von RÜDIGER VAAS
Trotz enormer Anstrengungen und Mittel – Arbeitszeit, Geld, Technik, Rechenkapazitäten und so weiter – haben die Zahl und Rate fundamentaler neuer Einsichten abgenommen. Sie sind daher inzwischen selten geworden: bahnbrechende tiefe Einblicke in die Wirklichkeit, die unser Weltbild drastisch verändern oder erweitern. Solche wissenschaftlichen Revolutionen oder Paradigmenwechsel, wie der US-amerikanische Quantenphysiker und Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn sie genannt hat, sind zwar die Ausnahmen in der Grundlagenforschung, aber besonders einschneidend und relevant, weil sie gleichsam die Regeln umordnen.
Mit dem Beginn der modernen Naturwissenschaften spätestens im 17. Jahrhundert, mit immer raffinierteren Instrumenten, die vormals unbekannte Refugien erschließen halfen (vor allem Teleskope und Mikroskope), mit der experimentellen Methodik und der mathematischen Modellierung kam es zu einer ungeahnten und hinsichtlich der bald folgenden technischen Anwendungen auch ungeheuren Erkenntnisspirale. Das betraf zunächst hauptsächlich die Astronomie, Physik und Chemie, also Raum, Zeit, Energie und Materie, dann die Vielfalt, Evolution, zelluläre Organisation und Biochemie des Lebens sowie nicht zuletzt die Struktur und Funktion unserer Gehirne, die das alles zu verstehen versuchen.
Zu vielen dieser Aspekte sind zahlreiche grundlegende Fragen noch nicht beantwortet (BDW 2/2020, „Wo endet die Wissenschaft?“). Doch die etablierten Theorien und Ansichten hierzu wurden in den letzten Dekaden nur relativ geringfügig ergänzt und modifiziert. Metaphorisch ausgedrückt: Der Wissenszuwachs betraf die Details, nicht das Gemälde des großen Ganzen, obschon dessen Leinwand und Rahmen selbst noch unbekannt sind.
Vom Galopp ins Schneckentempo
Im 19. und 20. Jahrhundert erfolgten revolutionäre wissenschaftliche Fortschritte beinahe im Takt der Jahrzehnte. Die Horizonterweiterung ins Große, Kleine und Komplexe war enorm. Nur einige Stichworte: das elektromagnetische Spektrum von den Radio- bis zu den Gammastrahlen; das Periodensystem der chemischen Elemente, der Nachweis von Atomen und deren Bestandteilen sowie ihrer fundamentalen Kräfte; der Aufbau und die Entwicklung des expandierenden Urknall-Universums mit Myriaden Sternen und Planeten, Galaxien und Galaxienhaufen; der Mikrokosmos des Lebens (Bakterien, Archaeen, Viren und Viro-ide) und die Mechanismen der Vererbung, des Stoffwechsels sowie der natürlichen und sexuellen Evolution.
In der Physik wurden die nach wie vor besten und inzwischen vielfach fulminant bestätigten Theorien über die Raumzeit und Gravitation bereits 1905 bis 1917 entwickelt (die Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie), die über die grundlegenden Partikel und ihre Wechselwirkungen in den 1960er- und 1970er-Jahren (das Standardmodell der Elementarteilchen). Physiker haben zwar viele gute Gründe, nach bislang unbekannten Naturgesetzen jenseits dieser Theorien zu suchen, und sie tun das auch eifrig. Doch nichts dieser Art wurde entdeckt. Dabei haben sie eine Fülle alternativer, umfassenderer sowie mutmaßlich fundamentalerer Theorien formuliert. Aber keine davon hat sich in Experimenten und astronomischen Beobachtungen als überlegen oder gar als erforderlich erwiesen.





