von THORSTEN DAMBECK
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubten manche Astronomen, der Mars würde von einer verheerenden Dürre heimgesucht. Verzweifelt würden die Marsianer in Kanälen das letzte Wasser von den Polen zum Äquator leiten. So erklärte man sich die schnurgeraden Linien, die Beobachter im Teleskop ausgemacht hatten.
Heute ist klar: Die Mars-Kanäle waren optische Täuschungen. Hingegen glauben viele Forscher nach wie vor an polare Wasservorkommen. Zumindest für einen See tief unter dem Südpol gibt es deutliche Indizien, wie italienische Forscher berichten. Und im vergangenen Jahr fanden Planetengeologen erstmals Hinweise auf ein ausgedehntes Grundwassersystem. Einst soll es die Äquatorregion des Mars umspannt haben. Verbirgt der Nachbarplanet seine größten Geheimnisse im Untergrund?
Schwache, aber lang anhaltende Beben
Erst in jüngster Zeit dringt die Wissenschaft tiefer unter die Oberfläche des Roten Planeten vor. Dabei geht es nicht nur um Wasservorkommen. Seit dem 26. November 2018 hilft die NASA-Sonde InSight, den inneren Aufbau des Mars zu erkunden. Erfolge verzeichnete besonders der französische Bebenmesser SEIS (Seismic Experiment for Interior Structure) des Landegeräts, dessen erste Ergebnisse im vergangenen Februar publiziert wurden. Seit dem Beginn der Messungen ein Jahr zuvor hatte SEIS durchschnittlich ein Mars-Beben pro Tag registriert. Eigentlich waren es vor allem nächtliche Mars-Beben, die das Bordinstrument aufzeichnete, denn dann sind die Mars-Winde so weit abgeflaut, dass sie den Messbetrieb kaum noch stören.
„Für die Bebenaktivität auf dem Mars dürfte vor allem dessen Abkühlung und die damit einhergehende Schrumpfung des Planetenkörpers verantwortlich sein“, sagte Martin Knapmeyer, Geophysiker am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), vor der InSight-Mission.
Nun liegen harte Daten vor: Insgesamt wurden bis Ende September des vergangenen Jahres 174 wahrscheinliche Beben identifiziert. Davon gehören 150 zum Typ der Flachbeben. Die seismischen Wellen breiten sich nur in der Mars-Kruste aus, also in der obersten Gesteinsschicht. Denn ähnlich wie die Erde dürfte der Mars zwiebelartig aufgebaut sein: Unter der äußeren Kruste folgt ein Mantel aus zähflüssigem Gestein und im Zentrum ein metallischer Kern. „Es gibt viele Hypothesen und Modelle zu diesen Schichten“, sagt Ulrich Christensen vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, der zur Leitung des SEIS-Teams gehört. „Gewissheit können nur seismische Messungen vor Ort bringen.“
Auch die Kenntnis, die Geologen vom Aufbau der Erde haben, stammt aus der Analyse von Erdbebenwellen. Im Prinzip kann man aus den Mars-Beben ganz ähnlich ableiten, wie dessen „Stockwerke“ beschaffen sind. Immerhin 24 der von SEIS gemessenen Beben breiteten sich auch tiefer, nämlich im Gesteinsmantel, aus. Sie ähneln unseren Erdbeben: Im Seismogramm zeigen sich erst die Druckwellen, die physikalisch Schallwellen ähneln. Als Nächstes folgen die langsameren Scherwellen.





