Ein starker Wind pfeift über die rotbraune Felslandschaft. Geröll, Sedimentgestein und Sand, so weit das Auge reicht. Doch zwischen den von der Erosion markant geformten Hügeln blitzt es im Sonnenlicht weiß auf. Ein acht Meter hohes zylindrisches Objekt mit einer Satellitenantenne auf dem Dach steht dort auf Stelzen und Teleskopbeinen. Bullige Fahrzeuge parken daneben. Ein tonnenförmiges weißes Gewächshaus liegt einige Meter entfernt. Und im Vordergrund weht eine rot-grün-blau gestreifte Fahne. Sonst ist ringsum nur kilometerweite Steinwüste. Doch plötzlich bewegt sich etwas. Die Tür der Station öffnet sich. Drei Menschen in beigen Monturen und mit überdimensionalen geschlossenen Helmen steigen umständlich die Treppe hinab, gestikulieren, packen Ausrüstung auf die Fahrzeuge, starten und verschwinden alsbald knatternd zwischen den Hügeln. Die Szenerie mutet an wie auf einem fremden Planeten. Und das ist auch Absicht. Doch hier wird kein Science-Fiction-Film gedreht – obwohl „Titanic”-Regisseur James Cameron den Ort ursprünglich dafür ausgewählt hatte –, sondern die Aktion soll aus der Fiktion Wirklichkeit werden lassen: eine bemannte Mars-Station. Bis es so weit ist, werden aber selbst im günstigsten Fall noch 10 bis 15 Jahre vergehen.
Das hindert Enthusiasten freilich nicht daran, schon jetzt den Ernstfall zu proben. Und die unwirtliche Wüste mit dem rötlichen Juragestein südlich von Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah ähnelt auf den ersten Blick durchaus dem Roten Planeten. Bloß ist die Luft auf dem Mars ohne Sauerstoff und so dünn wie 26 Kilometer über dem Erdboden, die Temperaturen sind kälter, die Schwerkraft beträgt nur 38 Prozent der irdischen, und der Himmel ist lachsfarben, nicht strahlend blau. Auch die exotisch anmutende, zweistöckige Mars Desert Research Station (MDRS) erweist sich bei genauerem Hinsehen als Attrappe, zusammengezimmert aus Materialen vom Heimwerkermarkt. Die 15 Kilogramm schweren „Raumanzüge” sind aus Grobleinen geschneidert, die Sauerstoff-Versorgung im Rückentornister enthält nur einen akkubetriebenen Ventilator, und die Helme wurden aus Plexiglas-Lampenschirmen und Mülleimerdeckeln zusammengebaut. Ein nettes Sandkastenspiel vor einer atemberaubenden Kulisse, ein Abenteuerurlaub mit Astronautenflair?
„Keineswegs”, sagt Jan Osburg, der mit fünf weiteren Freiwilligen letztes Jahr zwei Wochen lang auf dem Mars-Trip war. „Es geht um eine möglichst realistische Simulation des Betriebs einer Mars-Station. Die MDRS ist selbstverständlich nur ein Anfang. Aber unsere Erfahrungen werden zu einer effizienteren Mission der ersten Astronauten auf dem Mars beitragen.” Osburg, der am Institut für Raumfahrtsysteme der Universität Stuttgart promoviert hat, war aus mehreren Hundert Bewerbern für einen MDRS-Aufenthalt ausgewählt worden. Betrieben wird das ganze Projekt von der Mars Society, einer 1998 gegründeten, privat finanzierten Vereinigung von inzwischen rund 7000 Mitgliedern in über 40 Ländern. Ihr Motto: „Menschen zum Mars!”
Dies ist spätestens seit einer Rede von US-Präsident George Bush 1989 zwar auch ein Ziel der amerikanischen Weltraumbehörde NASA, doch keines mit großer Priorität. Später hatte der amerikanische Kongress der NASA aus Kostengründen sogar ausdrücklich untersagt, an der Vorbereitung einer solchen Mission zu arbeiten. Rund 450 Milliarden Dollar würde sie verschlingen, haben NASA-Mitarbeiter 1991 geschätzt – utopisch, obwohl die USA in den mindestens zehn Jahren, die für ein solches Projekt nötig wären, ein Mehrfaches allein für die Rüstung ausgeben. Doch es geht auch wesentlich billiger, für nur etwa 30 Milliarden Dollar, hat Robert Zubrin vorgerechnet. Er war lange Raumfahrt-Ingenieur bei dem amerikanischen Luft- und Raumfahrtkonzern Lockheed Martin und hat inzwischen eine eigene Raumfahrtfirma, Pioneer Astronautics in Lakewood, Colorado. Er ist Mitbegründer und Präsident der Mars Society. „Ich glaube, dass die erste Mars-Crew in einer solchen Station trainiert haben wird”, sagt er mit Blick aufs MDRS-Unternehmen. „Wir betreiben das Projekt ähnlich wie ein Schütze eine Papierzielscheibe benutzt: Sein Ziel ist es nicht, Löcher zu erzeugen – das könnte er mit einem Korkenzieher leichter bewerkstelligen –, sondern zu lernen, wie man schießt.”
Die MDRS Dient keineswegs nur zum Testen und Simulieren eines Stationsbetriebs und der Feldforschung. Ebenso wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit, um die Menschen für eine bemannte Mars-Landung zu begeistern. Denn die ist letztlich eine politische Entscheidung und kann nur in internationaler Zusammenarbeit gelingen. „Solche Stationen sind sehr publikumswirksam”, sagt auch Jan Osburg. „Wir wurden fast zur Touristenattraktion und haben unser Ziel, die überregionalen Medien zu erreichen, mehr als erfüllt.” Auch in Deutschland war das Echo groß. „Wir wollen zum Mars, und es werden konkrete Schritte unternommen”, fasst Osburg die futuristische Botschaft zusammen.
Freilich gibt es auch kritische Stimmen. „Die Mars Society ist so etwas wie ein Modellraketenclub ohne Raketen”, schrieb Tom McNichol 2001 im Internet-Magazin „Wired”. „Ich denke, offen gesagt, das Ganze führt nirgendwohin”, meint auch Robert Park, Direktor der American Physical Society. „Der schlechteste Platz auf der Erde ist ein Garten Eden – verglichen mit Mars.” Beim Schreiben seines Buchs „Voodoo Science” über Pseudowissenschaften musste er angeblich das Attribut „messianisch” für den charismatischen Zubrin streichen, um nicht einen Prozess zu riskieren. Ein Journalist bezichtigte die Mars Society sogar als „ pseudoreligiöse Erweckungsbewegung”. „Hier ist unsere Motivation gründlich missverstanden worden”, entgegnet Osburg. „Natürlich begeistert sich jedes Mitglied für die bemannte Erforschung des Roten Planeten. Das ist ja gerade der Zweck unserer Organisation. Und Zubrin ist einer der Exponenten dieser Bewegung, da er sowohl den technischen Hintergrund als auch die nötige Überzeugungskraft hat. Er ist ein exzellenter Lobbyist und hat natürlich seine Ecken und Kanten. Aber die Mars Society hat nichts Sektiererisches.” Michael Shermer, Präsident der „Skeptics Society” und Verleger des für seine kritische Haltung bekannten oder gefürchteten „Skeptics Magazine”, stimmt zu: „Zubrin ist kein Spinner.” Dass trotz enormer finanzieller, logistischer und auch gesundheitlicher Beanspruchungen eine bemannte Mars-Landung im Bereich des Möglichen liegt, ist unstrittig. Inwiefern Projekte wie MDRS dazu beitragen können, steht auf einem anderen Blatt. Klassische Isolationsexperimente der NASA und in der ehemaligen Sowjetunion dauerten Monate, und lange autarke Unternehmen sind ja auch in der Antarktis oder bei Atom-U-Booten keine Seltenheit. Selbst innerhalb der Mars Society wird die Realitätsnähe der Simulationen kontrovers diskutiert.
Doch manche Kritik ist sicherlich übertrieben. Denn Erfahrungen, von denen künftige Missionen profitieren könnten, wirft die Aktion durchaus ab. „Wir sind Beta-Tester und wollen unerwartete Probleme identifizieren, um sie künftig zu verhindern” , sagt Osburg. „Nur in einer solchen ganzheitlichen Simulation lässt sich das Zusammenwirken vieler Elemente analysieren und bewerten, etwa so profane Dinge wie der Zeit- und Platzbedarf zum Fertigmachen für die Außenbordeinsätze, die Auslastung der Computer-Netze und der Toilette.” Letzteres hat durchaus einen Beigeschmack für Osburg, denn als Bordingenieur war er auch zuständig für das Funktionieren aller Stationssysteme – einschließlich der Trockentoilette. Diese reichte entgegen der Hersteller-Angaben für sechs Personen nicht aus – was im Abschlussbericht sorgsam festgehalten wurde…
Ein wesentlicher Faktor ist die Raum- und Arbeitsaufteilung. Die getreidesiloartige Station erwies sich trotz der beengten Platzverhältnisse als recht praktikabel. Im unteren Stock gibt es neben der Luftschleuse ein Labor, einen technischen Bereich mit Werkzeugen, Dusche, Toilette und Umkleideraum für die „Raumanzüge” . Im Oberdeck liegt der Gemeinschaftsbereich mit Arbeitsplätzen und Küche. Außerdem hat jedes Besatzungsmitglied eine Kabine. „ Die ist nicht groß, aber geräumiger als beispielsweise auf einem kleinen Segelboot”, sagt Osburg. „Es muss eine Privatsphäre geben, damit die Gruppendynamik optimal ist. Es hat keinen Sinn, die Leute zusammenzupferchen wie einst auf den Auswandererschiffen. Überleben kann man so zwar schon, aber die Leistungsfähigkeit der Besatzung, von der ja der Missionserfolg abhängt, würde enorm darunter leiden.”
Überhaupt ist die Untersuchung der Gruppenprozesse ein wichtiger Aspekt des MDRS-Betriebs – und ging sogar in Osburgs Dissertation über bemannte Langzeitmissionen im All ein. Doktorvater war der Wissenschaftsastronaut Ernst Messerschmid, Professor für Luft- und Raumfahrttechnik an der Universität Stuttgart und Leiter des Europäischen Astronautenzentrums in Köln-Porz. Er ist auch das prominenteste Mitglied der Mars Society – aber keine Ausnahme. „Ein Drittel unserer 180 Mitglieder sind in Wissenschaft und Raumfahrt tätig, ein weiteres Drittel studiert”, sagt Sven Knuth, Pressesprecher der deutschen Sektion der Mars Society. „Das Durchschnittsalter ist 25.” Neben einer Landung von Menschen auf dem Mars hat die Mars Society auch bescheidenere – und dennoch hochfliegende – Pläne. „Wir arbeiten bereits an Archimedes”, sagt Knuth. Der Name steht für „Aerial Robot Carrying High-resolution Imaging, a Magnetometric Experiment and Direct Environmental Sensing instruments”. Es handelt sich um einen Ballon, der bei einer geplanten europäischen Mars-Mission im Jahr 2007 zum Roten Planeten gebracht werden könnte. Er wäre eine Bereicherung, da er Messungen ermöglicht, die ein Rover auf der Oberfläche oder ein Satellit im Orbit nicht machen kann.
Inzwischen haben sich über 100 Mars-Enthusiasten in der MDRS für jeweils eine Woche bis einen Monat aufgehalten. Viele arbeiten – zum Teil bei der NASA – in der Raumfahrt, Planetenkunde, Geologie, Mikrobiologie oder Astrobiologie. Nützlicher Nebeneffekt: Die Feldforschungen in Utah helfen bei der Kartierung und Untersuchung des Geländes. „Das hat sich vor uns noch niemand so genau angeschaut”, sagt Osburg. Sogar versteinerte Dinosaurierknochen wurden entdeckt. „Unsere mehrstündigen täglichen Außenbordaktivitäten haben auch gezeigt, dass man sehr autonom sein muss.” Da die MDRS nur über Satelliten-Internet mit dem „Kontrollzentrum” in Kontakt war und E-Mails frühestens in 10 oder 20 Minuten beantwortet wurden, war die Kommunikation ähnlich zeitraubend, wie sie es einmal zwischen Erde und Mars sein wird. Je nach Stellung der Planeten brauchen Funksignale 6 bis 44 Minuten hin und zurück. „Das ist ein grundsätzlicher Unterschied zu Operationen im Erdorbit.”
MDRS ist nicht das einzige MARS-Projekt (Mars Analog Research Station). Auf Devon Island in der kanadischen Arktis betreibt die Mars Society schon seit Sommer 2000 ein ähnliches Modell. Zwei weitere Stationen werden wohl nächstes Jahr in Island („Euromars” ) und im australischen Outback in Betrieb genommen. Die Erfahrungen werden sehr genau dokumentiert. Jeder Interessierte kann die täglichen Berichte im Internet verfolgen.
Robert Zubrin spart nicht mit großen Vergleichen: „Wir brauchen den Mars als einen Ort, an dem neues Denken entstehen kann. Früher war Amerika für Europäer ein solcher Ort. Das ist vorbei. Nun müssen wir den Menschen wieder eine Möglichkeit geben, sich eine eigene Welt zu erschaffen – eine Neue Welt.” Bis es so weit ist, spekuliert die Mars Society über die ersten Worte auf dem Mars. „Dieses Mal wollen wir es richtig machen”, schlug Fantasy-Bestsellerautor Terry Pratchett bei einem Wettbewerb vor. Lembit Öpik, Mitglied im Britischen Parlament, optiert für einen pathetischen Spruch: „Ich stehe hier nicht allein in dieser roten Wüste, sondern mit der ganzen Menschheit und allen, die zum Sternenhimmel schauen und träumen, ihn eines Tages zu berühren.” Einen anderen Einsender, Scott Beeler, plagen dagegen ganz irdische Befürchtungen. Er hört den ersten Marsonauten schon rufen: „Oh, Mist! Ich habe den Schlüssel im Schiff vergessen!”
KOMPAKT
• Im US-Bundesstaat Utah und in der kanadischen Arktis probt ein Verein von Weltraum-Enthusiasten den Aufenthalt auf dem Roten Planeten. Weitere Stationen in Australien und auf Island sollen bald folgen.
• Das Projekt dient zugleich der Forschung und der Öffentlichkeitsarbeit. • Für einen bemannten Mars-Flug gibt es inzwischen ausgereifte Pläne – doch bislang kein Geld.
Rüdiger Vaas





