Die kurze Antwort: Es kommt darauf an. Denn das hängt vom Modell ab.
Dass sich die Expansion des Weltraums eines Tages umkehren und der nachfolgende Kollaps zu einem „Endknall” führen könnte, hatte der russische Mathematiker Alexander Friedmann schon 1922 und 1924 aus der Allgemeinen Relativitätstheorie abgeleitet. So lag die Spekulation nahe, dass der Endknall zu einem neuen Urknall führen könnte und alles wieder von Neuem beginnt. Ein solches Phönix-Universum, das wie der mythische Urvogel aus seiner eigenen Asche wiederaufersteht, hat seine Rechnung jedoch ohne die Thermodynamik gemacht. Denn bereits 1934 konnte der amerikanische Kosmologe Richard Tolman zeigen, dass die Entropie (das Maß für die thermodynamische Unordnung) über die „Zyklen” der Urknall-Endknall-Urknall-…- Universen hinweg immer weiter zunehmen müsste (siehe Grafik „Ewige Wiederkehr?”). Mit anderen Worten: Jedes nachfolgende Universum hätte mehr Strahlung im Verhältnis zur Materie als sein Vorläufer. Damit würden sich aber die Zyklen immer weiter verlängern. Die Ewige Wiederkehr wäre nicht identisch – und womöglich nicht einmal ewig.
In der modernen Quantenkosmologie sind zyklische Modelle seit wenigen Jahren wieder in Mode gekommen. Und zwar sowohl in der Schleifen-Quantengravitation (bild der wissenschaft 6/2006, „Was war vor dem Urknall?”) als auch in der Stringtheorie (bild der wissenschaft 5/2002, „Ewige Wiederkehr”). Es ist unklar, ob Tolmans Einwand hier gilt – vermutlich jedoch nicht. Und wenn die Naturgesetze über die Urknall-Phasenübergänge hinweg konstant bleiben – und danach sieht es aus –, könnte sich alles wiederholen, auch die Entstehung der Erde, die Evolution des Lebens und sogar dieser Artikel.
Eine weitere entscheidende Frage: Existieren in der Natur unendlich viele Variationen, sodass eine exakt identische ewige Wiederkehr unmöglich ist? Vermutlich nicht. Denn der exzellent bestätigten Quantentheorie zufolge sind die Zustände der Materie nicht kontinuierlich. Und es gibt wohl auch keine beliebig kleinsten Einheiten von Raum und Zeit, sondern eine Art „körnige” Struktur – gleichsam Raum- und Zeit-„Atome” in der Größenordnung von 10–33 Zentimetern und 10–43 Sekunden. Das bedeutet jedoch: In einem endlichen Volumen kommt nur eine endliche Zahl von Materie-Konfigurationen vor. So wie es beispielsweise auf einem Schachbrett zwar eine riesige Menge verschiedener Partien gibt (rund 10120) – tatsächlich mehr als Atome im beobachtbaren All (ungefähr 1080) –, aber eben nicht unendlich viele. Ist das Universum aber unendlich im Raum und/oder in der Zeit, wird unweigerlich alles physikalisch Mögliche auch wirklich – und zwar unendlich oft. Alle Kombinationen wären also irgendwo und/oder irgendwann realisiert. Und nicht nur das, sondern auch exakte Doppelgänger von uns allen. Das ist eine irritierende Vorstellung. Doch dafür haben die Kosmologen George Ellis, Alexander Vilenkin und Jaume Garriga harte Argumente angeführt (bild der wissenschaft 9/2001 „Ewiges Leben im Universum”). Das Ganze lässt sich sogar in – freilich astronomisch großen – Zahlen quantifizieren: Sean M. Carroll und Jennifer Chen zufolge wiederholt sich unser Universum im Rahmen des „Recycling”-Modells durch kosmische Quantenfluktuationen alle etwa 1010 Jahre. Und Max Tegmark hat die Ewige Wiederkehr im Raum abgeschätzt, die unvermeidlich ist, selbst wenn es nur einen einzigen Urknall gab, der aber ein unendliches All hervorgebracht hat. Demnach ist der nächste Doppelgänger von Ihnen, lieber Leser, statistisch gesehen 1010 Meter entfernt, das nächste Doppelgänger-Volumen einer Kugel mit 100 Lichtjahren Radius (einschließlich einer exakten Doppelgänger-Erde) 1010 Meter und das nächste Doppelgänger-Universum, das so groß ist wie unser beobachtbares Volumen, 1010 Meter. Es ist also sehr unwahrscheinlich, dass wir einem Alter Ego jemals die Hand reichen können.





