von THORSTEN DAMBECK
Wüst und leer sei es gewesen und außerdem finster. So soll es der Bibel zufolge zu Anbeginn der Erde gewesen sein. Doch bekanntlich sollte man Bibeltexte nicht allzu wörtlich nehmen. Und vom Beginn des Sonnensystems, der Geburtsstätte der Erde, macht sich die Wissenschaft heute ein völlig anderes Bild: Demnach formte sich die Sonne in einer Molekülwolke, die so riesig war, dass sie auch viele andere nahe Sterne zur Welt brachte. Unser Heimatgestirn war demnach das Mitglied einer ganzen Sternengruppe – und erhellte gemeinsam mit ihren stellaren Geschwistern den Himmel.
Der Astronom Simon Portegies Zwart von der Sternwarte im niederländischen Leiden vermutet, das irgendwo in der Nähe immer noch solare Geschwistersterne sind. Er schätzt, dass schon im Umkreis von 300 Lichtjahren um die momentane Sonnenposition einige Exemplare existieren könnten. Dieser Wert gilt, wenn die damalige Sternengruppe eine relative lockere sogenannte Assoziation war. Womöglich war sie jedoch kompakter und durch die gemeinsame Schwerkraft stärker gebunden. Dann handelte es sich um einen offenen Sternhaufen.
Astronomen kennen viele solcher Objekte, die man meist in den Spiralarmen unserer Milchstraße findet – also dort, wo bevorzugt neue Sterne entstehen. Das Szenario einer Gruppengeburt der Sonne ist weit verbreitet, gestützt durch mehrere Befunde.
Sterne im Exil
Für Astronomen sind Sternhaufen ideal, um ihre Theorien zur Sternentwicklung zu testen. Schließlich entstammen die Haufenbewohner alle derselben Molekülwolke und sind etwa gleich alt. Das erdnächste Exemplar sind die Hyaden im Sternbild Stier rund 153 Lichtjahre von uns entfernt. Sogar mit bloßem Auge ist die locker gefügte Gruppe neben dem rötlichen Stierstern Aldebaran zu erkennen. Er selbst gehört allerdings nicht zum Haufen, sondern steht bloß im Vordergrund, ähnlich wie ein zufälliger Passant.
Könnte es sein, dass die Sonne einst in den Hyaden entstand? Bei einem Sternhaufen lässt sich das Alter mittels des sogenannten Hertzsprung-Russel-Diagramms ermitteln (bild der wissenschaft 12/2011, „Der Schlüssel zum Sternenhimmel“). Doch eine Forschergruppe der Europäischen Weltraumagentur ESA und der Europäischen Südsternwarte um Tereza Jerabkova publizierte im März, dass die Hyaden mit 600 bis 700 Millionen Jahren viel zu jung dafür sind. Die Sonne bringt es dagegen auf stattliche 4600 Millionen Jahre. Trotzdem macht die geringe Distanz den Nachbarhaufen zu einem beliebten Studienobjekt. In einem Radius von 30 Lichtjahren wurden dort 364 Sterne identifiziert, die durch ihre Gravitation miteinander verbunden sind: Sie umrunden ein gemeinsames Schwerezentrum. Zudem sind Hunderte weitere Sterne im Umfeld locker mit den Hyaden assoziiert.





