von THORSTEN DAMBECK
Kreist im eisigen Außenbezirk unseres Sonnensystems hinter dem achten Planeten Neptun ein weiterer Himmelskörper um die Sonne? Diese Vermutung war lange populär – bis zwei renommierte US-amerikanische Astronomen die Schätzungen zur Masse dieses neunten Planeten Revue passieren ließen. Denn im Lauf der Jahrzehnte waren ihre Kollegen zu immer geringeren Werten gekommen; zuletzt hatten sie ihm nur noch Bruchteile der Erdmasse zugeschrieben. Diesen Trend zugrunde gelegt, berechneten Alexander Dessler und Christopher Russell den Zeitpunkt, wann die Masse auf null gefallen und ihr Studienobjekt gleichsam verschwunden wäre. Der schwindsüchtige Himmelskörper, um den es dabei ging, heißt Pluto.
„Sie haben die Degradierung Plutos vorhergesagt“, schmunzelte kürzlich Konstantin Batygin vom California Institute of Technology bei einem Fachvortrag an der University of Delaware im Rückblick auf die bereits 1980 erschienene Publikation.
Heute weiß man, dass Pluto mit kaum 2,2 Promille der Erdmasse tatsächlich zwergenhaft ausfällt. Verschwunden ist er natürlich nicht, doch wurde ihm der Planetenstatus aberkannt. Das war 2006, als die Internationale Astronomische Union beschloss, ihn künftig nur noch als Zwergplaneten zu führen. Verantwortlich dafür waren Michael Brown, ebenfalls Planetenjäger am CalTech, und weitere Astronomen, die eine Reihe ähnlich sonnenferner Objekte entdeckt hatten. Somit ist Pluto – die vermeintliche Nummer 9 – nur eines unter vielen Mitgliedern des sogenannten Kuiper-Gürtels. Die Liste seiner Bewohner umfasst heute Tausende Einträge. Nur sehr wenige erreichen allerdings die Ausmaße des degradierten Explaneten.
Ein Riesenteleskop hilft
Wenn es nach Brown und Batygin geht, sollte ein anderes Objekt die Rolle als legitimer Planet 9 übernehmen. Jahrelang läuft bereits die Suche nach diesem hypothetischen Körper. Große Teile des Himmels sind danach abgesucht worden, bisher allerdings ohne greifbares Ergebnis. Jagen die Astronomen einem Phantom hinterher?
Auf diese Frage könnte das im vergangenen Sommer in Chile fertiggestellte Vera-Rubin-Teleskop bald eine Antwort geben. Es wurde nach der 2016 verstorbenen US-amerikanischen Astronomin benannt und ist besonders geeignet, Veränderungen am Himmel zu erkennen. Mit seinem Hauptspiegel von 8,4 Metern Durchmesser fotografiert es, wie eine riesige Weitwinkelkamera, in drei Tagen den gesamten Himmel – und das immer und immer wieder. Auch wenn sich Planet 9 wegen seiner Sonnenferne nur langsam bewegen dürfte, könnte das neue Teleskop ihn aufstöbern. „Es hat eine realistische Chance, ihn zu entdecken“, ist Batygin überzeugt.
Bisher hat niemand den scheuen Gesellen zu Gesicht bekommen. Batygin grenzt dessen Eigenschaften aber bereits ein. Demnach müsste er etwa das 6,6-Fache der Erdmasse besitzen und wäre damit im Sonnensystem ein Außenseiter. Unter den vielen Tausend bekannten extrasolaren Planeten ist diese Gewichtsklasse jedoch verbreitet. Der momentane Sonnenabstand soll zwischen 370 und 800 Astronomischen Einheiten (AE) betragen, wobei eine AE der mittleren Entfernung Erde–Sonne entspricht. Zum Vergleich: Neptun umkreist die Sonne in rund 30 AE, er braucht dafür fast 165 Jahre. Auch von der Neigung der Umlaufbahn des Gesuchten hat Batygin eine recht konkrete Vorstellung: Sie soll rund 20 Grad gegen die Bahnebene der anderen Planeten gekippt sein.





