von RÜDIGER VAAS
Eine der bedeutendsten Entdeckungen in der Geschichte der Wissenschaften und, rein räumlich betrachtet, die größte Entdeckung in der Historie der Menschheit überhaupt glückte in den 1920er-Jahren: Dass unsere Milchstraße, in der die Sonne als ein gewöhnlicher Stern unter Milliarden leuchtet, nur eine Galaxie unter Milliarden ist; und dass sich diese Galaxien voneinander entfernen, weil sich der Weltraum zwischen ihnen seit Milliarden von Jahren ausdehnt.
Diese radikale und ganz konkrete Erweiterung unseres Weltbildes ist nun ein Jahrhundert alt – eigentlich bloß ein Wimpernschlag im menschlichen Dasein auf Erden. Rein gedanklich war sie nicht neu.
Schon vor 2.500 Jahren spekulierten Philosophen wie Demokrit, dass die am nächtlichen Himmel prangende Milchstraße aus Myriaden von Sternen besteht – was Galileo Galilei 1610 mit einem der ersten Fernrohre bestätigen konnte. Und Demokrit wie später Epikur und Lukrez vermuteten, dass unzählige Welten in einem unendlichen Weltraum existieren, was prominent dann erst wieder Giordano Bruno im 15. Jahrhundert propagierte.
Immanuel Kant argumentierte 1755 in seinem Frühwerk „Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels“ ähnlich wie zuvor Thomas Wright 1750 und von diesem angeregt, dass viele der nebelhaften Gebilde am Himmel – zum Beispiel der sogar mit bloßem Auge sichtbare Nebel im Sternbild Andromeda – andere Milchstraßen seien wie unsere, die im unendlichen Raum entstehen und vergehen (bdw 6/2024, „Kant als Kosmologe“).
Aber philosophische Spekulationen sind das Eine – und sie bleiben umstritten. Etwas anderes sind auf mehr oder weniger präzisen Messungen basierende naturwissenschaftliche Erkenntnisse – und sie setzen sich als für objektiv wahr befundene Aussagen durch, wenn vielleicht auch erst nach erbitterten Kontroversen. So gesehen wissen wir erst seit einem Jahrhundert wirklich, welche Position wir im Weltall einnehmen (siehe Artikel „Das Inseluniversum“).
Nebel und astronomische Distanzen
So wie Antoni van Leeuwenhoek 1675 mit dem Einsatz des Mikroskops den bis dahin im Mesokosmos verhafteten Menschen die sonderbare Welt des Mikrokosmos erschlossen hatte, glückte es Edwin P. Hubble 1924 mit dem Hooker-Teleskop vollends, das Tor zum Makrokosmos aufzustoßen. Den ersten Spalt hatte Friedrich Wilhelm Bessel 1838 in Königsberg geöffnet, als es ihm erstmals gelang, was vielen Generationen vor ihm versagt geblieben war: die Entfernung eines anderen Sterns zu bestimmen.





