Nicht nur Vielflieger und Weltenbummler kennen das Problem: Man steigt irgendwo außerhalb der vertrauten Mitteleuropäischen Zeit-Zone aus dem Flugzeug und muss mühsam die Uhr auf eine neue Zeit einstellen. Bisher waren nicht einmal Besitzer von Funkarmbanduhren von dieser lästigen Prozedur befreit, denn die verschiedenen Funkuhr-Sender arbeiten nicht kompatibel. Selbst das bisherige Non-plus-Ultra, eine Funkarmbanduhr mit vier verschiedenen Empfangssystemen, konnte keine wirklich globale Präzisionszeit garantieren.
Dies wird sich ändern: Im Rahmen des deutschen Experiments „ Global Transmission Services” (GTS) an Bord der International Space Station ISS soll demnächst ein einheitliches Synchronisationssignal für Funkuhren gesendet werden, das – zumindest theoretisch – mehr als 95 Prozent der Weltbevölkerung erreichen kann. Diese fast flächendeckende Verbreitung wird möglich, weil die ISS die Erde auf einer stark gegen den Äquator geneigten Bahn umrundet und dabei innerhalb von zwölf Stunden jeden Ort auf der Erdoberfläche zwischen rund 70 Grad nördlicher und südlicher Breite täglich sechs- bis siebenmal erreichen kann.
Herzstück des von Dr. Felix Huber am Steinbeis-Transferzentrum Raumfahrt in Stuttgart entwickelten und vom Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt DLR und der Europäischen Weltraumagentur ESA geförderten Experiments ist eine Elektronikeinheit, die im August mit einem russischen Progress-Transporter zur ISS gebracht wurde. Die notwendige Antenne – 40 Zentimeter groß mit einem Watt Sendeleistung – kreist schon seit mehr als zwei Jahren in der Umlaufbahn: Sie ist an der Außenhaut des russischen Servicemoduls Swesda montiert. Das „Nutzersegment”, der nur wenige Quadratmillimeter kleine Empfänger-Chip, wird zur Zeit von FORTIS Swiss Watches entwickelt und in „High-End”-Funkarmbanduhren eingebaut. Dabei wird die Antenne ins Zifferblatt integriert.
Doch bekanntlich ist des einen Freud des andern Leid: Während mit GTS für die Besitzer entsprechender Uhren demnächst offenbar goldene Zeiten anbrechen, dürfte der für manche zwielichtigen Gestalten äußerst lukrative Handel mit gestohlenen Luxus-Karossen bald an Reiz verlieren. Zu den GTS-Nutzungsmöglichkeiten gehört nämlich auch die ferngesteuerte Stilllegung von entwendeten Autos. Zwar haben die elektronischen Wegfahrsperren, die seit einigen Jahren in Neuwagen eingebaut werden, die Zahl der Diebstähle drastisch reduziert. Dafür rauben professionelle Autodiebe nun häufig gleich den Original-Zündschlüssel mit. Wenn das Fahrzeug allerdings mit einem kleinen Spezialchip ausgerüstet ist, kann es über ein entsprechend codiertes Signal, das über die GTS-Antenne an Bord der Raumstation ausgestrahlt wird, stillgelegt werden – ohne dass der augenblickliche Aufenthaltsort auch nur ungefähr bekannt ist. Die Entwicklung dieser Technik wird durch DaimlerChrysler gefördert. Darüber hinaus ließe sich durch eine Miniaturisierung des Empfängers ein Diebstahlschutz für kleinere Gegenstände wie teure Uhren oder Funktelefone entwickeln.
In den Chip lässt sich auch ein „Low-Energy-Sender” integrieren, der die Ortung eines vermissten Objekts auf etwa 100 Meter genau erlaubt. Dies macht das System für internationale Speditionen interessant, die den Einsatz ihrer zahlreichen Container verfolgen wollen. Solche Container sind oft mehrere Jahre in verschiedenster Mission unterwegs, ehe sie wieder zum Heimatstandort zurückkehren.
Wenn GTS, das jetzt für zwei Jahre erprobt wird, seinen Bewährungstest besteht, könnte es später auch genutzt werden, um weltweit vermisste Personen zu suchen.
Hermann-Michael Hahn





