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Die Herrschaft des Hofarztes
Archäologie

Die Herrschaft des Hofarztes

Johann Friedrich Struensee beim Schachspiel mit Königin Caroline Mathilde. Auf dem Sofa daneben lümmelt ihr Ehemann Christian VII. So bannte der Künstler Kristian Zahrtmann 1873 die Dreiecksbeziehung am dänischen Hof auf die Leinwand. Fine Art Images / Bridgeman Images

Als der Arzt Johann Friedrich Struensee vom dänischen Hof angeworben wurde, um den psychisch erkrankten König Christian VII. zu betreuen, konnte keiner ahnen, dass er schon bald die Regierungsgeschäfte übernehmen und eine intensive, wenn auch kurze Ära der Aufklärung einläuten würde.
Autor
Redaktion
20. März 2026
Lesezeit
10 Minuten
Rubrik
Archäologie
Als der Arzt Johann Friedrich Struensee vom dänischen Hof angeworben wurde, um den psychisch erkrankten König Christian VII. zu betreuen, konnte keiner ahnen, dass er schon bald die Regierungsgeschäfte übernehmen und eine intensive, wenn auch kurze Ära der Aufklärung einläuten würde.

Des Weiteren: eine Anweisung an die Kanzlei, welche vollständige Pressefreiheit in Kraft setzt, sodass Bücher ohne jede Form der Zensur gedruckt werden können.“ So schrieb es der 21-jährige König Christian VII. (reg. 1766–1808) eigenhändig bei einer Sitzung des Ministerrats auf ein loses Blatt Papier, zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Instruktionen. Als der Befehl zehn Tage später, am 14. September 1770, Gesetz wurde, war seine Regierung eine der ersten auf der Welt, die vollständige Pressefreiheit ausdrücklich erlaubte. Und das war nur der Anfang einer turbulenten Zeit in Dänemark-Norwegen.

Hinter dieser schier unglaublichen Reform steckte aber weder der König noch einer seiner Minister, sondern sein Leibarzt Johann Friedrich Struensee (1737–1772), der gemeinsam mit dem König der Sitzung beiwohnte. Struensee schickte sich in diesen Tagen an, die Staatsgeschäfte vollständig zu übernehmen, während er private Stunden vermutlich damit zubrachte, ein Kind mit Königin Caroline Mathilde (reg. 1766–1772) zu zeugen. Innerhalb eines Jahres sollte er Dänemark-Norwegen auf den Kopf stellen und Gesetze erlassen, die in dem autoritär regierten Land kurz zuvor noch völlig undenkbar gewesen wären.

Johann Friedrich Struensee, Sohn des bekannten pietistischen Predigers Adam Struensee, hatte sich im norddeutschen Altona als Experte für Seuchenprävention einen Namen gemacht. Altona war Mitte des 18. Jahrhunderts eine kosmopolitische Stadt, in der sich Dissidenten sammelten und in der deutsche und dänische Intellektuelle in stetigem Austausch standen. Struensee war Teil des weitläufigen Netzwerks norddeutscher Aufklärer und Mitherausgeber einer progressiven Zeitschrift. Sein Freundes- und Bekanntenkreis umfasste Autoren, Verleger, Mediziner, Anwälte und dänische Offiziere.

Letztere brachten ihn in Kopenhagen ins Gespräch, als sich der Hof daranmachte, eine ausgedehnte Europareise anzutreten. Struensee war schon deshalb eine naheliegende Wahl als königlicher Leibarzt, weil sein Großvater mütterlicherseits, der radikale Pietist Johann Samuel Carl (1677–1757), dieses Amt früher ebenfalls innegehabt hatte – bis er wegen seiner Schriften entlassen worden war. Zudem galt Struensee in Altona als Meister seines Fachs.

Der Ministerrat, der in Kopenhagen alle politischen Entscheidungen traf, befand sich Ende der 1760er Jahre in einer schwierigen Situation. Der 1766 verstorbene Friedrich V. hatte seine Zeit bevorzugt mit Jagd und Alkoholkonsum zugebracht, ohne sich für die Regierungsgeschäfte zu interessieren; sein Sohn Christian VII. mischte sich zwar auch nicht in die Arbeit des Ministerrates ein, sorgte dafür aber auf andere Weise für Probleme: Spätestens seit er mit Königin Caroline Mathilde einen Thronfolger gezeugt hatte, kümmerte er sich nicht mehr um seine Gemahlin, sondern bevorzugte die Gesellschaft einer Prostituierten, die unter dem Namen Stiefel-Katherine bekannt war. Gemeinsam mit ihr bezog er eine Wohnung in der Stadt, durchstreifte zechend das nächtliche Kopenhagen und frequentierte Bordelle.

Zu diesem öffentlichen Ärgernis für den Hof kam die psychische Erkrankung des Königs: Es war nicht lange her, da galt Christian als aufgeweckter Kopf, als Hoffnung der Aufklärer seines Königreichs, doch inzwischen neigte er zu Wutausbrüchen, zerschlug Möbel im Palast und gelangte zu der Überzeugung, er sei ein „Wechselbalg“. Der Ministerrat versuchte, die paranoiden Vorstellungen und den Lebenswandel des Monarchen zu ändern, indem er Stiefel-Katherine verbannte und die Europareise des Hofes in Angriff nahm, die sich Christian ausdrücklich gewünscht hatte. Speziell um den mentalen Zustand des Königs während der Reise zu kontrollieren, wurde ein Arzt angeheuert: Johann Friedrich Struensee.

Der Aufklärer gewinnt schnell das Vertrauen des Königs – und baut seinen Machtbereich aus

Sollte Christian Vorbehalte gehabt haben, so wurde er schnell eines Besseren belehrt. Struensee war ihm sympathisch, seine entspannte Art gefiel ihm, und so bat er ihn, auch über die Reise hinaus sein Leibarzt zu bleiben. Struensee nahm das Angebot an und begleitete den König Anfang 1769 nach Kopenhagen. Dort blieb er zunächst auf Abstand zu Politik und Palastintrigen, erkannte jedoch rasch, dass ihm das gute Verhältnis zum König enorme Möglichkeiten eröffnete.

Auch der Königin kam er schnell näher – eine Beziehung, die sich zur Liebesaffäre entwickelte und aus der wohl auch Prinzessin Louise Augusta hervorging. Bald wusste es der ganze Hof, aber den König kümmerte es nicht, und auch die Freundschaft zu Struensee litt nicht darunter. Vielleicht war Christian anfangs sogar an dessen Machtergreifung beteiligt. Schließlich war er durchaus ein Unterstützer aufklärerischer Ideen.

Struensee erkannte, dass er das absolutistische Dänemark-Norwegen, wo derzeit die repressivsten Gesetze in Europa galten, in einen Vorreiter der Aufklärung verwandeln konnte. Dafür musste er allerdings den Ministerrat mithilfe des Königs umgehen und letztlich ausschalten. Bei diesem Vorhaben erhielt er Unterstützung von Offizieren, die er teilweise bereits aus Altona kannte. Sie standen dem Ministerrat schon seit Jahren kritisch gegenüber, weil dieser die Interessen des Landadels schützte und damit eine grundlegende Militärreform nach preußischem Vorbild verhinderte. Sie sahen sich politisch an den Rand gedrängt und erkannten in Struensee ihre Chance.

Und Struensee handelte. Jener 4. September 1770, an dem der König seinen Ministern die handschriftliche Notiz vorlegte, kam einem Startschuss gleich. Gemeinsam mit der Pressefreiheit wurde auch ein Gesetz erlassen, das Beförderungen und Ämtervergabe nur auf Basis von Leistung, nicht von Stand und Adelstitel, verlangte. Einen Tag darauf wurde Staatsminister Johann Hartwig Ernst von Bernstorff (1712–1772), die zentrale Figur des Ministerrates, entlassen, der Rat selbst zuerst umgebaut und zwei Monate später gänzlich aufgelöst.

Reformen im Eiltempo: Struensee modernisiert Dänemark

Von nun an regierte Struensee. Im Rang eines maître des requêtes (deutsch: Requetenmeister) legte er dem König ein Gesetz nach dem anderen vor. Christian unterschrieb, und sein Hofarzt wurde praktisch zum Alleinherrscher. Im ersten halben Jahr seiner Herrschaft verfügte er unter anderem (in chronologischer Reihenfolge): die Einrichtung eines Heims für arme Kinder und Waisen, den Baustopp einer teuren Kirche, Nachforschungen zum Nutzen der Folter (den er bezweifelte), das Verbot einer Freistellung von geltendem Recht, das Verbot willkürlicher Razzien durch den Zoll, die Einrichtung einer staatlichen Lotterie, das Verbot der Ämtervergabe an Lakaien, die zentrale Regelung des Frondienstes (womit diese Aufgabe dem Landadel entzogen wurde), die Abschaffung der Todesstrafe für Diebstahl, den Umbau der Kopenhagener Verwaltung, das Verbot der Bestattung in Kirchen, das Verbot der Berücksichtigung von Religionszugehörigkeit bei der Verleihung akademischer Ehren, die Auflösung der Königlichen Reitergarde und die Lockerung der Moralgesetze.

Unterdessen führte die neue Pressefreiheit zu einer Flut von Veröffentlichungen. Zahlreiche Autoren erschienen auf der Bildfläche, die, meist unter Pseudonym, Pamphlete zu allen erdenklichen Themen verfassten – von der Rolle Norwegens im Reich über die Frage der Fronarbeit bis hin zu antisemitischen Verschwörungstheorien. Struensees Regierung wurde von den Autoren gelobt, womit sich der Pamphletmarkt zu einer wichtigen Stütze seiner Herrschaft entwickelte. Doch so sollte es nicht bleiben: Nachdem ein Jahr ins Land gegangen war, hatte sich in Kopenhagen der Wind gedreht.

Schon im Frühling hatten Gerüchte um Struensees Affäre mit der Königin die breite Bevölkerung erreicht und durchdrangen den Pamphletmarkt. Viele seiner Reformen wurden nun im Licht dieser Liebesbeziehung gesehen – vor allem die Lockerung der Sittengesetze, aber auch die Öffnung des königlichen Parks für die Öffentlichkeit, wo sich seitdem regelmäßig viele Paare zum Sex trafen. Der Hof unter der Ägide Struensees verderbe die Moral der ganzen Stadt, hieß es, und erste Attacken auf den Hofarzt und die Königin kursierten in der Presse, auch wenn die Autoren Namensnennungen vermieden.

Während der Hof anlässlich von Louise Augustas Geburt eine Feier im königlichen Garten veranstaltete, verließen in der Stadt Kirchenbesucher in Scharen aus Protest die Gottesdienste, als die Neuigkeit von den Pfarrern verlesen wurde, denn alle waren vermutlich zu Recht davon überzeugt, dass die Prinzessin Struensees Tochter war.

Noch ließ sich dieser nicht verunsichern: Am 14. Juli 1771 machte er sich offiziell zum Kabinettsmitglied und am 22. Juli zum Grafen. Außerdem verfügte er, dass die Ministerien von nun an nicht mehr untereinander kommunizieren durften, sondern dass alle Angelegenheiten zuerst auf seinem Schreibtisch landen mussten. Diese Festigung und Erweiterung seiner Macht wurde von der Bevölkerung schlecht aufgenommen. Ihm wurde Gier unterstellt, und bald tauchten Verschwörungstheorien auf: Struensee und die Königin planten, Christian zu ermorden, um das Reich gänzlich ungehindert zu zweit regieren zu können, so erzählte man sich in Kopenhagen.

Unterdessen verlor der Reformprozess nicht an Geschwindigkeit: Am 11. Juli fielen alle Handelsbeschränkungen innerhalb des Reichs, am 21. Juli wurde die Gründung eines Hilfssystems für Witwen bekannt gegeben und am 23. Juli eine Vereinfachung der Zollgesetze erlassen. Im September folgte das Verbot der eigenmächtigen Weitervergabe von Ämtern durch die Amtsträger selbst und im November die Abschaffung der Folter.

All das konnte nicht verhindern, dass in der Öffentlichkeit zunehmend schlecht über Struensee gesprochen wurde. Vor allem entlassene Schreiber machten ihrem Ärger auf die Regierung Luft. Erstmals wurde auch über den geistigen Zustand des Königs geschrieben. Es waren allerdings weder entrüstete Bürger noch Pamphletschreiber, die Struensee zu Fall brachten, sondern eine Verschwörung von Aristokraten und Offizieren, deren Karrieren in den vergangenen Monaten gelitten hatten – unter ihnen auch einstmalige Verbündete Struensees –, sowie der Witwe Friedrichs V., Juliane Marie von Braunschweig-Wolfenbüttel (1729–1796), und ihres Sohnes Prinz Frederik.

Die gekränkten Eliten planen den Sturz des Leibarztes

Besonders Juliane drang auf einen schnellen Coup gegen Struensee und die Königin, da sie Gerüchten Glauben schenkte, die beiden würden schon bald Christian beseitigen und offiziell gemeinsam das Königreich übernehmen. Anfang Januar 1772 begannen Offiziere damit, eine Palastrevolte zu organisieren. Die Nacht vom 16. auf den 17. Januar sollte die Herrschaft des Hofarztes beenden. Bei einem Maskenball tanzten Opfer und Verschwörer gemeinsam, bewacht von einem Regiment, das aufseiten der Putschisten stand.

Als die Nacht hereinbrach und die Nichtsahnenden zu Bett gegangen waren, drangen die Verschwörer in die Gemächer des Königs ein und zwangen Christian dazu, eine Reihe von Haftbefehlen zu unterschreiben. Anschließend wurden Struensee, die Königin und mehrere Gefolgsleute aus dem Schlaf gerissen und inhaftiert – Struensee im Kastell von Kopenhagen und Caroline auf Schloss Kronborg im wenige Stunden entfernten Helsingør.

Als der Tag anbrach, verbreitete sich schnell die Neuigkeit, dass im Palast etwas vorgefallen sein musste, aber verlässliche Informationen waren nicht zu bekommen. Unsicherheit erfasste die Hauptstadt. Dann präsentierten die siegreichen Verschwörer den König auf einem Balkon des Palastes und fuhren ihn anschließend mit einer Kutsche durch die Stadt. Ihre Botschaft: Die Ordnung war wiederhergestellt; die Ermordung des Königs war abgewendet worden.

Am Abend brach Gewalt in der Stadt aus. Matrosen zerstörten ein kurz vor der Eröffnung stehendes Hotel, von dem Gerüchte kursierten, Struensee habe es als Edelbordell betreiben wollen. Anschließend fiel die Meute über die Bordelle der Stadt her. Prostituierte wurden auf die Straße gezerrt, vergewaltigt und teilweise skalpiert. Im Hintergrund standen wohl Verschwörungstheorien um Struensee und den Hof, aber die genauen Beweggründe blieben auch für die schockierten Städter ein Rätsel.

Zehntausende sehen zu, als Struensee brutal hingerichtet wird

Die neuen Machthaber hinter dem König wiesen die Pfarrer des Landes an, in den Gottesdiensten für den Coup zu danken – denn Gott habe Juliane und ihren Sohn auserwählt, um den satanischen Struensee und seine Schergen zu bezwingen. Bekannte und angesehene Kleriker sollten außerdem Pamphlete mit derselben Botschaft verfassen. Die Öffentlichkeit wurde nun vollends gegen Struensee aufgebracht. Gleichzeitig herrschte bei den aktivsten Pamphletschreibern Verunsicherung. Hatten sie nun mit Verfolgung zu rechnen? Die Anzahl der Veröffentlichungen nahm unterdessen weiter zu. Jeder wollte wissen, was sich im Palast zugetragen hatte. Die Interpretationen der meisten Autoren folgten – teilweise wohl auch aus Angst – der offiziellen Darstellung.

Struensees Reformen wurden von dem neu gegründeten Ministerrat unter dem Vorsitz von Prinz Frederik größtenteils zurückgenommen. Ove Jørgensen Høegh-Guldberg, der Hauslehrer von Prinz Frederik, nahm dabei eine zentrale Rolle ein und verfügte bald über die gleiche Machtfülle wie Struensee vor ihm. Er sollte sie bis 1784 behalten.

Der gefallene Herrscher Dänemarks wurde angeklagt, mittels Folter zu Geständnissen gezwungen und anschließend zum Tode verurteilt. Gemeinsam mit seinem engsten Gefolgsmann Enevold Brandt wurde ihm vor 40 000 Zuschauern zuerst die rechte Hand und dann der Kopf abgeschlagen. Ein ähnliches Schicksal hätte sich Juliane auch für Königin Caroline Mathilde gewünscht, aber dem stand entgegen, dass deren Bruder, Georg III., König von Großbritannien und Irland war. Die Ehe mit Christian wurde geschieden, und Georg sorgte dafür, dass seine Schwester nach Celle im Königreich Hannover gebracht wurde.

Außer Brandt wurden die Gefolgsleute Struensees freigesprochen und anschließend in abgelegene Teile des Reiches verbannt. Aufklärer in ganz Europa reagierten bestürzt auf die Ereignisse in Dänemark – ebenso wie König Christian, der sich von den Verschwörern keinesfalls gerettet fühlte.

Im Herbst 1773 vervollständigte der Ministerrat seine Restaurationsbemühungen mit dem Verbot der Pressefreiheit. Das Erbe der kurzen Ära Struensee war damit fast gänzlich getilgt worden.

Geschichte zum Hören

Zum Thema dieses Artikels gibt es auch einen Podcast!
Näheres dazu unter: www.damals.de

Autor: Dr. David Neuhäuser

arbeitet als Historiker und freier Journalist. Er ist einer der beiden Moderatoren des DAMALS-Podcasts.

Literatur

Ulrik Langen/Frederik Stjernfelt, The World’s First Full Press Freedom. The Radical Experiment of Denmark-Norway 1770–1773. Berlin/Boston 2022.
Sergio Ospazi, Der Struensee-Komplex. Johann Friedrich Struensee in historischen, literarischen und filmischen Zeugnissen. München 2018.

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