Die Lösung des Sonnenrätsels - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
BDW PlusAstronomie & Physik
Die Lösung des Sonnenrätsels
Rund 100 Milliarden Sterne tummeln sich in der Milchstraße, doch nur einer ist uns so nah, dass wir ihn detailliert untersuchen können: die Sonne. Wenn wir sie nicht verstehen, verstehen wir auch die anderen Sterne nicht. Und das macht Sonnenforschern große Probleme: Vor 15 Jahren tauchte ein Rätsel zur Chemie der Sonne auf, nachdem zwei Messmethoden zu widersprüchlichen Modellen für ihren inneren Aufbau geführt hatten.
Sie haben noch 1 von 3 kostenlosen Artikeln übrig2/3
von THOMAS BÜHRKE
Rund 100 Milliarden Sterne tummeln sich in der Milchstraße, doch nur einer ist uns so nah, dass wir ihn detailliert untersuchen können: die Sonne. Wenn wir sie nicht verstehen, verstehen wir auch die anderen Sterne nicht. Und das macht Sonnenforschern große Probleme: Vor 15 Jahren tauchte ein Rätsel zur Chemie der Sonne auf, nachdem zwei Messmethoden zu widersprüchlichen Modellen für ihren inneren Aufbau geführt hatten.
Die klassische Methode beruht auf der Spektralanalyse: Man zerlegt das Sonnenlicht in seine Spektralfarben und findet darin die „Fingerabdrücke“ der chemischen Elemente in Form charakteristischer schwarzer Linien. Aus der Stärke dieser nach ihrem Mitentdecker Josef Fraunhofer benannten Linien ergeben sich die chemischen Häufigkeiten, die wiederum als Basisdaten in die Sonnenmodelle eingehen.
Eine andere Methode, nämlich die Möglichkeit, in die Sonne förmlich hineinzuhorchen, bietet die Helioseismologie: Sie beruht darauf, dass die auf- und absteigenden Gasmassen den gesamten Sonnenball zum Schwingen bringen – ähnlich wie ein mit Wasser gefüllter Ballon, den man anstößt. Die Analyse der vielen dabei auftretenden Schwingungsfrequenzen lässt ebenfalls auf das Innere der Sonne schließen.
Beide Methoden ergaben das folgende Modell für den solaren Aufbau: In dem äußeren schalenförmigen Bereich, der bis in eine Tiefe von etwa 500.000 Kilometern reicht, ist das Gas konvektiv, wie Physiker sagen: Unablässig steigen heiße Gasmassen zur Oberfläche auf, kühlen sich durch Strahlung ab und sinken wieder ins Innere zurück. Dieses Auf und Ab der Materie lässt sich ähnlich bei siedendem Wasser in einem Kochtopf beobachten. Auf der Sonnenoberfläche entsteht so ein Muster aus deutlich abgegrenzten Zellen, den Granulen. Der zentrale Bereich ist nicht konvektiv. Hier transportiert Strahlung die Energie von innen nach außen.
Qualitativ stimmten beide Methoden überein, aber im Detail führten sie zu unüberbrückbaren Differenzen (bdw 12/2008, „Die Sonnenkrise“). Das Modell der Spektralanalyse enthielt bis zu 30 Prozent weniger schwere Elemente, als die Helioseismologen berechneten. Das betraf insbesondere Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff. Und der Boden der Konvektionszone, die sogenannte Tachocline, sollte deutlich tiefer liegen als in den Helioseismologie-Modellen. Dieser Tiefenwert ist wichtig, weil dort das Magnetfeld der Sonne entsteht. Auch einige andere Details passten nicht zusammen.
Mehr aus Astronomie & Physik
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Astronomie & Physik.
Physiker könnten die seit 50 Jahren vorhergesagten Glueballs nachgewiesen haben – Gebilde aus Gluonen, den Trägerteilchen der starken Kernkraft.
Astronomie & Physik
Nie zuvor gesehene Struktur in einem Kristall entdeckt
13. August 2026
Physiker haben ein völlig neues Phänomen in einem ferroelektrischen Kristall entdeckt. Die Ladungen in ihm bildeten bei Abkühlung spontan ein Webmuster.
Wer lag also falsch – die Spektralanalytiker oder die Helioseismologen? Ein Team um Maria Bergemann vom Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg hat nun wohl des Rätsels Lösung gefunden: Die Helioseismologen haben recht.
Solare Gleichgewichtsstörung
Jahrzehntelang entwickelten Astrophysiker Modelle und Theorien, um aus Spektrallinien physikalische Größen der Sonne zu berechnen. Notgedrungen musste die Realität für die Modelle vereinfacht werden. So nahm man an, dass im solaren Inneren bestimmte Gleichgewichte herrschen: Druck und Gravitation sollten für ein hydrostatisches Gleichgewicht sorgen, Gasdruck und Strahlung sollten ein lokales thermodynamisches Gleichgewicht bilden.
Doch wegen der Konvektion kann von einem Gleichgewicht keine Rede sein. Außerdem kommt es in der Sonnenatmosphäre zu einer Vielzahl von Wechselwirkungen zwischen den Atomen untereinander sowie mit der Strahlung. Deswegen sind detaillierte Modelle nötig, um aus den gemessenen Spektrallinien die chemischen Häufigkeiten zu berechnen. Hierfür muss man das Paradigma des Gleichgewichts aufgeben.
Modelle, die auf ein lokales thermodynamisches Gleichgewicht verzichten (sogenannte Non-LTE-Modelle), wurden zwar bereits in den 1970er-Jahren entwickelt. Sie praktisch anzuwenden, ist jedoch erst vor etwa zwei Jahrzehnten mit dem Einsatz leistungsstarker Supercomputer möglich geworden.
Dies hat vor allem mit den unzähligen Anregungsniveaus der Atome und Moleküle zu tun. Allein für neutrales Eisen müssen mehr als 600 Niveaus, fast 8000 Niveauübergänge durch Strahlung und 39.000 durch Zusammenstöße mit anderen Atomen berücksichtigt werden. Anfangs waren die Modelle noch eindimensional, dann folgte eine Steigerung zu zweidimensionalen Rechnungen, bis kürzlich die Königsklasse der vollen dreidimensionalen Modelle möglich wurde. Nur mit ausgeklügelten effizienten Algorithmen kann ein Computer in vertretbarer Zeit solche Modelle berechnen.
Höherlegung der Tachocline
Die Heidelberger Forscherin Maria Bergemann ist eine Pionierin der 3D-non-LTE-Modelle, und ihre Mitarbeiterin Ekaterina Magg setzte sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit intensiv mit der Wechselwirkung zwischen Strahlung und Materie in der solaren Photosphäre auseinander. Das ist jene Schicht, aus der das meiste Licht abgestrahlt wird, und in der die chemischen Elemente die schwarzen Absorptionslinien im Sonnenspektrum erzeugen. Für die Analyse verwendeten die Forscherinnen ein vom Institut für Astrophysik und Geophysik der Universität Göttingen veröffentlichtes hochpräzises Sonnenspektrum.
Das Ergebnis lässt die früheren Diskrepanzen verschwinden. „Wir haben festgestellt, dass der Anteil an schwereren Elementen als Helium in der Sonne 26 Prozent höher liegt, als in früheren Studien behauptet“, erklärt Ekaterina Magg. Diese Ingredienzen machen zwar nur einige tausendstel Prozent aller Elemente in der Sonne aus, aber sie haben einen bedeutenden Einfluss auf deren innere Struktur.
Mit diesen aktualisierten Werten verschiebt sich die Tachocline in den helioseismologisch ermittelten Bereich. Darüber hinaus stimmt die neue chemische Zusammensetzung nun auch mit derjenigen von urtümlichen Meteoriten überein (bdw 4/2022, „Die große Lücke“), von denen man annimmt, dass sie der chemischen Zusammensetzung des frühen Sonnensystems entspricht – und damit auch der Sonne selbst.
Zwei Sonden im Sonnenanflug
Damit scheint das Sonnenrätsel gelöst zu sein. Aber unser Tagesgestirn birgt noch ein weiteres, an dem sich Forscher seit Jahrzehnten die Zähne ausbeißen: Warum ist die äußerste Atmosphärenschicht, die Korona, mehrere Millionen Grad heiß, während an der Oberfläche nur rund 6000 Grad Celsius herrschen? Das erscheint ebenso unmöglich wie das Erhitzen von Wasser auf 100 Grad auf einer Herdplatte mit bloß 10 Grad. Dieses Phänomen sollen jetzt zwei Raumsonden klären.
Der Solar Orbiter, eine Mission der europäischen Raumfahrtagentur ESA in Zusammenarbeit mit der NASA, die am 10. Februar 2020 startete, bewegt sich auf einer stark elliptischen Bahn um die Sonne. Dabei nähert sich die Raumsonde der solaren Oberfläche bis auf 0,28 Astronomische Einheiten. (1 AE entspricht der mittleren Entfernung der Erde von der Sonne, also 150 Millionen Kilometer; zum Vergleich: Merkurs mittlerer Sonnenabstand beträgt 0,38 AE.) Auf ihrer Bahn rast sie mehrmals dicht an der Venus vorbei (bdw 12/2021, „Vorstoß in die Hölle“). Dabei wird die Sonde immer weiter aus der Planetenbahnebene gelenkt, sodass sie in einigen Jahren erstmals auf die solaren Pole schauen kann.
Eine andere Sonde, die bereits am 12. August 2018 gestartete Parker Solar Probe der NASA, wird in die Korona eintauchen und bis auf neun Sonnenradien (0,04 AE) an die Sonne heranfliegen. Die erste Annäherung wird 2024 erfolgen. Die Raumsonde wurde nach dem Sonnenforscher Eugene N. Parker benannt, der den Begriff „solar wind“ („Sonnenwind“) geprägt hat. Er ist am 15. März 2022 verstorben.
Während beide Sonden die abströmenden Sonnenwindteilchen messen, liefert nur Solar Orbiter Aufnahmen in verschiedenen Energiebereichen und zum Teil in bislang unerreichter Auflösung. „Damit haben wir zum ersten Mal die Möglichkeit, mit mehreren Instrumenten gleichzeitig detailliert die verschiedenen Schichten der Atmosphäre von der Korona bis nahe an die Oberfläche zu beobachten“, freut sich Johann Hirzberger vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen (MPS). Unter der Leitung von MPS-Direktor Sami Solanki entstand der Polarimetric and Helioseismic Imager. Diese Spezialkamera macht Magnetfelder samt deren Richtung, Polarität und Stärke sichtbar. Außerdem ist das MPS an drei weiteren Instrumenten beteiligt.
Lagerfeuer als Heizquelle
Bei den bisherigen Sonnenpassagen sind die Wissenschaftler bereits auf eine Reihe unbekannter Phänomene gestoßen. Eines von ihnen, die sogenannten Campfire (Lagerfeuer), könnte ein weiteres Teil im Puzzle der rätselhaften Korona-Heizung sein. Das sind längliche, häufig gebogene Strukturen, die einige Dutzend bis 100 Sekunden lang aufleuchten und dann verschwinden. Sie sind bis zu 4000 Kilometer lang und wölben sich einige Tausend Kilometer in die Höhe.
„Nach unserer Analyse sind in jedem Moment viele Tausend Campfire auf der Sonne aktiv“, sagt Hirzberger. Die Mehrzahl der Campfire wird von bipolaren Magnetfeldern begleitet: Am einen Ende treten die Magnetfelder aus der Oberfläche heraus, am anderen tauchen sie ein. „Und wir haben gesehen, dass diese Felder binnen Minuten zerfallen können.“
Dies geschieht immer dann, wenn sich zwei Magnetfelder mit unterschiedlicher Polarisation in die Quere kommen. Dann neutralisieren sie sich, wobei die hierbei freigesetzte magnetische Energie elektrisch geladene Teilchen auf hohe Geschwindigkeiten beschleunigen kann. Von diesen kleinen Campfire ausgehend, strömen die Teilchen entlang von Feldlinien von der Sonne fort und können unter Umständen bis in die Korona vordringen und sie aufheizen.
Wenn dieses Szenario stimmt, wären die Campfire Miniversionen der riesigen Flares, die seit Langem auf der Sonne beobachtet werden. Die hierbei ausgestoßenen Teilchenströme können die Sonne verlassen und auf das Erdmagnetfeld treffen. Dort rufen sie prächtige Polarlichter hervor, führen mitunter aber auch zu elektrischen Störungen auf der Erde oder beschädigen Satelliten.
Die Campfire setzen zwar viel weniger Energie frei als die großen Flares, aber sie sind dafür sehr häufig. „Wir vermuten mittlerweile, dass es mehrere Ursachen für die heiße Korona gibt“, sagt Hirzberger.
Um den gesamten Energieeintrag der Campfire besser einschätzen zu können, hoffen die Forscher auf mehr Daten. Im Rahmen der bislang finanzierten Mission wird Solar Orbiter bis Ende 2026 zehn Mal in Sonnennähe gelangen und dabei nach und nach höher über die Planetenbahnebene aufsteigen. Wenn alles nach Plan verläuft und die Instrumente durchhalten, kann die Mission um weitere vier Jahre verlängert werden. Erst dann wird der Solar Orbiter die Maximalhöhe von 33 Grad über der Planetenbahnebene erreichen. Die wärmenden solaren Lagerfeuer wird er also noch viele Jahre im Visier haben.
Astronomie & Physik
Astronomen finden ersten „Black Hole Star“
13. August 2026
Astronomen haben im frühen Kosmos einen Zwitter aus Schwarzem Loch und Stern entdeckt: Er hat eine sternähnliche Hülle, aber ein Schwarzes Loch im Zentrum.
Astronomie & Physik
Himmelsschauspiel: Alles Wissenswerte zur Sonnenfinsternis
12. August 2026
Heute Abend können wir eine fast totale Sonnenfinsternis erleben. Wir geben Tipps zum Viewing und erklären die Hintergründe.