Manche haben schon als Schüler zu Hause im Garten das Wetter beobachtet”, beschreibt Prof. Heinrich Hoeber vom Meteorologischen Institut der Universität Hamburg die Vorkenntnisse seiner Studenten. Doch Hoeber weiß: Aus der Liebe zum Wetter wird bei Meteorologie-Studenten nicht selten Frust. Differential- und Integralgleichungen und theoretische Physik lassen wenig direkte Berührung mit dem Wetter und seiner Vorhersage zu.
In mindestens acht langen Semestern entfallen nur zwei mal drei Wochen auf praxisnahe Übungen, wobei der eine Block mit meteorologischen Geräten im Labor stattfindet. Lediglich drei Wochen dürfen die Studenten in Schichten rund um die Uhr Wetter beobachten und messen. Auch Götz Wagner vom Wirtschaftswetterdienst des DWD in München beklagt die Theorielast: “Früher war man der Meinung, daß ein Meteorologe im Bunker sitzt und ohne Sicht auf den Himmel, nur aus numerischen Daten, eine richtige Vorhersage treffen kann. Das stimmt aber nicht.”
So mußte sich ein junger Kollege Wagners, der frisch von der FU Berlin nach München kam, erst in die vielen Wetterbesonderheiten des Voralpenlandes einarbeiten, die er aus dem flachen Berliner Raum gar nicht kannte: Da bricht das föhnige Schönwetter in Minutenschnelle durch trockene Kaltfronten zusammen, oder in einer halben Stunde türmen sich Schwergewitter mit Hagel in den Himmel.
Wie sehr die Vorhersagequalität von der Erfahrung eines Meteorologen abhängt, bewies in den sechziger Jahren der Wetterpapst Richard Scherhag von der Universität Berlin. Als er in den Ruhestand ging, nahm die Trefferquote schlagartig um einige zehn Prozent ab, erinnert sich Christian König, Wetterfrosch bei Antenne Bayern.
Heute kann das dank ausgefeilter Vorhersagemodelle nicht mehr passieren. Dennoch bedarf es immer noch der Interpretation durch Meteorologen. “Die Maschine ist nichts ohne den Menschen”, betont Uwe Wesp vom DWD. Prof. Hoeber von der Uni Hamburg kritisiert, daß kein Meteorologie-Student während seiner Unizeit erlebt, wie “dreidimensional” das Wetter ist. Deshalb spendiert sein Institut den Studenten künftig einen Flug durch die Wolkenstockwerke.
Ein Weg, wie man ein praxisnäheres Studium mit der allgemeinen Forderung nach einer Studienzeitverkürzung vereinbaren könnte: Veraltete Routinearbeiten werden schon im Studium von modernen Hilfsmitteln abgelöst. Das zeitraubende Zeichnen von Analyse-Karten etwa fällt durch Programme wie das vom DWD entwickelte “MAP” (Meteorological Application and Presentation System) weg und wird durch simple Maus-Klicks ersetzt.
Fazit: Theorie ist gut, Praxis ist besser. Meteorologen müssen ein Gefühl fürs Wetter entwickeln – und das liest man nicht aus Formeln, sondern eignet es sich durch Beobachtung an. Eine Reform des Studienganges Meteorologie ist überfällig.
Raymund Windolf





