In den frühen Morgenstunden des 20. Juni 1837 fuhr eine Kutsche vor Kensington Palace vor, und zwei distinguierte Herren eilten im ersten Sonnenlicht dieses Sommertages die Stufen empor: William Howley, der Erzbischof von Canterbury, und Francis Conyngham, der Lord Chamberlain of the Household, der leitende Beamte des britischen Königshofes. Bedienstete führten sie in den sitting room, das Wohnzimmer jener Bewohnerin des Palastes, welcher der Besuch galt. Nach wenigen Minuten trat die in ihren Morgenmantel gekleidete Prinzessin Alexandrina Victoria von Kent ein.
Der Anlass der frühmorgendlichen Zusammenkunft dürfte für die junge Frau, die erst vier Wochen zuvor ihren 18. Geburtstag gefeiert hatte, nicht völlig überraschend gekommen sein. Und doch wurde ihr wohl erst in diesem Moment bewusst, wie sehr sich ihr Leben jetzt ändern sollte – als die Gentlemen vor ihr niederknieten und ihr eine gänzlich ungewohnte Anrede entgegenhauchten: „Your Majesty!“
Kurz zuvor, zwölf Minuten nach zwei Uhr in der Nacht, war der seit 1830 regierende Wilhelm IV. gestorben. An erster Stelle in der britischen Thronfolge stand nun die Nichte des Königs (er hatte keine legitimen Kinder): die Tochter des verstorbenen Edwards von Kent. An zweiter Stelle folgte Edwards jüngerer Bruder Ernst August. Unterschiedliche Erbfolgeregelungen führten zur Trennung der seit 1714 bestehenden Personalunion mit Hannover. Eine Frau war dort als Erbin nicht zugelassen. Die hannoversche Krone ging daher an Ernst August. Das Vereinigte Königreich, eine aufsteigende Weltmacht und die führende Industrienation, hatte jetzt ein junges Staatsoberhaupt. Und dieses war – für die Zeitgenossen geradezu sensationell – eine Frau.
Die Prinzessin emanzipiert sich von der Kontrolle durch ihr Umfeld
Für Königin Viktoria war die Thronfolge eine lange ersehnte persönliche Unabhängigkeitserklärung. In ihrem Tagebuch unterstrich sie bei der Schilderung des morgendlichen Besuchs das Wort „alone“. Sie hatte die beiden Würdenträger allein empfangen, ohne die bis dahin übliche Begleitung durch ihre Mutter Victoire, die Fürstin von Leiningen, eine Hofdame oder – das größte Übel für Prinzessin Victoria – durch Sir John Conroy, den nach Macht und Einfluss gierenden „Berater“ (ein Begriff, der wahrscheinlich sehr weit interpretiert werden kann) ihrer Mutter.
Als Königin konnte Viktoria das repressive „System Kensington“, das Victoire und Conroy geschaffen hatten und das ihre Kindheit und Jugend geprägt hatte, hinter sich lassen. Die Entschlossenheit, mit der die 18-Jährige ihre bisherige Welt inklusive ihres Namens – „Alexandrina“ verschwand nach wenigen Tagen aus Signaturen und Korrespondenzen, sie war nun schlicht „Victoria“ – ad acta legte, gab einen Eindruck von der Willenskraft der von Statur her (sie war kaum 1,50 Meter groß) kleinen Persönlichkeit.
Ähnlich ausgeprägt war ihr Pflichtgefühl. Sie hatte keine profunde, für ein Mädchen der Epoche aber immerhin respektable Erziehung durch Hauslehrer genossen, und die englische Geschichte sowie die Verfassung des Vereinigten Königreichs waren Schwerpunkte und ihre Lieblingsfächer gewesen. Die vor ihr liegende Aufgabe erschreckte die junge Frau, die bislang keinerlei offizielle Funktionen innegehabt oder politisch relevante öffentliche Auftritte absolviert hatte, nicht. Noch an jenem schicksalhaften Junitag vertraute sie ihrem Tagebuch an: „Da es die Vorsehung gewollt hat, mich in diese Position zu versetzen, werde ich mein Bestes tun, um meine Pflicht gegenüber meinem Land zu erfüllen. Ich bin noch sehr jung und vielleicht in vielen, wenn auch nicht in allen Dingen unerfahren, aber ich bin mir sicher, dass nur sehr wenige mehr guten Willen und mehr echtes Verlangen haben, das Richtige zu tun, als ich.“
Zehn Tage nach ihrer Thronbesteigung schrieb sie ihrem Cousin, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, den sie zwei Jahre später heiraten sollte: „Ich habe so viele Mitteilungen von den Ministern und von mir an sie, und ich muss jeden Tag so viele Papiere unterschreiben, dass ich immer sehr viel Arbeit zu erledigen habe.“ Sie resümierte: „Diese Arbeit macht mir große Freude.“ In diesen ersten Tagen gab sie erneut ein Versprechen ab, das sie schon als junges Mädchen zu Papier gebracht hatte: „I will be good!“
Die neue Königin stand an der Spitze einer konstitutionellen Monarchie. Sie hatte in den berühmten Worten des Autors Walter Bagehot, Verfasser des 1867 erschienenen Werks „The English Constitution“, „das Recht, konsultiert zu werden, das Recht, zu ermutigen, das Recht, zu warnen“. Die eigentliche Macht lag beim Premierminister und seinem Kabinett, die wiederum vom Parlament und hier besonders vom House of Commons, dem Unterhaus, abhängig waren.
In diesem debattierten und stritten im Wesentlichen zwei Parteien. Die Tories (die Bezeichnung bleibt für die heutige Konservative Partei in Gebrauch) waren die Vertreter eher traditioneller Werte und Denkweisen, die Whigs sahen sich als die fortschrittlichere Kraft im politischen System. Aus den Whigs und kleineren politischen Strömungen bildete sich in den 1850er Jahren die Liberale Partei, die bis ins frühe 20. Jahrhundert eine wesentliche politische Größe war, dann aber überwiegend zugunsten der jungen Labour Party verkümmerte.
Sowohl bei den Tories als auch bei den Whigs dominierten Adel (der höhere Adel saß im House of Lords), Geldadel und neues Geld. Im Parlament waren die besitzenden Eliten vertreten wie vor allem die landed gentry, die wohlhabenden Landbesitzer. In zunehmendem Maße zogen auch Vertreter des Besitzbürgertums in das Unterhaus ein. Die überkommene Verteilung der Wahlkreise hatte schon lange nicht mehr mit den demographischen Entwicklungen des beginnenden Industriezeitalters Schritt gehalten. Ländliche, oft dünn besiedelte Regionen entsandten die überwiegende Mehrheit an Abgeordneten, die massiv expandierenden Städte waren kaum vertreten.
Revolutionäre Kräfte sollen im Zaum gehalten werden
Was die meisten Politiker, ob Tories oder Whigs, vereinte, war die Sorge vor allzu schneller Veränderung und damit, so sahen es die Honourable Members of Parliament, vor Revolte, Umsturz und Chaos. Wandel, oft hektischer, vielleicht auch bedrohlicher Wandel war eine Grundkonstante des Lebensgefühls im viktorianischen Zeitalter und auch schon in den Jahren kurz zuvor.
Die Befürchtungen konservativer Kräfte vor zu viel „Demokratie“ – der Begriff galt vielen als ein Schimpfwort – hatte gerade in den 1830er Jahren Auftrieb erhalten. Die gröbsten Missstände des bisherigen Wahlsystems hatte der „Reform Act“ von 1832 zu beseitigen gesucht. Mit dem von den Tories erbittert bekämpften Gesetz wurden die Wahlkreise neu strukturiert und rotten boroughs mit extrem geringer Bevölkerung zugunsten urbaner Wahldistrikte aufgelöst. Durch Senkung der Anforderungen an persönlichen Besitz bekamen mehr Briten – ausschließlich Männer – das Wahlrecht: Rund 800 000 von ihnen, jeder Siebte der männlichen Bevölkerung, konnten nun wählen.
Die Reform von 1832 konnte dem Streben einer steigenden und in wesentlichen demographischen Schichten zunehmend professionalisierten, gebildeten und ambitionierten Bevölkerung nach Beteiligung am politischen Gestaltungsprozess auf Dauer nicht genügen. „Reform“ blieb über das gesamte verbleibende Jahrhundert ein konstanter Begriff im öffentlichen Diskurs.
Der „Second Reform Act“ von 1867 weitete das Wahlrecht weiter aus. Nun konnte jeder männliche Haushaltsvorstand wählen; insgesamt waren jetzt rund 2,5 Millionen Briten wahlberechtigt. Das Gesetz war auch ein Musterbeispiel dafür, dass in lebendigen Demokratien gelegentlich Undank der Wähler Lohn ist: Dem wesentlichen Motor der Reform, dem eine erste (kurze) Amtszeit als Premierminister absolvierenden Benjamin Disraeli, setzten die nunmehr zahlreichen Wähler in Ausübung ihres oft neu erworbenen Wahlrechts bei der Wahl im November und Dezember 1868 quasi den Stuhl vor die Haustür vom Regierungssitz in 10 Downing Street.
Das Wahlrecht musste nicht nur einer wachsenden Erwartungshaltung der Menschen gerecht werden, sondern auch der stürmischen demographischen Entwicklung im viktorianischen Zeitalter. Zum Zeitpunkt des „Reform Act“ von 1832 lebten rund 24 Millionen Menschen im Vereinigten Königreich; 1841 waren es rund 27 Millionen. Als Viktoria gekrönt wurde, hatte sich die Bevölkerungszahl auf den Britischen Inseln gegenüber 1783 verdoppelt – kein Land auf dem europäischen Kontinent hatte derartige Wachstumszahlen zu verzeichnen.
Neben weiteren kleineren Reformen war es schließlich der „Representation of the People Act“ von 1884, auch bekannt als „Third Reform Act“, der das Wahlrecht im Vereinigten Königreich erheblich erweiterte. Dieses Gesetz schuf ein einheitliches Wahlsystem, weitete die Rechte auf die meisten männlichen Arbeiter in ländlichen Gebieten aus und gab etwa zwei Dritteln der erwachsenen Männer das Wahlrecht. Frauen blieben weiterhin ausgeschlossen.
Frauen sind vom Stimmrecht noch weit entfernt
Mit dem Gesetz von 1884 wurde das heutige britische System geschaffen, in dem jeder Wahlkreis durch einen Abgeordneten oder eine Abgeordnete im Unterhaus vertreten ist: one man, one vote. Frauen bekamen in Großbritannien bei Parlamentswahlen erst 1918 das Stimmrecht – sofern sie 30 Jahre alt waren und bestimmte Anforderungen an Besitz erfüllten. Das gleiche uneingeschränkte Wahlrecht wie Männer erlangten die britischen Frauen sogar erst 1928.
Die Erkenntnis, in einem reformfähigen und in Etappen auch reformwilligen System sowie in einer im Vergleich zu anderen europäischen Großmächten relativ freiheitlichen Gesellschaftsordnung zu leben – vor allem gegenüber den weithin als Despotien betrachteten Polizeistaaten Russland, Österreich und Preußen –, trug entscheidend dazu bei, dass radikale Strömungen im Vereinigten Königreich über weite Strecken der viktorianischen Epoche wenig Zulauf hatten. Gegen revolutionäre Umwälzungen zeigte sich die britische Demokratie praktisch immun.
Die größte Gefahr schien den Etablierten in dieser Ära noch am ehesten von den Chartisten auszugehen, der ersten radikalen Massenbewegung der britischen Geschichte. Die primär aus der Arbeiterklasse hervorgehende Bewegung entstand vor allem aus Enttäuschung darüber, dass den Arbeitern im „Reform Act“ von 1832 das Wahlrecht verwehrt geblieben war. Ihren Namen erhielt die Bewegung aus der „People’s Charter“ von 1838, die auf einer großen Versammlung, einem Parteitag ähnlich, in London 1839 bestätigt wurde. Zu den Programmpunkten zählten neben einer Erweiterung des Wahlrechts unter anderem auch die Forderungen nach Bildung von Gewerkschaften und nach Arbeitszeitverkürzung. Eine Petition mit diesen Zielen, zu deren Unterstützung die Chartisten rund eine Million Unterschriften gesammelt hatten, wurde im Juli 1839 im Unterhaus mit deutlicher Mehrheit zurückgewiesen.
Die radikalen Strömungen innerhalb des Chartismus strebten nach gewaltsamer Rebellion. So kam es zum als Newport Rising bekannt gewordenen Aufstand vom 4. November 1839 in der gleichnamigen walisischen Stadt. Er wurde vom Militär niedergeschlagen. Zwischen 14 und 22 Chartisten sollen dabei getötet worden sein.
Vor allem die Forderungen der Chartisten nach Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und ihren Familien, also der Bevölkerungsmehrheit, stieß verschiedentlich auch auf Verständnis bei Angehörigen der Eliten, denen das Reformtempo des Parlaments und der wechselnden Kabinette zu langsam war.
„Hungernde Menschen können nicht warten“
Der für einen Mann seiner Herkunft und Profession weit links stehende General Charles Napier, der den nördlichen Bezirk der britischen Armee befehligte und der die expandierende Industriemetropole Manchester als „Schornstein der Welt“ und „Eingang zu einer Realität gewordenen Hölle“ bezeichnet hatte, fand auch für die gesellschaftspolitische Dynamik um 1840 und den Einsatz seiner Soldaten gegen Demonstranten drastische Worte: „Wäre ich doch nur nach Australien gegangen, so wäre mir diese Arbeit erspart geblieben, die durch die Ungerechtigkeit der Tories und die Dummheit der Whigs entstanden ist! Die Doktrin, langsam Reformen durchzuführen, während die Menschen hungern, ist von allen dummen Dingen das dümmste – hungernde Menschen können nicht warten; und dass das englische Volk schlecht behandelt und schlecht regiert wurde und wird, ist meine feste Überzeugung. Die Verehrung des Mammons macht den Geist der Menschen niederträchtig, ihren Körper schwach und ihre Moral schlecht. Die Manufakturen erniedrigen Männer, Frauen und Kinder.“
Als im Frühjahr 1848 durch die Unruhen auf dem Kontinent die Throne ins Wanken gerieten, sorgte sich die Regierung vor einem Übergreifen auf das Inselreich und sah in den Chartisten den Motor einer solchen Entwicklung. Diese hatten für den 10. April 1848 zu einer Großkundgebung in London aufgerufen. Man rechnete mit 80 000 Teilnehmern, die „Times“ gar mit 170 000. Es waren schließlich 20 000, die sich auf dem Kensington Commons versammelten und bald von einem guten britischen Dauerregen auseinander- und nach Hause getrieben wurden. „Wir hatten unsere Revolution gestern“, bemerkte Prinz Albert ironisch, „und sie löste sich in Rauch auf.“
Die von Friedrich Engels vorhergesagte Revolution bleibt aus
Der Historiker David Cannadine schreibt in seinem Buch „Victorious Century“ über die Erleichterung nach dem glimpflichen Ausgang der Ereignisse: Sie wurden „von dem wachsenden Gefühl begleitet, dass den Revolutionen, die weite Teile Europas erschüttert hatten, entgangen zu sein bedeuten musste, dass das Vereinigte Königreich ein einzigartiger, ein ganz besonderer Ort war.“ Dieser Staat bot offenbar keinen Nährboden für eine große soziale und politische Umwälzung, wie sie neben anderen Theoretikern auch der mehr als 45 Jahre in England lebende Friedrich Engels zwar wiederholt vorhersagte, zu seiner Enttäuschung aber nie erleben sollte.
Stattdessen wurde das viktorianische Großbritannien zu einem Refugium für Menschen, die vor den Autokraten auf dem Kontinent flohen wie Karl Marx, ebenso wie für jene, die von den Revolutionen vertrieben wurden wie kurzzeitig der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I. (der preußische „Kartätschenprinz“), und auch gestürzte Potentaten wie Napoleon III. fanden auf der Insel Exil. Mit Stolz schrieb die „Times“ 1853: „Jedem zivilisierten Volk auf dem Antlitz der Erde muss bewusst sein, dass dieses Land das Asyl der Nationen ist und dass es dieses Asyl bis zur letzten Unze seines Besitzes und dem letzten Tropfen seines Blutes verteidigen wird. Es gibt nichts, auf das wir stolzer sind. Und entschlossener.“
Viktoria sah sich vor allem in den ersten zwei Jahrzehnten auf dem Thron als eine Liberale. Dies war in hohem Maße dem Einfluss ihres Gatten Prinz Albert zu verdanken, der zu ihrem wichtigsten Berater und zu einem Bindeglied mit den jeweiligen Regierungschefs wurde. Das Paar ließ ganz besonders seiner älteren Tochter, der 1840 geborenen Princess Royal Victoria („Vicky“), eine dezidiert staatspolitisch geprägte Erziehung zukommen. Die für das Mädchen arrangierte Ehe mit dem preußischen Thronfolger Friedrich wurde von Viktoria und Albert mit der Hoffnung begleitet, dass sich der künftige Herrscher unter Vickys Einfluss zu einem konstitutionellen Monarchen für Preußen und nach 1871 für das deutsche Kaiserreich entwickeln sollte. Die Krebserkrankung des 99-Tage-Kaisers Friedrich III. bereitete diesem Vorhaben ein brutales Ende.
Die vielleicht nachhaltigste Leistung Viktorias bestand darin, die britische Monarchie nach Herrschern von zweifelhaftem Lebenswandel oder gar, wie bei ihrem Großvater Georg III.
(reg. 1760–1820), mit psychischer Erkrankung wieder für breite Bevölkerungskreise akzeptabel und schließlich gar bewundert gemacht zu haben. Sie rehabilitierte die Institution der Krone. Dazu trug vor allem ein öffentlich zelebriertes, weil von der Presse mit großer Aufmerksamkeit verfolgtes Familienleben bei, das frei von Skandalen – die bisher ständige Begleiter des Hofes gewesen zu sein schienen – war.
Viktoria und Albert waren in schneller Abfolge neun Kinder beschieden. Die Berichte über die wachsende Familie und ihre geradezu bürgerliche Lebensweise trugen zur Beliebtheit der noch jungen Königin bei; die Sympathiewellen nach mehreren missglückten Attentaten unterstützen noch diesen Trend. Nach Alberts frühem Tod 1861 zog sich die von Schmerz und Trauer gepeinigte Queen für mehrere Jahre fast völlig aus der Öffentlichkeit zurück, was dem Ansehen der Monarchie vorübergehend schadete.
Ihre Heiratspolitik macht Viktoria zur „Großmutter Europas“
In höherem Lebensalter wieder sichtbar und mehr denn je im Bewusstsein der Briten präsent, wurde Viktoria – die über die Eheschließungen ihrer Kinder und Enkel mit verschiedenen Dynastien auf dem Kontinent zur „Großmutter Europas“ geworden war – endgültig zum Symbol des Landes, des Empires, des Lebensgefühls und der Epoche. Das Goldene Thronjubiläum 1887 und das Diamantene Thronjubiläum zehn Jahre später wurden Feste, an denen Großbritannien mit Stolz die Queen feierte – und sich selbst.
Viktoria erlebte zehn Premierminister, die gemäß etabliertem Brauch bei der Beauftragung zur Regierungsbildung der Monarchin die Hand küssen durften, einige davon mehrfach. Vor allem in der frühviktorianischen Ära war den Regierungschefs, ob Whigs oder Tories, eine zurückhaltende Außenpolitik gemeinsam. Die Jahre zwischen dem Wiener Kongress 1815 und den 1848er-Revolutionen stellten eine der längsten Friedensepochen des neuzeitlichen Europa dar. Großbritannien führte zwar eine Reihe „kleiner Kriege“ und unternahm militärische Interventionen in Übersee – in Afrika, auf dem indischen Subkontinent, in Afghanistan und in China. Es gab indes nur einen Krieg mit einer anderen europäischen Großmacht, den Krimkrieg.
Die internationale Position Großbritanniens war de facto über das gesamte Zeitalter höchst privilegiert. Die Royal Navy beherrschte die Weltmeere und machte die Britischen Inseln unangreifbar. Dass die Kriegsschiffe in Übersee gegen Piraten und Sklavenhandel (im Empire war 1807 der Sklavenhandel und 1834 die Sklaverei verboten worden) vorgingen, verstärkte das Selbstgefühl der Eliten als Teil einer fortschrittlichen, wie keine andere Großmacht humanistischen Idealen verpflichteten Nation.
Die Handelsbeziehungen waren weitreichend und wurden von kompetenten Fachleuten gemanagt. Ihr Gedeihen war keineswegs von den Kolonien als Markt britischer Produkte abhängig; das Handelsvolumen mit dem europäischen Kontinent, den USA und ostasiatischen Märkten wie China (wo Großbritannien in Form der sogenannten Opiumkriege 1839 bis 1842 und 1856 bis 1860 intervenierte) war höher als das mit den eigenen Besitzungen. Die Aufhebung der „Corn Laws“, der Getreidezölle, durch den konservativen Premierminister Robert Peel 1846 war der Startschuss zu einer Liberalisierung des Außenhandels.
Der Historiker Jürgen Osterhammel zeigt die Konsequenzen auf: „Einzigartig und geradezu revolutionär war, dass Großbritannien diese Maßnahmen unilateral verfügte, also keine entsprechenden Gegenmaßnahmen seiner Handelspartner erwartete. Dennoch löste dies eine Kettenreaktion aus … Die schnelle Ausbreitung des Freihandels führte dazu, dass bereits um die Mitte der 1860er Jahre zwischenstaatliche Zölle in Europa weitgehend abgebaut wurden. Europa wurde damals zu einer Freihandelszone, die von den Pyrenäen bis zur russischen Grenze reichte.“
Großbritannien konnte es sich erlauben, in einer splendid isolation, einer „glänzenden Isolation“, ohne Bündnisverpflichtungen zu leben – zumindest solange auf dem europäischen Kontinent ein Gleichgewicht bestand und keine andere Großmacht zu stark wurde. Der von den Zeitgenossen geschätzte Begriff Pax Britannica spiegelte das Selbstbildnis seiner Eliten und der scheinbaren Erfüllung einer historischen Mission wider: Unter der Vorherrschaft des Vereinigten Königreichs und seiner „gütigen“ wirtschaftlichen und militärischen Machtausübung wurde der Welt und vor allem Europa eine nie da gewesene Friedensepoche von fast einem Jahrhundert, von 1815 bis 1914, beschert.
Krimkrieg wird zum einzigen großen europäischen Konflikt der Epoche
Zu einer Zeitenwende in der britischen Außenpolitik kam es mit der Annäherung an Frankreich, das über Jahrhunderte der Erzfeind schlechthin gewesen war. Die Verbesserung der Beziehungen manifestierte sich in den gegenseitigen und weithin als Erfolge wahrgenommenen Staatsbesuchen von Viktoria und Albert bei Kaiser Napoleon III. und Kaiserin Eugénie. An der Seite Frankreichs stürzte sich Großbritannien in den einzigen größeren Krieg der Epoche. Beide Mächte erklärten zum Schutz des Osmanischen Reichs, an dessen Zerschlagung durch Russland sie kein Interesse hatten, dem Zarenreich den Krieg und schickten 1854 während der Regierungszeit des Earl of Aberdeen Flotteneinheiten sowie eine Invasionsstreitmacht ins Schwarze Meer – präziser: auf die Halbinsel Krim, die dem Konflikt seinen Namen gab.
In den dortigen Materialschlachten gab es keine Heldentaten. Der sinnlose Opfergang der Leichten Brigade, vom Dichter und Poet laureate Alfred Tennyson als „The Charge of the Light Brigade“ verewigt, wurde zum Symbol des Sterbens unter einer inkompetenten Militärführung. Den Tausenden Soldaten, die an Cholera oder an den grässlichen hygienischen Verhältnissen – das Bemühen, diese abzuschaffen, katapultierte die Krankenschwester Florence Nightingale ins Licht der Öffentlichkeit – starben, flocht man keine Kränze. Der Konflikt endete mit einem glücklichen Erfolg der Alliierten, der angesichts der Opfer wenig Begeisterung auslöste.
Dazu trug entscheidend bei, dass zum ersten Mal die Medien eine herausragende Rolle in der Wahrnehmung eines Krieges durch weite Bevölkerungsschichten spielten. Dank des technischen Fortschrittes der inzwischen auch über Meeresböden verlegten Telegraphenkabel konnten die hier ihre Premiere als Berufsstand erlebenden Kriegskorrespondenten ihre Berichte beinahe in Echtzeit in ihre Heimatländer schicken oder, präziser gesagt, kabeln.
Der Fotograf Roger Fenton agierte auf der Krim als der erste Kriegsfotograf der Geschichte. Fenton fotografierte keine Toten und keine Verwundeten, da er dies für unethisch hielt. Trotz dieser Zurückhaltung und ungeachtet des Fehlens irgendwelcher Schrecknisse auf seinen Bildern wirkten einige der Aufnahmen auf das Publikum daheim bedrückend, regten zum Nachdenken an. Die Außenaufnahmen unweit der in der Ferne erkennbaren Stadt Sewastopol zeigen eine öde Landschaft, die eher der Oberfläche des Mondes als einem Flecken Erde glich, um den zu kämpfen und auf dem zu sterben Sinn hätte.
Blutige Repression durch die Kolonialmacht
In anderen Weltteilen zogen die Briten als Kolonialmacht häufiger ins Gefecht, unter anderem gegen verschiedene indigene Stämme in Afrika und als Reaktion auf die Rebellion in Indien (Indian Mutiny) 1857/58, die mit großer Brutalität niedergeschlagen wurde. Indien war das Juwel des Britischen Empires.
Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein waren Englands führende Staatsmänner wie John Russell, der Earl of Derby und Viscount Palmerston mit dem Istzustand zufrieden. Der Scramble for Africa, der Wettlauf um afrikanische Besitzungen, ließ indes auch Großbritannien nicht ruhen. Noch im Jahr 1870 waren lediglich zehn Prozent des afrikanischen Kontinents unter europäischer Kontrolle, bis 1914 sollte dieser Anteil auf rund 90 Prozent ansteigen. Die britischen Besitzungen im Süden des Kontinents, wo der Politiker Cecil Rhodes zu einer treibenden Kraft der Kolonialisierung wurde, waren wahrscheinlich die wertvollsten; hier sollte sich der letzte Konflikt des viktorianischen Großbritannien entzünden.
Neben dem Streben nach Macht und Besitz, nach Handel und Bodenschätzen wurde mit Blick auf den Kontinent Afrika und seine Menschen in Großbritannien mehr noch als in den anderen Kolonialmächten eine „zivilisatorische Mission“ angeführt. Der Politiker und Publizist Henry Du Pré Labouchère (dass er ein Liberaler war, hinderte ihn nicht daran, im Parlament 1885 das „Labouchère Amendment“ einzubringen, mit dem Homosexualität unter Strafe gestellt wurde) fand für diese Propaganda deutliche Worte: „Wir sind ohne Ausnahme die größten Räuber und Plünderer, die jemals auf diesem Globus existiert haben; wir sind auch Heuchler, denn wir plündern und geben immer vor, dies zum Wohle anderer Menschen zu tun.“
Eine neue Größenordnung nahm Großbritanniens Verständnis seines Empires in der zweiten Regierungszeit eines seiner größten Premierminister an: Benjamin Disraeli. Kein anderer Premierminister gewann so das Vertrauen und auch die Zuneigung der Königin wie der charmante Disraeli. Der Vollblutpolitiker, der von 1874 bis 1880 in einer Blütezeit des Imperialismus amtierte, zog sich die Wertschätzung der Königin ganz besonders dadurch zu, dass er sie zur Kaiserin machte – zur Kaiserin von Indien.
Disraelis Nemesis und neben ihm der bedeutendste Staatsmann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, William Ewart Gladstone von den Liberalen, betrieb während seiner vier Amtszeiten als Premier (1868–1874, 1880–1885, 1886, 1892–1894) eine zurückhaltendere Politik. Oder, wie es Kritiker nannten, eine zögerliche. Dem in Khartum (Sudan) mit seinen Soldaten von den islamistischen Kämpfern des Mahdi eingeschlossenen General Charles Gordon (unvergesslich seine Verkörperung durch Charlton Heston im Spielfilm „Khartoum“ von 1966) sandte Gladstone zu spät Entsatz: Das den Nil entlang geschickte Expeditionskorps unter General Garnet Wolseley traf zwei Tage nach Gordons Tod in Khartum ein. Aus der schmeichelhaften Abkürzung GOM – grand old man – für Gladstone machten seine politischen Gegner, zu denen Königin Viktoria gehörte, nun MOG: murderer of Gordon.
Internierte Buren sterben in Konzentrationslagern
Ein düsteres Kapitel für das Empire war auch der letzte Konflikt zu Lebzeiten Viktorias, der von 1899 bis 1902 geführte Burenkrieg. Die Internierung der Frauen und Kindern der niederländisch-stämmigen Siedler in Einrichtungen, die von den Briten als concentration camps bezeichnet wurden und in denen neben rund 26 000 burischen Frauen und Kindern auch rund 20 000 indigene Afrikaner starben, war ein moralischer Tiefpunkt des Weltreiches.
Mit dem Beginn des neuen, des 20., Jahrhunderts war Großbritannien zwar noch die Weltmacht Nummer Eins. Doch unter den Eliten hatte sich zunehmend Unsicherheit breitgemacht, wozu neben dem wenig ruhmreichen Agieren im südlichen Afrika die veränderte globale Wirtschaftslage entscheidend beitrug. Der Anteil des Empires an Produktion und Welthandel war gesunken, die USA und Deutschland stiegen scheinbar unaufhaltsam auf.
Es lag stimmungsmäßig der Glanz einer untergehenden Abendsonne über dem Land, als Viktoria am 22. Januar 1901 auf Osborne House ihren letzten Atemzug tat. Auf den flimmernden Filmaufnahmen von den Trauerfeierlichkeiten für die Königin sind die Vertreter der großen europäischen Dynastien zu sehen, die Hohenzollern, die Habsburger, die Romanows. Wenige Jahre später waren sie verschwunden, das Empire folgte.
Großbritanniens liberale Demokratie indes, die in der viktorianischen Ära entscheidend geformt wurde, überstand alle Stürme des 20. Jahrhunderts und war vor allem in dessen finstersten Jahren mit Premier Winston Churchill, der den Burenkrieg als junger Korrespondent erlebt hatte, ein Leuchtturm der Hoffnung für Europa.
Literatur
David Cannadine, Victorious Century. The United Kingdom. 1800–1906. London 2018.
Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. München 2020.






