die Region zudem eine Temperaturerhöhung von rund 1,5 Grad Celsius erfahren; einige Studien weisen sogar auf einen stärkeren Anstieg der Maximaltemperaturen hin.

Entgegen der verbreiteten Annahme, sind Sukkulenten nicht grenzenlos hitzetolerant. Die Temperaturen steigen im Oranje-Flusstal im Sommer inzwischen auf über 46 Grad Celsius. „Vor allem die großblättrigen Sukkulenten mit den fleischigsten Blättern, die viel Wasser enthalten, zerkochen bei einer solchen Hitze“, erklärt Jürgens.

Tatsächlich ist die Sukkulentenkaroo nicht für solche Temperaturen ausgelegt. Sie ist erdgeschichtlich betrachtet noch jung und entstand vor vier bis fünf Millionen Jahren parallel zur Entwicklung des Winterregenklimas im westlichen Südafrika. Das sei außergewöhnlich, eine umgekehrte Welt, so Jürgens.

Eine besondere ökologische Nische

Um Fotosynthese betreiben zu können, brauchen Pflanzen Sonnenenergie und Wasser. Wenn Wasser aber nur in der kühleren Jahreszeit vorhanden ist, in der alle biochemischen Prozesse viel langsamer verlaufen und es zudem dunkler ist, stellt das Pflanzen vor enorme Herausforderungen. Es war aber auch eine Chance – vor allem für eine Familie: „Das war eine Mega-Nische“, sagt Jürgens, „die Mittagsblumengewächse haben daraus eine Erfolgsgeschichte gemacht. Ihre Evolution ist von einer unvergleichbaren Schnelligkeit, und sie bilden im Richtersveld sozusagen das Galapagos der botanischen Welt.“

Ihre hochgradige Anpassung mache die Pflanzen heute jedoch sehr verletzlich, erklärt Jürgens. Sie sind evolutionär auf ein kühles Winterregenklima eingestellt und haben der Kombination aus ausbleibender Feuchtigkeit und ansteigender Sommerhitze nicht viel entgegenzusetzen.

Offene Gruben und sesshafte Weidewirtschaft

Die Klimaerwärmung ist aber für die zu beobachtenden Veränderungen nicht allein verantwortlich. So ist in den Schutzgebieten zwar Bergbau verboten, vor allem in küstennahen Bereichen und im Süden werden allerdings neben Diamanten auch Rohstoffe wie Gips, Kalkstein und Quarz abgebaut. Zwar meist nur kleinräumig, jedoch in Summe mit weitreichenden Folgen, denn offene Gruben setzen weitere Kettenreaktionen in Gang: Wind verweht Staub und verlagert Sand, der niedrig wachsende Sukkulenten verschüttet.

Auch die Viehnutzung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Während die traditionelle Weidewirtschaft der Nama nomadisch organisiert war und sich saisonal an Niederschläge und Vegetation anpasste, sind die Hirten mit ihren Tieren heute vielerorts sesshaft und an feste Infrastrukturen wie durch Pumpen gefüllte Wasserstellen, Zäune und Wege gebunden. Dadurch konzentriert sich der Weidedruck auf einzelne Flächen, die kaum noch Ruhephasen erhalten. In Kombination mit zunehmender Trockenheit und starkem Wind führt das ebenfalls zur Ausdünnung der Vegetation und zu weiträumigen Erosionsprozessen.

Unterschiedliche Areale

Die Veränderungen im Richtersveld sind räumlich unterschiedlich ausgeprägt. Für einen breiten Streifen im Norden, südlich des Oranje, zeigen die Daten den Zusammenbruch des bisherigen Ökosystems: Die artenreiche Sukkulentenkaroo wird von spärlichen Wüstengräsern abgelöst, darunter Arten, die zuvor nur aus der südlichen Namib bekannt waren. Die Nähe zur Namibwüste sowie die flachen, windoffenen Landschaften begünstigen diese Entwicklung. „Alles zusammengenommen – der Bodenverlust, die Sandmobilisierung, die neu einwandernden Wüstengräser – erlaubt mir, zu sagen: Hier dehnt sich die Namibwüste in den Süden aus“, sagt Jürgens.

Im übrigen Richtersveld geht die fortschreitende Wüstenbildung überwiegend auf die direkten menschlichen Einflüsse zurück: Bergbau und intensive Viehnutzung zerstören die Vegetationsdecke und setzen die beschriebene Kettenreaktion in Gang. Das Ökosystem ist dort zwar bereits stark geschädigt, aber noch nicht irreversibel verloren. Die Schäden ließen sich durch die Schließung offener Tagebaue und eine an die Tragfähigkeit des Ökosystems angepasste Weidewirtschaft begrenzen, erklärt Jürgens.

Vom Garten Eden zum Zufluchtsort

Kaum jemand kann die Veränderungen im Richtersveld so gut bezeugen wie Pieter van Wyk, Mitautor der Publikation. Er wurde im Richtersveld geboren und ist hier aufgewachsen. Schon als Kind streifte er über das Farmgelände seiner Großmutter, sammelte Pflanzen, beobachtete ihre Formen und Überlebensstrategien. Was für andere karg und lebensfeindlich wirkt, ist für ihn „ein Garten Eden“. Van Wyk erkannte früh den Ernst der Lage. Spätestens 2009, als große Flechtenfelder in der Nähe der Oranje-Mündung verschwanden, und 2014, als er für das South African Biodiversity Institute Pflanzen kartierte, die durch Bergbau und Landwirtschaft damals bereits bedroht waren. Er gründete den Richtersveld Desert Botanical Garden, der im April 2024 unter dem Dach von SANParks, der staatlichen Nationalparkverwaltung Südafrikas, offiziell eröffnete. Anders als in anderen botanischen Gärten, geht es dort nicht in erster Linie darum, Besucher zu beeindrucken, sondern die bedrohten Pflanzen des Richtersveldes zu bewahren. „Wenn wir die Pflanzen in ihrem Lebensraum nicht schützen können, dann müssen wir das ex situ tun“, sagt van Wyk – als Absicherung gegen das Aussterben.

Van Wyk weist jedoch noch auf eine weitere Bedrohung hin, die in wissenschaftlichen Studien kaum erfasst wird: Seit 2019 nimmt die Pflanzenwilderei stark zu. Die Formenvielfalt und besonderen Anpassungen der Richtersveld-Sukkulenten geraten in den Fokus internationaler Sammlermärkte. „Bis 2021 haben wir mehr als 200.000 beschlagnahmte, gewilderte Pflanzen aufgenommen“, berichtet van Wyk. Sie mussten vor Ort bestimmt und untergebracht werden – eine Herausforderung, die den Garten endgültig zu einem Zufluchtsort machte.

Inzwischen beherbergt der Wüstengarten mehr als 1.000 Pflanzenarten, darunter einige, die in freier Natur nicht mehr vorkommen, sowie bislang noch unbeschriebene Arten. Van Wyk und sein Team arbeiten zweigleisig: Sie legen eine klassische Samenbank zur langfristigen Sicherung genetischen Materials an und kultivieren lebende Pflanzen. Eine Wiederansiedlung sei für ausgewählte Arten theoretisch möglich, aber auch aufwendig und kostspielig, insbesondere in abgelegenen, wasserarmen Gebieten, berichtet van Wyk. Nur für wenige Arten – etwa den Riesenköcherbaum – laufen bereits gezielte Wiederansiedlungsprojekte in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern und Rangern.

Ein mahnendes Beispiel

Während van Wyk mit dem botanischen Garten eine Arche Noah für bedrohte Sukkulenten errichtet, setzt Norbert Jürgens auf Aufklärung. Er berät Politiker und Institutionen, macht die Ergebnisse seiner Forschung zugänglich – und arbeitet daran, die letzten weißen Flecken der Sukkulentenkaroo zu kartieren. Sein aktueller Fokus liegt dabei auf dem namibischen Sperrgebiet.

„Das ist wirklich die letzte noch nie kartierte Wildnis des südlichen Afrikas“, sagt Jürgens. Zwischen Äquator und Kap der Guten Hoffnung sei inzwischen nahezu jeder Hektar Land in Nutzung: Zäune wurden gezogen, Brunnen gegraben und Haltungsflächen für Ziegen, Schafe und Rinder errichtet. Nur das Sperrgebiet an der Südküste Namibias sei dieser Entwicklung weitgehend entkommen. Auf einer Länge von rund 240 Kilometern und einer Breite von bis zu 100 Kilometern wurde das Gebiet 1908 für die Öffentlichkeit gesperrt – um den Diebstahl von Diamanten zu verhindern, die dort gewonnen wurden; 2008 wurde es zum Tsau //Khaeb National Park deklariert. „Tsau //Khaeb“ bedeutet in der Sprache der Nama „tiefer, sandiger Boden“. Im Dezember 2025 erhielt Jürgens schließlich die Erlaubnis des namibischen Umweltministeriums für eine systematische Kartierung. Mit den gewonnenen Daten erhofft sich Jürgens, konkrete Empfehlungen aussprechen zu können. Denn auch der Tsau //Khaeb-Nationalpark könnte künftig unter Druck geraten: Die Nachfrage nach regenerativer Energie ist hoch, und die mit Starkwind und Sonnenstrahlung gesegneten Landschaften gelten als prädestiniert für Photovoltaik- und Windkraftanlagen. Bei der Planung neuer Energieprojekte könnten die Erfahrungen aus dem Richtersveld helfen. Denn was heute dort zu beobachten sei, lasse sich theoretisch auf das Sperrgebiet übertragen. Würde die Vegetationsdecke im Tsau //Khaeb National Park zerstört, könnten große Sandmassen mobilisiert werden. „Es geht nicht nur um die Arten an sich – obwohl sie bereits um ihrer selbst willen schützenswert sind –, sondern auch um den konkreten Nutzen “, sagt Jürgens. Sie stabilisieren den Boden und schützen damit auch menschliche Infrastruktur, etwa künftige Energieanlagen.

Mittelfristig rechnet der Botaniker damit, dass sich die Sukkulentenkaroo unter dem Einfluss der Klimaerwärmung räumlich zurückziehen wird. Sollten Teile des Tsau //Khaeb National Park für industrielle Nutzung freigegeben werden, müsse die Verwundbarkeit des Ökosystems berücksichtigt werden, vor allem bei der Wahl geeigneter Standorte. Außerdem müsse der Schutz an anderer Stelle ausgeweitet werden – zum Beispiel nach Osten, in die kühleren Berglagen. „Das ist ein völlig pragmatischer Ansatz“, sagt Jürgens. „Pragmatisch und gleichzeitig erschreckend in seiner Dimension.“

Frau mit Brille, grauem Haar im Dutt, lächelnd, im Hintergrund grüne und gelbe Blätter.

Juliette Irmer

ist Biologin und lebt derzeit in Namibia. Die extremen Anpassungen der Sukkulenten faszinieren sie – seit der Recherche hält sie gezielt nach ihnen Ausschau.

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