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Die ersten Menschen Südamerikas
Als moderne Menschen von Nordasien, durch Beringia, Nord- und Mittelamerika bis nach Feuerland wanderten, war dies die längste Migrationsbewegung der Menschheitsgeschichte – und führte zu einem speziellen Effekt bei der Bevölkerung Südamerikas.
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von DAVID NEUHÄUSER
Der Spanier Hernán Cortés und seine Männer brachen 1519 von Kuba aus zur mexikanischen Küste auf. Nachdem sie die Maya-Stadt Potonchán erobert hatten, segelten sie weiter nordöstlich und gingen im April 1519 in Höhe von San Juan de Ulúa an Land. Cortés verbündete sich mit den wenige Jahre davor von den Azteken unterworfenen Totonaken und anderen Stämmen, die unter der Last der hohen Tributzahlungen an die Azteken ächzten. Mit ihrer Hilfe erreichte Cortés die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan, und sein Feldzug gegen die Azteken war am Ende erfolgreich. Allerdings nicht nur dank überlegener Waffen und militärischer Finesse, sondern besonders wegen eines Umstandes, der gar nicht in Cortés‘ Hand lag. Stefan Rinke, Historiker am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, schreibt: „Bereits seit 1518 hatte sich eine Pockenepidemie von Hispaniola aus in der Karibik verbreitet und dort zu horrenden Sterbeziffern unter der indigenen Bevölkerung geführt, die dagegen nicht immun war.“
Von Kuba kommende Spanier brachten die Seuche nach Mesoamerika, wo sie zunächst unter den Maya wütete. Um die Jahresmitte 1520 erreichte die tödliche Epidemie Zentralmexiko. „Nach Berechnungen von Historikern starben innerhalb eines Jahres rund vierzig Prozent der dortigen Bevölkerung.“ Das prominenteste Opfer war der Aztekenherrscher Tlatoani Cuitlahuac. Doch auch die Herrscher der nahe der Hauptstadt gelegenen Stadtstaaten Tlacopan und Chalco sowie der Herrscher des Volks der Tarasken fielen der Seuche zum Opfer – wie auch unzählige ihrer Untertanen. Einer mit der Krankheit einhergehenden Hungersnot, wohl zurückzuführen auf nicht mehr bestellte Felder und den Zusammenbruch der Infrastruktur, erlagen wahrscheinlich ebenso viele Menschen wie der Epidemie selbst.
Auch im Reich der Inka führten die Pocken zur Katastrophe: Als der Inkaherrscher Huayna Capac um 1527 einen Eroberungsfeldzug nach Kolumbien anführte, erkrankten er und ein Großteil seiner Truppen an den Pocken. Capac und viele seiner Männer starben. Von Kolumbien aus breitete sich die Seuche mit rasender Geschwindigkeit bei den Inka aus, noch bevor ein einziger Konquistador seinen Stiefel auf das Gebiet gesetzt hatte.
Bis 1618 hatten Pocken, und danach auch Diphtherie und Masern, große Teile der Bevölkerung getötet und die Gesellschaftsordnung aufs Schwerste zerrüttet. Die Krankheiten aus Europa, mit denen die Ureinwohner Amerikas bisher keinen Kontakt gehabt hatten, überrollten die Bevölkerungen. Ohne adäquate Antwort ihres Immunsystems erwiesen sie sich als so zerstörerisch wie die Pestepidemien im Europa und Zentralasien des Mittelalters. Die Epidemien töteten so viele Menschen, dass sich der Planet abkühlte, weil sich die Urwälder wieder stärker ausbreiten konnten.
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Wie eine neue Studie von Forschern der Nanyang Technological University und dem GenomeAsia 100K Consortium in Singapur beweist, war die fehlende Immunität, die den Eroberern den Weg frei machte, allerdings nicht ausschließlich darauf zurückzuführen, dass die amerikanischen Ureinwohner nie zuvor den Erregern aus Europa ausgesetzt worden waren, sondern auch auf ihre genetischen Eigenschaften – und diese wiederum haben ihren Ursprung in der Besiedlung Amerikas.
Das Forscherteam aus Singapur hat die Genome von 1.537 Menschen aus 139 Ethnien untersucht, um die Wanderungsbewegung der modernen Menschen von Asien über Nordamerika bis Mittel- und Südamerika nachvollziehen zu können – eine Wanderung, die 20.000 Kilometer und eine Zeitspanne von mehreren Jahrtausenden umfasst.
Durch die Analyse der Genome verschiedener Populationen konnte präzise festgestellt werden, an welchen Stellen sich Populationen von gemeinsamen Ahnen abspalteten und wie sich in neuen Lebensumgebungen genetische Mutationen durchsetzten. „Die Betrachtung der Mutationen dient uns gewissermaßen als Zeitmaschine“, erklärt Amit Gourav Ghosh, einer der Studienautoren, die angewandte Methode. „Wir nutzen diese Reihe von Mutationen – Millionen von Mutationen sogar –, um festzustellen, wann sich Populationen teilen und wie sehr sich die genetische Variation verändert, die auch etwas über Bevölkerungsgrößen in der Vergangenheit aussagt.“
Abwanderung von Nordasien
Alles begann während der letzten Eiszeit, als die Bevölkerung Nordasiens durch immer lebensfeindlicher werdende Bedingungen unter großen Druck geriet. Die Kälte, die schwindende Vegetation, kaum mehr Beutetiere bedrohten ihr Überleben. Bis die Natur ihnen einen Ausweg bot. Durch wachsende Eisschilde sank der Meeresspiegel um über 100 Meter und Land tauchte auf: Beringia. Viele stellen sich darunter eine etwa 1500 Kilometer lange geschlossene Landbrücke vor. Forscher um Jerome Dobson von der US-amerikanischen University of Kansas vermuten jedoch, dass es sich um ein Archipel aus zahllosen Inseln gehandelt hat und sich die Menschen von Insel zu Insel bewegt haben. Nach dieser „Trittstein“-Hypothese wurde Amerika von Asien aus über diese Inselwelt per Boot besiedelt. Doch auch wenn es die geschlossene Landbrücke gab, wird angenommen, dass die Menschen zuerst per Boot unterwegs waren, da das Land noch lange von Eis bedeckt war. Eine Erklärung, wie das möglich war, beruht auf der sogenannten „Kelp-Highway-Hypothese“ – zu deutsch etwa: Algenfernstraßen-Hypothese. Ihr zufolge legten die wandernden Gruppen immer in Küstennähe große Strecken per Boot zurück und ernährten sich dabei von dem, was das namengebende Algenbiotop (die Kelpwälder) hervorbrachte, also in erster Linie von Fisch und Meeresfrüchten.
Wann die Menschen in Asien aufbrachen und wie lange sie in Beringia unterwegs waren, lässt sich heute nicht sagen. Einen zeitlichen Anhaltspunkt fanden Forscher jedoch darin, dass sich die Genetik der sibirischen Bevölkerung schon seit über 26.000 Jahren von jener Bevölkerung unterscheidet, die zu diesem Zeitpunkt bereits in Beringia lebte.
Wie die Besiedlung Nordamerikas danach weiter verlief, wird noch kontrovers diskutiert. Eine genetische Studie aus Singapur bringt nun jedoch Erkenntnisse über die Ankunft der Menschen im äußersten Süden Amerikas vor rund 14.000 Jahren.
„Diejenigen, die Südamerika schließlich erreicht haben, sind diejenigen gewesen, die stets an der Küste entlang weitergewandert sind“, erklärt Ghosh. Dabei blieb wohl die Ressourcenknappheit über Jahrtausende ein bestimmender Faktor bei der grundlegenden Entscheidung über Gehen oder Bleiben. „Es ist die menschliche Natur“, sagt Ghosh. „Wenn es Hinweise auf reiches Land gab oder auf jagbares Wild, das sich in weiter entfernten Regionen befand, so folgten die Menschen ihnen.“ Jedoch nicht alle. Es war stets nur ein Teil der wandernden Gruppen, der entlang der Pazifikküste immer wieder vorwärts drängte. Einige siedelten sich auch an den Küsten Nord- und Mittelamerikas an und bevölkerten von dort aus entlang der Flüsse das Hinterland. So wurde die Wanderbewegung nach Süden von Generation zu Generation immer enger.
Ankunft in Südamerika
Zeitlich datieren Ghosh und seine Kollegen die Einwanderung über den Isthmus von Panama basierend auf den genetischen Analysen in einen Zeitrahmen von knapp 4.000 Jahren zwischen etwa 11.900 bis 8.000 v. Chr. Zum Vergleich: Der älteste archäologische Fund menschlicher Präsenz in Südamerika – in Monte Verde im Süden Chiles – wird bislang auf etwa 12.500 v. Chr. datiert. Beide zeitlichen Bestimmungen sind nicht hundertprozentig präzise, liegen jedoch letztlich so eng beieinander, dass sie einander durchaus bestätigen können. „Unsere Studie deckt sich sehr gut mit den archäologischen Erkenntnissen der ältesten Funde des Kontinents“, sagt Ghosh deshalb in Bezug auf Monte Verde. „Die Funde sind ungefähr genauso alt wie der Zeitpunkt, den wir ermittelt haben.“
Dass der älteste Hinweis auf menschliche Besiedlung ausgerechnet aus dem äußersten Süden stammt, stützt die Vermutung, dass sich die Einwanderer tatsächlich auch in Südamerika direkt weiter an der Küste entlang bewegten, und er beweist, dass sie vom Isthmus von Panama bis Feuerland nur 600 bis 4.500 Jahre brauchten. Bei über 7000 Kilometer Luftlinie ist das ein hohes Wanderungstempo dieser Menschen.
„Sie konnten die südliche Spitze des Kontinents sehr schnell erreichen“, sagt Gosh. Gleich nach Ankunft in Südamerika hatten sich überdies Gruppen gebildet, die sich auf unterschiedliche Routen begaben. „Wir können an den genetischen Auswirkungen erkennen, dass eine sofortige Spaltung der Wanderungsbewegung stattgefunden hat, und dass auf die rasch zunehmende Distanz Isolation folgte“, so Ghosh.
Die Hoffnung auf ein besseres Leben
Letztlich beweist das hohe Tempo der Migration, von dem die Forscher hier sprechen, einen gleichbleibend hohen Überlebensdruck. Warum sonst sollten sich Menschen entscheiden, immer weiter in die Tiefen des Urwalds vorzudringen oder die Höhen der Anden zu erklimmen? Dabei strebten die Gruppen immer vorwärts, ohne dabei viel über die Überlebenschancen jenseits des Horizonts zu wissen. Für viele Wanderer endeten diese Vorstöße tödlich. In den heute untersuchten Genpool haben es nur jene Menschen geschafft, die das Glück hatten, in der neuartigen Umgebung Nahrung und Unterschlupf zu finden sowie den auftretenden Gefahren trotzen zu können.
Die menschlichen Bewohner der Anden etwa machten von Anfang an Jagd auf die Vorfahren der heutigen Alpakas, andererseits forderten die extremen Höhenlagen besondere körperliche Anpassungen von ihnen. Andere, die etwa in den dampfenden Urwäldern angekommen waren, benötigten gänzlich verschiedene Fähigkeiten. Wie die genetische Studie zeigt, erfuhren die Gruppen, die sich nach ihrer Ankunft in Südamerika vor rund 14.000 Jahren von ihren gemeinsamen Vorfahren abspalteten, im Laufe der folgenden Jahrtausende sehr unterschiedliche evolutionäre Prägungen. Insgesamt vier genetisch unterscheidbare Gruppen hat das Forschungsteam aus Singapur identifiziert: eine im Amazonasgebiet, eine in den Anden, eine im Chaco (heute Teil von Paraguay und Argentinien) und eine in Patagonien – vier Populationen, die bereits unmittelbar nach der Einwanderung und in der Folge auch in den kommenden Jahrtausenden ohne jegliche Berührungspunkte gänzlich voneinander isoliert existierten.
Der Gründereffekt
Gründereffekt ist ein Begriff aus der Genetik, der die Reduzierung genetischer Vielfalt als Folge einer Populationsgründung durch eine relativ kleine Gruppe bezeichnet. Genau das lässt sich als Folge der Besiedlung Südamerikas beobachten. Durch die hohe Geschwindigkeit, mit der kleine Gruppen durch große Distanzen und geographische Grenzen voneinander getrennt wurden, entfaltete der Gründereffekt seine volle Wirkung. „Die effektive Bevölkerungsgröße und genetische Diversität in Südamerika wurde sehr klein“, sagt Ghosh. Dies sei unter anderem auf den immensen Druck zurückzuführen, dem die Gruppen während des gesamten Migrationsprozesses ausgesetzt waren – lebensfeindliche Umweltbedingungen und die schwierige Suche nach Nahrung. Eine über mehrere Jahrtausende hinweg wandernde Bevölkerung sei sehr anfällig für diesen Druck, weil sie sich nicht an einem Ort etablieren und Strukturen zum Schutz aufbauen kann. Dazu kommt: „Wenn sie sich fortwährend spaltet und die Reise immer weiter fortsetzt, wird ihre genetische Vielfalt langsam immer mehr reduziert – genau das ist es, was wir bei den Einwanderern in Südamerika sehen können“, fasst Gosh zusammen. Der Gründereffekt war bereits in Nord- und Mittelamerika relevant, verstärkte sich aber stetig Richtung Süden, entlang der alten Einwanderungsrouten. „Das Ausmaß und die schädlichen Folgen verstärkten sich, je weiter die Menschen südwärts wanderten“, erklärt Ghosh.
Natürlich war die Isolation der vier südamerikanischen Bevölkerungsstränge nicht auf Dauer. Noch bevor Kolumbus 1492 die „Neue Welt“ für die Europäer entdeckte, hatten sich rege Kontakte zwischen einzelnen Königreichen entwickelt. Die Mobilität war teilweise sogar sehr hoch; es gab Verbindungen zwischen den Bevölkerungen Südamerikas und des heutigen Mexiko. Die Vermischung dauerte jedoch nicht lange genug, um den Gründereffekt aufzuheben.
Die Folge: ein schwaches Immunsystem
Eine gravierende Wirkung des Gründereffekts bestand in einem verhältnismäßig schwachen Immunsystem der Menschen. „Mit wachsender Distanz reduzierte sich die immunogenetische Variation. Diese Reduzierung machte die Bevölkerungen sehr anfällig für Erreger, mit denen sie bislang in nicht Kontakt gekommen waren“, erklärt Gosh. Verheerend war also nicht nur, dass die Menschen mit fremden Erregern konfrontiert wurden, diese trafen auch noch auf ein durch den Gründereffekt geschwächtes Immunsystem. Die Ankunft der Europäer, die sich mit Waffengewalt an die Eroberung des Kontinents machten, war somit Auslöser zahlreicher Epidemien und bewirkte ein wahres Massensterben auf dem Kontinent.
„Die durch die neue Studie erzielten Ergebnisse zum „founder effect“ stützen meine Aussagen zur Immunschwäche der indigenen Bevölkerungen gegenüber aus Europa importierten Krankheiten und fügen diesen einen interessanten Aspekt hinzu“, kommentiert der Historiker Rinke.
Das Ergebnis der Studie könnte nun auch Impulse für den gesundheitspolitischen Umgang mit indigenen Gruppen in Südamerika geben. Regierungen und NGOs könnten die Erkenntnisse in die Planung neuer Programme mit aufnehmen. Dass die Studie allerdings tatsächlich spürbare Konsequenzen auf die medizinische Praxis haben wird, ist eher unwahrscheinlich. Zu klein sind die zuständigen NGOs und zu unterfinanziert die verantwortlichen Referate der Gesundheitsministerien. Einige der relevanten indigenen Gruppen sind heute überdies fast ausgestorben, darunter auch das im Süden Chiles beheimatete Volk der Kaweskar, das besonders stark vom Gründereffekt betroffen ist und das die niedrigste genetische Vielfalt aller Volksgruppen weltweit hat. Der letzte Kaweskar, welcher der Stammessprache mächtig war, ist kürzlich verstorben – somit existiert auch die Sprache nicht mehr. Alte Kulturen stehen kurz vor ihrem Ende – das hat auch Auswirkungen auf die Wissenschaft. Wenn der Welt verloren geht, was sie einmal besaß, setzt dies auch der Forschung eine Grenze. ■
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